Wanaka – die letzte Wanderung

Wanaka hieß meine letzte Station auf der Südinsel. Die Tage dort waren wie ein langsames Abschiednehmen, ein Abschied von der Südinsel, von Neuseeland und überhaupt der südlichem Hemisphäre. Ich folgte den Empfehlungen des Kapitäns aus Dunedin, traf Quentin wieder und warf einen letzten Blick auf die südlichen Alpen und Lake Wanaka.

Ich befand mich auf dem Campingplatz zwischen Alexandra und Cromwell und nach einem schnellen Frühstück im hellen Sonnenschein führte mich meine Weg durch die Stadt des Riesenobsts. Es gibt 14 Orte in Neuseeland, die berühmt sind für ihre riesigen Skulpturen von Lebensmitteln und alltäglichen Dingen. In Paeroa hatte ich bereits Bekanntschaft gemacht mit der Riesen-LP-Flasche und in Cromwell war nun das Riesenobst nicht zu übersehen.

Als ich anhielt, um ein paar Fotos zu machen, kam mir einer der Bauarbeiter am Straßenrand ungewöhnlich bekannt vor und ich erkannte Quentin wieder. Er war der Steinmetz, den ich auf dem Campingplatz in Omakau kennengelernt hatte. Wir verabredeten uns für die nächsten Tage, da er ebenfalls plante nach Wanaka zu fahren. Ich überließ ihn seiner Arbeit und wendete mich Richtung Norden.

Cardrona und der BH-Zaun

Nachdem ich mehr als einen Monat zuvor meinen Besuch aus Deutschland in Dunedin zum Bus brachte, blieb ich noch einen Tag in dem dortigen Camp. Und lauschte am Abend einem Gespräch zwischen zwei deutschen Jugendlichen und einem älteren Mann, die die Sehenswürdigkeiten Neuseelands erörterten. Wie sich herausstellte war der massige und bärtige Mann ein Schiffskapitän, der in Neuseeland den Winter verbrachte. Jörg hieß er und warf mit Empfehlungen und Insidertipps nur so um sich. Er empfahl mir unbedingt über Cardrona durch die Berge nach Wanaka zu fahren!

Was war das Besondere an dem kleinen Ort am Straßenrand? Zum einen sah es aus wie eine Stadt aus dem Wilden Westen, es fehlten nur noch Cowboys und Saloon Girls und die Atmosphäre wäre perfekt. Zum anderen wurde Cardrona berühmt durch den sogenannten Bra Fence (engl. BH Zaun). Keiner weiß sorecht wie diese unübliche Touristen Atrraktion anfing. Sicher ist nur, dass zum Jahreswechseln 1998 die ersten BH’s an dem Zaun befestigt wurden und es mit der Zeit immer mehr wurden. Er wird seither kontrovers diskutiert: Einige wollen ihn nicht, da er Autofahrer von der Straße ablenken würde und er auch sonst eine Beleidigung für das Auge wäre. Die Anderen feiern ihn als meist fotografierte Attraktion der Gegend. Letztendlich nahm die neuseeländische Stiftung gegen Brustkrebs den Zaun unter ihre Fittiche und konnte dadurch einen guten Anteil an Spenden sammeln.

In Wanaka angekommen, begab ich mich gleich in die Bibliothek und kontrollierte meine aufgegebenen Anzeigen für den Autoverkauf, doch bisher gab es keine Antworten. Also fuhr ich zum nahen Strand am Lake Wanaka, setzte mich in die Sonne und genoß die Wärme. Nach den Wochen des wechselhaften und kalten Wetters war es fast schon zu sommerlich!

Schließlich fuhr ich zum Albert Town Campground, einem kostenlosen Campingplatz mit der minimalsten Ausstattung, doch viel Platz zum Parken. Er befand sich in der Nähe eines Flusses unter Bäumen und mit ein paar tierischen Bewohnern. Sobald ich mein Auto am Flusshang geparkt und meine Picknickdecke ausgepackt hatte, kamen sie auch schon angewatschelt: eine kleine Entenfamilie, die mich zu jeder Mahlzeit besuchten und um Essen bettelten. Es war lustig, sie zu beobachten und letztendlich als ich meine Decke ausschüttelte, war bestimmt auch der ein oder andere Brotkrumen dabei.

Isthmus Peak

Die Nacht in Albert Town war fast schon kalt, die Nähe zu den Bergen deutlich spürbar. Dennoch begrüßte mich der Morgen mit Sonnenschein und gefiederten Frühstückspartnern. Meine letzte Wanderung in Neuseeland stand auf dem Plan. Die beliebteste Tageswanderung in Wanaka ist der Roys Peak, doch ich hatte keine Lust auf viele Menschen und entschied mich für die weniger frequentierte, aber ebenso schöne Route zum Isthmus Peak. Der Parkplatz war sehr leicht zu übersehen und das erste Mal fuhr ich tatsächlich vorbei. Es folgte ein ziemlich steiler Aufstieg und ungeübt wie ich war, kam ich schnell aus der Puste. Umso mehr Bilder machte ich in meinen Verschnaufpausen. Die Wanderung kam mir länger vor als erwartet, nach jeder Wegbiegung hoffte ich endlich am Ziel zu sein, doch immer wieder wartete ein nächster Wegabschnitt auf mich.

Und dann war es doch soweit: endlich hatte ich den Gipfel erreicht und es erwartete mich ein 360° Panorama auf zwei Seen und die gras- und schneebedeckten Berge. Die Aussicht belohnte die Anstrengung alle mal! Der Wind war kalt und es war deutlich spürbar, dass er von den Gletschern kam. Ich hatte fast den Geruch von Schnee in der Nase. Die umgebenden Berge sahen rauh und schartig aus, als wären sie frisch aus der Erde geschnitzt. Die Bergspitzen waren blank, ohne Baum und Bewuchs. Irgendwie sah es fast aus wie eine Ansicht aus dem Weltall von oben oder eine topografische Karte. Ich hatte das Gefühl höher zu sein, als es tatsächlich war!

Insgesamt war ich sechs Stunden unterwegs und es fühlte sich noch länger an. Auf dem Weg traf ich frei laufende Schafe, andere wortkarge Wanderer und am Ende sogar ein Reh. Völlig erledigt, aber glücklich wollte ich am Abend auf einem nahen Campingplatz übernachten, doch der war schon komplett voll. Also ging es wieder nach Albert Town ohne Dusche oder Küche. Ich wusch mich im eiskalten Fluss, die Enten um mich herum und las schließlich die letzten Seiten von Herr der Ringe!

Wenn ich die Wandertage auf dem Greenstone and Caples Track nicht mitzähle, las ich den Wälzer von Tolkien innerhalb von zehn Tagen – und das im Original! Das war definitiv ein neuer Rekord!

Roys Glacier und Diamond Lake

Der nächste Tag war windig und ich hatte vor, zum Roys Glacier zu fahren. Was ich nicht bedachte, war mal wieder die Schottersttraße. Diese war in einem so schlechten Zustand, dass ich auf der Hälfte der Strecke das Auro wendete. Meine Van gab bereits seltsame Geräusche von sich, als ich ihn durch die Schlaglöcher zwang und letztendlich wollte ich einfach kurz vor dem Verkauf kein unnötiges Risiko eingehen. Vom Gletscher konnte ich auch von Weitem einen Blick und ein Foto erhaschen.

Auf dem Rückweg hielt ich am Diamond Lake an und wanderte einmal um ihn herum. Der Weg führte zuerst am Ufer entlang und schließlich eine Anhöhe hinauf. Meine Beine taten weh vom Vortag und ich ließ mir Zeit. Von einem Aussichtpunkt aus hatte ich einen sehr guten Überblick über die Gegend. Der See sah aus wie ein blaues Auge in all dem Grün.

Von Queenstown bis Wanaka war die Landschaft geprägt von Weidenbäumen. Sie sind eine meiner liebsten Bäume. Vor dem Fenster meines Elternhauses standen zwei Weiden und ich liebte es, wenn am Morgen die Sonne durch das Fenster fiel und die Schatten der Weidenblätter Lichtspiele an die Wände warfen.

Meine Heimat, die Uckermark, ist ebenfalls eine Landschaft vieler Weidenbäume und vielleicht fühlte ich mich deshalb auch so wohl an diesem Ort in Neuseeland.

An dem Abend leistete ich mir wieder einen richtigen Campingplatz mit Dusche und Küche. Ich fand einen Stellplatz direkt am Wasser und konnte durch die Fenster des Vans die tolle Aussicht genießen. Es ist schon purer Luxus mit dem Blick auf die Berge einzuschlafen und aufzuwachen!

An diesem Morgen schlief ich aus und machte mich erst spät auf den Weg. Ich war noch erschöpft von den vorangegangenen Tagen und nahm mir deshalb nicht viel vor. Ich verbrachte den größten Teil am Lake Wanaka bei der ikonischen Weide, dem Crack Willow Tree. Diese einzelne, eigentlich ziemlich krumme Weide ist eines der Wahrzeichen Wanakas und viele Toristen pilgern zu diesem Ort und machen natürlich alle möglichen Schnappschüsse. Inzwischen soll die Weide sogar ihre eigene Facebookseite haben! Zugegeben, dieser zarte Baum vor den fernen Bergen, der aus dem See zu wachsen scheint, hat eine besondere Ästhetik. Ich saß am Ufer in der Sonne und versuchte den Baum ausnahmsweise einmal zeichnerisch festzuhalten.

Am späten Nachmittag fuhr ich schließlich zu Quentin auf den Albert Town Campingplatz. Er stand am Ufer des Flusses mit einem Belgier, dessen Namen ich vergessen habe, und betrachteten Quentins Werk: Er hatte eigenhändig und ohne großes Werkzeug eine Steintreppe zum Fluss gebaut aus riesigen Steinplatten. Am unteren Ende befand sich ein Parkour für Kayaks. Die beiden versuchten sich nacheinander an den Stromschnellen und dem Slalomfahren und auch ich konnte es mir nicht verkneifen das einmal auszuprobieren. Es war ziemlich schwer mit dem Kayak durch die markierten Tore zu fahren, denn die Stromschnellen drückten das Boot immer wieder in andere Richtungen. Doch ich muss zugeben, es hat schon ziemlich Spaß gemacht.

Die beiden Männer sprachen jedoch die meiste Zeit auf Französisch miteinander und ich verstand nur einen Bruchteil oder fast gar nichts. So hatte ich dann doch keine Lust den Abend zu verbringen, als fünftes Rad am Wagen. Und trotz der Einladung doch zu bleiben, fuhr ich zum Lake Pukaki.

Mein Zeitplan sah vor am nächsten Tag bereits in der Nähe von Christchurch zu sein, um eventuelle interessierte Käufer zu treffen. Da kam mir der Zwischenstopp am Lake Pukaki gerade recht. Ich hatte von Furkhan gehört, dass seine WG dort das Wochenende verbringen würde und hoffte auf ein Wiedersehen mit der verrückten Gruppe. Also fuhr ich über den Lindispass zum Campingplatz am Lake Poaka, doch anscheinend hatte ich sie um einen Tag verpasst. Ich kannte den Campingplatz bereits von meiner Tour zwischen Berg und Küste.