Es war Februar. Mir blieben nur noch knapp vier Wochen in Neuseeland und ich hatte noch vier Dinge auf meiner To-Do-List: den Ort Wanaka, eine Surfstunde, einen Skydive und den Verkauf meines Autos. Für letzteres waren noch die Verlängerung der Registrierung und der neuseeländische TÜV fällig und so verschlug es mich in die Gegend um Alexandra.
Queenstown und Wanaka sind die beliebtesten Touristenziele auf der Südinsel Neuseelands und damit auch die teuersten Gegenden. Um nicht irgendwelchen zwielichtigen Gestalten auf den Leim zu gehen und ein bisschen Geld zu sparen, beschloss ich, mich in einer weniger Touristen überfüllten Gegend um die Formalitäten für mein Auto zu kümmern. Und mein Gefühl trog mich nicht.
Steppe und Pampa
Noch in Queenstown füllte ich meinen Lebensmittelvorrat für eine Woche und den Tank auf und verfuhr mich sogleich auf dem Weg zum nächsten Ziel. Dabei entdeckte ich im Vorbeifahren den Hinweis auf eine wirklich beeindruckende alte Brücke zum Bungee Springen: Kawarau Gorge Suspension Bridge. Erst später fand ich heraus, dass diese Brücke der erste Ort war, an dem man offiziell und kommerziell Bungee Jumping machen konnte!
Die Neuseeländer lieben aufregende und Adrenalin ausschüttende Freizeitaktivitäten, von Wildwasserfahrten über Free Climbing und Skydiven bis hin zu Bungee Jumping. Adrenalinjunkies kommen hier gänzlich auf ihre Kosten. Ich habe Reisende getroffen, die von fast jedem möglichen Ort auf den beiden Inseln einen Skydive gemacht haben. Ich mache mir aus solchen Aktivitäten nicht viel, doch ich nahm mir vor, wenigstens EINE verrückte Sache in Neuseeland zu machen. Da ich mein Leben nicht an einem elastischen Faden hängen lassen wollte, wie auf dieser Brücke, entschied ich mich für einen Skydive, doch dazu später mehr.
Ich verbrachte die Nacht auf einem Parkplatz, dem Campsite Champagne Gully, auf halber Strecke zwischen Cromwell und Alexandra. Ich war mir nicht sicher, ob ich als non-selfcontained car hier wirklich kostenlos übernachten konnte und war den ganzen Abend wachsam und auf der Hut vor möglichen Parkplatzwächtern. Der Ort war trotz der Nähe zur Straße wirklich romantisch. Ich parkte unter niedrigen Weidenbäumen an einem kristallklaren Fluss, dem Clutha River, und das Sonnenlicht flirrte durch die hellgrünen Blätter der Weiden. Ich lag in meinem Van und las und genoss das Sonnenlicht und die frische Luft durch die offenen Dachfenster. Am Morgen weckten mich die befehlartigen Rufe der Sportruderboote, die anscheinend hier trainierten.

In Alexandra kümmerte ich mich um die Autoangelegenheiten. Ich wollte es ja bald wieder verkaufen und für bessere Verkaufschancen aktualisierte ich noch einmal die Registrierung (rego) und machte einen Termin für den neuseeländischen TÜV (WOF) ein paar Tage später. Ansonsten bot die kleine Stadt Alexandra nicht viele Sehenswürdigkeiten. Allein von dem Otago Central Rail Trail hatte ich gehört. Dies ist ein Fahrradweg zwischen Clyde und Middlemarch, der auf den alten Trassen stillgelegter Bahnstrecken gebaut wurde und nun ein beliebtes Ziel für Fahrrad Trekking Touren ist. Da ich lieber wandere als mich auf einem Fahrrad abzustrampeln, kam dieser Trail für mich nicht in Frage. Und ich hatte bereits andere Pläne, denn ich fand einige sehr vielversprechende Einträge im HdR Location Guide und so folgte ich nicht den Spuren alter Eisenbahnstrecken, sondern den Spuren der Filmindustrie.
Poolburn Recreation Reserve – eine Welt aus Steppe und Stein
Nach einer Nacht auf dem sehr gut ausgestatteten Campingplatz Omakau Recreation & Reserve folgte ich wieder einmal staubigen Schotterstraßen, die mich in eine abgelegene Gegend führten. Mein Ziel hieß Poolburn, einer der Orte an denen Szenen von Rohan gedreht wurden, dem Land des Reitervolks aus Herr der Ringe. Wie in dem Buch beschrieben, fuhr ich durch steppenartiges und braunes Grasland. Doch das war nicht langweilig, denn die Grasdecke war durchbrochen und übersät mit schroffen, bizarren Felsen und jede Wegbiegung brachte neue faszinierende Formen zu Tage. Ich fuhr manche Wegabschnitte fast im Schritttempo, damit ich so viel wie möglich von der Landschaft sehen konnte (also nicht nur, weil ich mal wieder um mein Auto bangte).

Am Ende des Weges lag ein See inmitten dieser beeindruckenden Landschaft. Dort hielt ich an und setzte mich auf ein paar Steine am Ufer, um hier in der Filmkulisse ein weiteres Kapitel aus dem Buch zu lesen. Noch immer bekomme ich Gänsehaut bei der Erinnerung daran. Es war unglaublich toll! Irgendwann wurde der Blick gestört von einem Camper, der sich genau auf die kleine Halbinsel stellte und sich dort ausbreitete. Die Touristen und die Zivilisation sind nie weit weg. Auch am Ufer des Sees waren in einiger Entfernung Hütten zu erkennen, Wochenendhäuser in der Abgeschiedenheit. Nachdem ich noch ein bisschen am Ufer entlang gewandert war und den Ort auf mich wirken gelassen hatte, trat ich den Rückweg an. Doch nicht ohne bei den besonders bizarren Felsen anzuhalten und mit letzter Akku-Kraft noch viele schöne Bilder aufzunehmen.
Ich ließ das Auto einfach am Wegesrand stehen und spazierte ziellos über die braunen Wiesen und durch das hohe, goldene Steppengras und Heidekraut. Die Steine um mich herum sahen aus wie die gezackten Gebilde vom Silvesterbleigießen. Ich vermute, dass das Gestein recht porös und weich ist. Wind und Wetter werden dann diese Gebilde geformt haben. Manche Steine sahen aus als würden sie jeden Moment umkippen, manche hatten Löcher, durch die man den Himmel sah, und wieder andere sahen aus wie schlafende Riesen oder Drachen. Ich hätte dort Stunden um Stunden, wenn nicht sogar Tage verbringen können. Doch mit meinem Auto durfte ich in dem Gebiet nicht einfach so übernachten. Es war schließlich ein Naturschutzgebiet. Man findet Poolburn nicht oft in irgendwelchen Reiseführern, aber es ist definitiv ein Geheimtipp!
St. Bathans – Auf den Spuren einer alten Goldmine
Mein nächstes Ziel stand diesmal doch im Reiseführer: St. Bathans, nördlich von Alexandra und Poolburn. Ich richtete mich häuslich ein auf dem spärlich ausgestatteten Campingplatz in St Bathans Domain Campsite. Dort nutzte ich den folgenden grauen Tag zum Lesen, Sachen Ordnen, Souvenirs Vorbereiten und Entspannen. Ich teilte mir den Campingplatz mit anderen weit auseinander stehenden Campern und einer großen Familie von Kaninchen, die meinem Auto wohl nur deshalb so nahe kamen, weil ich keinen Hund dabei hatte wie die anderen Camper.

Am zweiten Tag nutzte ich die warmen Sonnenstrahlen und ging zum Blue Lake in Saint Bathans. Dies ist eine überflutete, alte Goldmine, die nun als Naherholungsgebiet und Badesee dient. Auch hier erwarteten mich surreale Felsformationen. Das Gestein war weiß wie Gips und auch so weich, dass man die Witterungsspuren sah. Im Gegensatz zu den Felsen in Poolburn besaßen die Hänge des Seeufers weiche und fließende Formen, die mich an Landschaften aus Star Wars oder Bilder vom Mond erinnerten. Das Ufer war bevölkert mit Familien und Kindern und im See befanden sich bereits Kajaks und ein Einhornboot. Ich suchte mir ein ruhiges Fleckchen unter Weiden am Ufer und genoss die Sonne und das kalte Wasser an den Füßen. Zum Baden war es leider zu eisig.
Am Nachmittag folgte ich einem Rundweg oberhalb der Hänge. Es handelte sich um eine Art Lehrpfad, denn verschiedene Tafeln erklärten die Geschichte des Ortes und den Prozess der Goldgewinnung. Riesige alte und rostige Rohre, Stahlseile und Container lagen als Überbleibsel und stumme Zeugen einer anderen Zeit abseits der Wege herum. Die Zeit des Goldrausches war hier Wirklichkeit gewesen und gar nicht so lange her. Was sind schon hundert Jahre?! Ich war wirklich froh, dass ich doch den Abstecher ins Central Otago gemacht hatte, obwohl mich mein Weg und meine To-Do-List weiter in den Norden führten. Es gibt in der Ebene zwischen Cromwell und Dunedin keine Alpen oder atemberaubende Küstenabschnitte, doch selbst diese flache, oder besser flachere, Landschaft hält für den Besucher abseits der ausgefahrenen Straße besondere Orte bereit.
Neuseeländischer TÜV und Zoll in Deutschland
Am nächsten Tag war Waitangi Day und alles hatte ausnahmslos geschlossen. Mit diesem Nationalfeiertag wird dem Tag des ersten Vertrags zwischen Maori und Europäern gedacht, der in Waitangi geschlossen wurde. Heutzutage ist dieser Feiertag sehr umstritten, denn die Maori finden nachvollziehbarerweise nicht, dass sie diesen Tag als Feiertag begehen wollen, denn für sie gab es seit dem nichts zu feiern. Ich nutzte diese unfreiwillige Pause, um auf dem Campingplatz in Omakau mein Auto aufzuräumen und zu putzen, denn ich wollte ein paar Fotos für die baldigen Verkaufsanzeigen aufnehmen. Als ich in der Campingküche Pancakes machte, lernte ich Quentin kennen, einen französischen Steinmetz, der ebenfalls als Work & Travel Reisender mit Auto und Kajak durch Neuseeland zog. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass sich unsere Wege kreuzten.
Schließlich kam der Tag der TÜV Überprüfung und ich bangte die ganze Zeit der Untersuchung und drückte so fest die Daumen, dass das Auto noch bestehen würde. Es war schließlich Baujahr 1998 und hatte bereits 310.000 Kilometer hinter sich. Es bestand ohne Beanstandungen und ich war unendlich erleichtert. Ich stellte es sogleich online zum Verkauf, brachte mein erstes Heimatpaket zur Post (hauptsächlich Klamotten und Bücher sowie doch die Wanderschuhe, die ich nicht in Neuseeland lassen wollte) und fuhr zu meinem Nachtlager am Champagne Gully.
Kleiner Tipp zum Thema Pakete nach Hause schicken: Gebt das Paket immer als Geschenk an mit einem Wert nie höher als 50 Euro, sonst macht der Zoll Probleme! Meine Mutter musste mein Paket mit den dreckigen Wanderschuhen direkt vom Zoll abholen und nachweisen, dass ich ihre Tochter bin und eine Erklärung unterschreiben, dass nichts von den Gegenständen in Neuseeland gekauft wurde, von Souvenirs einmal abgesehen. Die Zollbeamten in der Uckermark freuten sich sichtlich über ein wenig Abwechslung und kosteten die Situation aus. Meine Mutter war jedoch ziemlich gestresst danach und das tat mich sehr leid.



















































