Christchurch und ein erster Abschied

Die letzte Woche auf der Südinsel Neuseelands war nicht sehr entspannend für mich. Ich stand unter dem Druck, mein Auto möglichst innerhalb einer Woche zu verkaufen. Und ich musste mich an den Gedanken gewöhnen, dass meine Zeit in Neuseeland nun wirklich und wahrhaftig zu Ende ging.

Nach einem Jahr in Neuseeland steht der Work & Travel Reisende vor einer wichtigen Entscheidung: Entweder bucht er den Flug zurück nach Hause oder er sucht sich einen Sponsor und versucht, den Aufenthalt in Down Under zu verlängern. Verlängert er den Aufenthalt ist das bereits der erste Schritt, in Neuseeland sesshaft zu werden. Um ehrlich zu sein, ich rang mit mir, denn ich wäre gern weiterhin dort geblieben. Ich hatte mich in die Landschaft verliebt, in das Meer und die Weite. Ich mochte die Menschen, auch wenn es einige seltsame Leute unter ihnen gab. Und ich mochte die entspannte und unkomplizierte Lebenseinstellung, die Hilfbereitschaft und Anteilnahme der Menschen auch Fremden gegenüber.

Letztendlich siegte jedoch der Wunsch, wieder vertraute Gesichter zu sehen, meine Familie und Freunde in Deutschland und Europa. Ich konnte mir nicht vorstellen, auf ewig von ihnen räumlich so weit entfernt zu sein, und ich wollte wieder am sozialen Leben daheim teilnehmen. Also hieß es Auto verkaufen und die Rückreise planen, auch wenn es mir schwer fiel.

Auf bekannten Pfaden

Der Morgen begrüßte mich mit einem riesigen Regenbogen und ich nahm ihn als ein gutes Zeichen für mein bevorstehendes Vorhaben. Vom Lake Pukaki aus fuhr ich nach Springfield und übernachtete dort im Kowai Pass Domain Camp. Ich kannte das Camp bereits von meiner Reiseroute vom Arthurs Pass nach Christchurch. So wandelte ich auf bereits bekannten Wegen, was auf meiner ganzen Reise in Neusseland nicht oft der Fall war.

Ich hatte meine Route stets so geplant, dass ich kaum oder nie eine Straße zwei Mal fuhr.

Jetzt war es jedoch nicht zu umgehen und irgendwie auch beruhigend die Gegend wiederzuerkennen. Der recht billige Campingplatz besaß eine warme Dusche, eine spärlich ausgestattete Küche, aber auch eine Waschmaschine. Und so wusch ich ein letztes Mal vor dem Autoverkauf meine Klamotten, sortierte das Innere des Vans und tauschte bereits gelesene Bücher mit neuen vom Campingplatz, und kam so zu zwei ziemlich schnulzigen Romanzen und einem Western.

Auf fast jedem Campingplatz mit Gemeinschaftsräumen gab es eine Bücherecke, in der Gäste stöbern und sogar Bücher tauschen konnten. Ich machte jedes Mal davon Gebrauch und kam so zu einer ziemlich umfangreichen Bücherliste während meiner Reise.

Am nächsten Tag fuhr ich nach Amberley, nördlich von Christchurch. Ich wusste, es gab dort einen kostenlosen Campingplatz am Meer, den Amberley Beach Camping Ground, und eine gute Bibliothek mit WLAN. In der Bibliothek stellte ich die Anzeige für mein Auto nochmals in Facebook-Gruppen ein und erstellte einen Flyer, den ich in den Hostels im nahen Christchurch verteilen wollte. Ich spann eine kleine Geschichte um meinen Van, denn ich wollte ihn in Hände geben, die ihn genauso schätzen würden wie ich.

Ich gab ihm den Namen Buffo nach dem Ur-Ur-Großvater von Bilbo Beutlin und dem Nummernschild BUF. Schließlich pries ich ihn als Hobbit Van an mit der entsprechend vorhandenen kleinen Bibliothek aus dem Hobbit, Herr der Ringe und dem Location Guide zu den Filmen.

Zum zweiten Mal Christchurch

Ein Auto in Christchurch zu verkaufen, war kein leichtes Unterfangen. Die meisten Work & Travel Leute starteten ihr Reise auf der Nordinsel, kauften sich in Auckland einen fahrbaren Untersatz und fanden damit ihren Weg in den Süden. So hatte ich es ja auch gemacht! Einen guten Käufer in Christchurch zu bekommen war daher schwieriger und man bekam für das Auto weniger als auf der Nordinsel. Ich versuchte mein Glück, indem ich von Hostel zu Hostel lief und Flyer an Pinnwände heftete.

Prompt bekam ich auch einen Anruf von einem ominösen Interessenten aus Indien. Der wollte das Auto kaufen, ohne es gesehen zu haben. Ich hatte noch nicht von der Masche gehört, dass Leute aus dem Ausland Backpacker Autos kauften und dann nach ein paar Tagen das Geld wieder zurück transferierten. Aber mein Bauchgefühl ließ mich den Anruf abwürgen und auf weitere Angebote warten.

Ich sah diesmal mehr als beim ersten Besuch in der Stadt. Das erste Mal war es eher Sightseeing an den populären Plätzen. Diesmal war es zwar auch ein Wiederfinden der bekannten Plätze, aber auch Neues entdecken. Die kahlen Stellen von den letzten Erdbeben zwischen den Gebäuden fielen mir noch stärker auf. Aber auch solch Kuriositäten wie die Pinguin Ddekoration auf dem Busdach!

Rauch über den Hügeln

Nachdem ich kurz in der Bibliothek von Christchurch verschwand und Antworten auf Facebook beantwortete, sah ich es: Riesige grau-braune Rauchschwaden über den nahen Hügeln der Stadt. Ich dachte erst es sei irgendein Industrierauch, doch die Rauchwolken wurden immer größer, sodass es keinen Zweifel mehr gab. Die Hügel brannten!

Als ich abends im Blue Skies Holiday Park in Kaiapoi noch gerade so einen Stellplatz bekam (der Check-In war schon geschlossen), war auch hier das Feuer das Thema Nummer eins mit meinen Parkplatz Nachbarn. Wir rätselten, was es damit auf sich hatte und schließlich klärte uns eine ältere Frau auf: Die Hügel brannten, das hatten wir ja bereits gesehen, und es sei wohl das größte Feuer in der Gegend seit 70 Jahren. Ganze Straßen und Siedlungen wurden evakuiert und die Feuerwehr war in ständigem Einsatz, damit das Feuer sich nicht bis in die Standt ausbreite. So nah einer Naturkatastrophe war ich nicht seit dem Erdbeben drei Monate zuvor!

Leiser Abschied

Und dann war es soweit: Ich wusch mein Auto und gab es den letzten Schliff und fuhr zum ersten Termin von wirklich interessierten Käufern. Ich hatte unglaubliches Glück! Das deutsche Paar wollte meinen Van sofort kaufen. Sie planten eine Reise durch Neuseeland für sieben Wochen und suchten genau so ein Auto. Da sie noch das Wochenende bei Verwandten in Christchurch verbringen wollten, überließen sie mir mein Auto noch bis nach dem Wochenende und dann sollte ich mein Geld bekommen. Ich war so froh! Ich hatte mein Auto letztendlich ohne große Probleme verkaufen können an nette Leute und zu dem von mir geforderten Preis! Danke !

Ich umfuhr die immer noch andauernden Brände und verbrachte die letzten Tage im Van in Lincoln und am Meer. Den einen Tag plante und buchte ich meine weitere Reise in der Bibliothek, schließlich brauchte ich einen Flug zur Nordinsel. Ich hatte mich entschlossen, meinen Skydive in Taupo zu machen und sogar noch eine Surfstunde in Mount Maunganui einzulegen. Dazu brauchte ich Flug, Hostelbetten und Bustickets. Die letzten Tage in Neuseeland waren geplant.

Am Abend fuhr ich zur Lakeside Domain und stolperte über eine festivalähnliche Veranstaltung dort. Doch die Musik war nicht meins und verursachte mir Kopfschmerzen. Also flüchtete ich zu einem etwas ruhigeren kostenlosen Campingplatz nicht weit weg, Chamberlains Ford Reserve. Der Campingplatz war irgendwie skurril: Deutsche Teenies verbreiteten auch hier Festival Athmosphäre. Es gab kaum Reisende anderer Sprachen. Und ausgesetzte, wilde Hähne spazierten zwischen den Autos hindurch und suchten nach Brotkrumen.

Festivals in Neuseeland

Es gibt auch in Neuseeland viele Festivals, etwas größere, bekanntere oder kleinere, versteckte. Ich hörte von Bekannten, die extra zu Festivals in Takaka fuhren. Ich wollte keinem Festival hinterherfahren, sondern folgte meiner geplanten Route. Falls eines meinen Weg gekreuzt hätte, wäre ich hingegangen. Doch das war nicht der Fall. Andere Festivals wie das Steampunk Festival in Oamaru oder das Art Deco Festival in Napier verpasste ich leider um Monate. Die einzige Gelegenheit ergab sich in Paekakariki als die Lebensgefährtin meiner Gastgeberin ein Festival in Hastings organisierte. Doch zu dem Zeitpunkt war mein Bedürfnis nach ein wenig Ruhe größer. Auch oder vor allem, wenn ich viel unterwegs bin, brauche ich Verschnaufpausen zwischendurch. Zeit zum Verarbeiten, oder wie meine Mutter es nennt: Sortierzeit.

Sortierzeit

Solch eine Sortierzeit war gerade nötig. Ich suchte auf der Landkarte den nächsten Zugang zum Meer und fuhr an einen entlegenen Strand. Ich genoß das Rauschen der Wellen, die Weite der See und die Ruhe vor den Menschen. Der Abschied überwältigte mich, ein vages Gefühl von Empfindlichkeit, aber ohne konkreten Anlass. Solch ein Gefühl hatte ich auch schon am Anfang der Reise: aufgestaute Emotionen, Unruhe, Unsicherheit, was kommt als Nächstes und natürlich Abschied. Ein Zwischending von Festhalten am Bekannten und Angst vorm Loslassen, aber auch Neugier auf Kommendes und eine Ahnung all der Möglichkeiten. Ich konnte die Anspannung nicht einfach abschütteln, doch es half die Füße ins Wasser zu halten, den Wind in den Haaren zu spüren und Steine am Strand zu bemalen. In der Ferne hob sich Akaroa vom Horizont ab und erinnerte mich an die Zeit zwischen den Jahren.

Letzter Tag in Christchurch

Meinen vorletzten Tag in Christchurch verbrachte ich im Botanischen Garten. Ich fuhr zum Hostel Kiwi House in Christchurch, da es als eines der wenigen Hostels Autostellplätze besaß. Und am Abend besuchte ich das chinesische Laternenfest im Botanischen Garten. Das asiatische Neujahr wurde hier gefeiert und leitete das Jahr des Hahns ein. Es war ein wundervoller Abend mit vielen schönen Lichtern. Ich wandelte unter den Bäumen, beobachtete die Leute und war fasziniert von den vielen Figuren, die umso schöner aussahen, je dunkler es wurde.

Am folgenden Tag räumte ich ein letztes Mal meinen Van auf und übergab es dem deutschen Paar. Es war seltsam die Schlüssel aus der Hand zu geben. Der Van war fast sieben Monate mein Zuhause gewesen, mein Wegbegleiter. Ich hatte Abenteuer mit ihm erlebt, um ihn gebangt, als er komische Geräusche von sich gab, und ihn wieder aufgepäppelt. Er war mein erstes eigenes Auto und ein Stück Unabhängigkeit. Wehmütig sah ich ihm nach, als xy mit ihm davonfuhren. Ich vergaß sogar ein Abschiedsfoto zu machen!

Einen Tag später flog ich schon nach Auckland. Müde und unausgeschlafen stand ich am Flughafen und wartete darauf, den Flieger zu besteigen. Plötzlich wurde ein Lied aus dem Disney Film Moana (deutsch: Vaiana) über die Lautsprecher gespielt und ich lächelte in mich hinein. Letztendlich blieben mir immerhin noch ein paar Tage auf der Nordinsel!