Greenstone and Caples Track – Vier Tage zu Fuß unterwegs

Nach dem ersten Experiment wollte ich es nun noch einmal probieren zu wandern. Diesmal vier Tage hintereinander, eine richtige Rundwanderung in den südlichen Alpen Neuseelands. Es waren Tage voller beeindruckender Landschaften und unerwarteten Begegnungen.

Ich ließ mir Zeit für den Aufbruch vom Lumsden Motor Camp. Ich hatte es nicht eilig, denn mein Ziel an diesem Tag hieß Queenstown und war nur knappe 100 Kilometer entfernt. Der Highway folgte dem Ufer des Lake Wakatipu und obwohl ich mich als Fahrer auf die Straße konzentrieren musste, nahm ich doch die landschaftlichen Veränderungen wahr. Zum Glück gab es alle paar Kilometer eine kleine Parkbucht am Hang, wo ich anhalten und Fotos machen konnte. Der See glich einem Fjord, denn er schlängelte sich als tiefe Schneise durch die Berge.

Nach einer schier endlosen Suche nach einem Parkplatz bekam ich den ersten Eindruck von der Stadt, in die es so viele Work & Travel Leute verschlug. Queenstown schien DIE Partystadt auf der Südinsel zu sein. Für meinen Geschmack war sie zu voll, zu touristisch, doch die Landschaft ringsum suchte ihresgleichen.

Queenstown liegt an einem türkisblauen Zickzack-See, dem Lake Wakatipu, umgeben von wolkenverhangenen Bergen und den ikonischen Remarkables, ein Bergzug, der diesen Namen wirklich verdient.

In der örtlichen Bibliothek passierte es mir das erste Mal in Neuseeland, dass der WiFi Zugang für eine halbe Stunde am Tag begrenzt war. Dies war offensichtlich eine Taktik mit den großen Touristenströmen in der Stadt umzugehen. Ich warnte meine Familie in Deutschland vor, dass ich eine Woche nicht erreichbar sein würde und sie sich keine Sorgen zu machen brauchten. Wir hatten die letzten Monate über alle paar Tage per WhatsApp Lebenszeichen über den Erdball gesendet und mindestens einer meiner Verwandten wusste immer über meine spontanen Reisepläne Bescheid. Diesmal würden sie etwas länger warten müssen. Im DOC Office besorgte ich mir schließlich Übernachtungstickets für die Hütten meiner geplanten Wanderung.

Die Nacht verbrachte ich dann in dem Twelve Mile Delta Campsite mit Blick auf die Berge und direkt am Wasser. Es war ein weitläufiger, wildromantischer Campingplatz mit Blumen und großen Weiden am Seeufer. Ich ließ den Tag mit Herr der Ringe Lektüre und einem einfachen Essen in der abendlichen Sonne ausklingen, bis ich vor den Sandfliegen ins Auto flüchtete. In den nächsten Tagen las ich den Sammelband von Herr der Ringe so oft sich mir die Gelegenheit bot, denn was gab es beeindruckenderes als gerade hier die Geschichte zu lesen, wo viele der großartigen Landschaftsaufnahmen der Filmreihe gedreht wurden? So verschlang ich die kompletten drei Teile innerhalb von zehn Tagen. Ein neuer Rekord, und das auch noch in der Originalsprache!

Ein Tag im Paradies

Mein nächster Stopp hieß Paradise. Katrin, die Deutsche, und der Retreat Manager aus Port Charles hatten vor  knapp einem Jahr hier auf einer Pferderanch und -retreat gearbeitet. Sie hatten viel von ihrer Zeit hier erzählt und kannten die Gegend sehr gut. Von ihnen hatte ich so manchen guten Tipp für meine Zeit auf der Südinsel bekommen. Doch es ist auch nicht einfach im Paradies zu leben:

Katrin verlor einmal ihre Kreditkarte und wollte sie sich zu ihrer Arbeitsstelle schicken lassen. Die Bankbeamten fragten nach der Adresse und sie antwortete wahrheitsgetreu „Paradise“. „Wollen Sie mich veräppeln?“ war die Reaktion am anderen Ende des Telefons. „Nein, natürlich nicht. Es gibt diesen Ort wirklich und ich arbeite hier. Glauben Sie mir!“ Widerstrebend lenkte der Beamte ein und fragte standardmäßig nach dem Straßennamen. „Paradise Road“ war wieder die Antwort. Katrin hatte wirklich Mühe, den Beamten zu überzeugen, dass der Ort und die Straße wirklich existierte und sie sich nicht irgendeinen Scherz erlaubte.

Mein Tag im Paradies war grau und Regen verhangen. Ich konnte nicht sehr weit sehen und die riesigen Schlaglöcher in der Schotterstraße ließen mich um mein Auto bangen. Nun verstand ich, warum Katrin solch ein geländegängiges Auto fuhr! Ich hielt nur kurz im Ort an, um ein paar Fotos zu machen und fuhr dann wieder zurück zum Highway. Paradise war eigentlich kein richtiger Ort, sondern lediglich eine kleine Ansammlung von Häusern am Ende des Lake Wakatipu. Für jede Besorgung mussten die Anwohner zum 13 Kilometer entfernten Glenorchy fahren. Doch Paradise war gleichzeitig Ausgangspunkt für mehrtägige Wandertouren und Pferdetrekking Abenteuer. Der letzte Posten bevor es ins Bergland ging.

Berge, Täler und Wälder – Greenstone and Caples Track

Meine Station für den Abend hieß Kinloch. Ich hatte bereits von dem Ort gehört (wieder kein richtiger Ort, sondern drei Häuser), denn eine Bekannte hatte hier vor zwei Jahren während ihres Work & Travel Abenteuers mehrere Wochen gearbeitet. Am späten Nachmittag kam ich dort an. Direkt neben der Lodge gab es einen kleinen Parkplatz, auf dem man kostenlos im Auto übernachten konnte, gleichzeitig war es der Parkplatz für alle Wanderer in den Bergen. Ich packte meine Sachen für die Wanderung und las natürlich ein Kapitel aus Tolkiens bekanntestem Werk. Es war erstaunlich, wie viel ich vom Hobbit noch wusste und von Herr der Ringe bereits vergessen hatte. Es war als läse ich die Geschichte noch einmal neu oder vielleicht auch mit anderen Augen? Ich glaube, es ist wirklich ein entscheidender Unterschied, ob man eine Übersetzung ins Deutsche oder das englische Original liest. Witz und Wortspielereien, von denen es eine ganze Menge gibt, sind so viel besser zu verstehen!

Tag 1 – Durch das Land der tausend Wasserfälle

Am nächsten Tag war es soweit: Ich begann den ersten Abschnitt des Greenstone and Caples Tracks. Ein kleines Hindernis gab es jedoch gleich am Anfang: Die Schotterstraße zum offiziellen Start des Wanderweges kreuzte mehrere Furten, Bäche, die über die Straße liefen und knietief waren. Ich hatte Angst um das Bodenblech meines Vans und so musste ich es in Kinloch stehen lassen und lief zu Fuß. Auf halber Strecke hielt ein Auto an und ein Mann mittleren Alters mit Namen Gerald nahm mich zum Wanderstartpunkt mit. Er selbst war an der Greenstone Wharf am Ufer des Sees mit seinem Bruder zum Angeln verabredet. Mit einer Einladung nach Queenstown entließ er mich meinem Vorhaben.

Der Greenstone and Caples Track ist ein Rundwanderweg in den südlichen Alpen, von dem weitere gut besuchte Wege aller Schwierigkeitsstufen abgehen, wie der Zugang zum Routeburn Track, The Divide oder der Mavora Lakes Track. Der Rundweg misst 61 Kilometer und im Durchschnitt benötigt man ungefähr vier Tage. Ich traf jedoch auch auf einen sehr enthusiastischen Wandergesellen, der die Runde in zwei Tagen schaffte!

Ich wählte diesen Rundwanderweg vor allem, da ich keine Lust hatte, mich extra um ein Shuttle vom Ende des Wanderwegs zurück zum Auto zu kümmern. Ein anderer Grund war natürlich, dass die Hütten der berühmten Great Walks für die nächsten drei Monate ausgebucht waren. Der Greenstone and Caples Track kam jedoch landschaftlich nah an diese viel bewanderten Routen heran und war bis dahin noch etwas wie ein Geheimtipp unter den Wanderern.

Für meine Wanderung hatte ich das wohl beste Wetter in den letzten vier vergangenen und den noch kommenden Wochen ausgesucht! Der Tag begann sonnig und nur kurz setzte zwischendurch ein feiner Nieselregen ein. Diesmal durchwatete ich die Bäche barfuß, denn ich hatte keine Lust auf klitschnasse Schuhe wie bei den Mavora Lakes. Der diesmal gut markierte und breite Weg führte mich durch eine sumpfige Flussebene. Vom vielen Regen war der Boden ziemlich aufgeweicht und von den Berghängen flossen um die tausend Wasserfälle. Ich fühlte mich wirklich wie im Tolkien Roman (vielleicht durch die intensive Lektüre der letzten Tage?), auch wenn solch eine Landschaft dort nicht beschrieben war. Was es dazu machte, war die Abwesenheit von Menschen und Kultivierung der Natur.

Das ist der größte Unterschied zwischen Neuseeland und Europa! Landschaftlich finde ich es doch sehr ähnlich. Klar, Neuseeland ist rauer, extremer, unkultivierter und menschenleerer. Hier bekam ich eine Ahnung davon, wie Europa vor hunderten von Jahren ausgesehen haben könnte. Ich fragte mich, ob die Berggipfel um mich herum auch bestiegen wurden? Wahrscheinlich war dies nicht notwendig, wenn es eine Passage durch die Berge am Fluss entlang gab. Bergbesteigungen waren in dem Fall den verrückten Berggipfelbezwingern vorbehalten. Ich jedoch folgte dem Caples River stromaufwärts und hielt mich oft an der Grenze zwischen den Flussauen und den dicht bewachsenen Wäldern auf. Nach vier Stunden und neun Kilometern – ich hatte es sehr ruhig angehen lassen – überquerte ich eine schmale Brücke über eine tiefe Schlucht und erreichte die erste Hütte, die Mid Caples Hut.

Die Hütten auf diesem Wanderweg waren sehr gut ausgestattet: 20 Betten mit Matratzen standen zur Verfügung. Luxeriöserweise gab es in den Hütten auf diesem Wanderweg  sogar richtige Wassertoiletten und Waschbecken!  Es gab einen Thekenbereich, in dem man mit seinem eigenen Campingkocher kochen konnte, Spülen mit Wasser, Tische und Bänke und in der Mitte des Raumes einen gusseisernen Ofen sowie ein Gitter, an dem man seine nassen Klamotten trocknen konnte. Purer Luxus verglichen mit meinen ersten Wanderhütten!

Drei Paare waren bereits in der Hütte: ein älteres und zwei jüngere. Ersteres kam aus Neuseeland und machte hier Urlaub in den Bergen. Sie blieben sogar einen Tag länger in der Hütte und genossen die Ruhe. Eines der jüngeren Paare kam aus Deutschland, Ina und Björn aus Hannover. Mit ihnen kam ich ins Gespräch und wir beschlossen, die kommenden Tage gemeinsam zu wandern. Es lagen wieder einige Flussüberquerungen vor uns und so war es vor allem der Sicherheitsgedanke, durch den ich mich ihnen anschloss.

Tag 2 – Hoch hinaus zum Bergsattel

Der Morgen begrüßte mich mit einer sonnigen und wunderschönen Aussicht. Gegen 09:00 Uhr brachen wir auf. Wie erwartet gab es einige Bäche und ich bekam wieder nasse Füße. Ansonsten war der Tag wunderbar klar, wolkenlos und sonnig mit einer wunderschönen Landschaft. Wir folgten weiter dem Fluss (eigentlich taten wir das an jedem Tag). Der Weg führte immer weiter hinauf auf Hochebenen und durch Buchenwälder, die mich an Zuhause erinnerten.

Die Berggipfel kamen immer näher und schließlich erreichten wir am Nachmittag den McKellar Saddle, den Bergsattel als Meilenstein des Tages. Auf 945 Metern Höhe führte hier ein Holzsteg über das Hochmoor. So wurde die empfindliche alpine Vegetation vor den schweren Stiefeln der Wanderer geschützt. Obwohl es sehr windig war, gönnten wir uns eine ausgiebige Mittagspause und genossen den Ausblick auf die schneebedeckten Berggipfel. Danach ging es hauptsächlich bergab, was es nun nicht unbedingt einfacher machte. Jeder Wanderer wird mir bestätigen können, dass vor allem die Knie bergab leiden.

Auf diesem Abschnitt begegneten wir auch einem der drei Ranger, die auf diesem Track unterwegs waren und regelmäßig die Hütten und Wege kontrollierten. Vor allem nach Stürmen, die es in diesem Sommer häufig gab, musste viel repariert, ausgebessert und für Wanderer wieder abgesichert werden. Das war die Aufgabe von Dave und seinen Kollegen. Ich hatte mich bereits gefragt, nach welchem System diese Wege und Bergrouten gewartet wurden. Jetzt hatte ich meine Antwort. Daves Kollege kam am Abend in der nächsten Hütte vorbei, um die Hüttentickets einzusammeln und nach dem Rechten zu sehen. Die Ranger hatten sogar eine eigene kleine Hütte für sich, in der sie in regelmäßigen Abständen auf ihren Touren entlang der Wanderwege übernachteten.

Nach insgesamt sieben Stunden kamen wir am Nachmittag in der McKellar Hut an. 22 Kilometer hatten wir an diesem Tag zurückgelegt. Das war zwar weniger als die 28 Kilometer in der Woche zuvor, doch wir hatten auch zusätzlich einige Höhenmeter zurückgelegt. Mein Rücken schmerzte bereits und meine Füße kühlte ich im nahen, klaren Bergbach ab. In den letzten Sonnenstrahlen des Tages wusch ich mich im Bach, verlor fast einen Flipflop, der munter davon schwamm, und lebte die Bergwanderer-Romantik. Ina, Björn und ich teilten unser Proviant (so kam ich auf der Wanderung zu einer warmen Mahlzeit 😉 ) und sprachen über die Eindrücke des Tages und die uns noch bevorstehenden Abschnitte. Björn hatte sogar ein Kartenspiel dabei und so spielten wir einige Runden MauMau. Es war ein wirklich wunderschöner Tag gewesen. Uns begegneten kaum Menschen und erst in der Hütte, die diesmal wesentlich belebter war, bekam ich einen Eindruck, wie viele Wanderer doch unterwegs waren.

Die Hütte lag genau an einem Punkt, wo sich der Wanderweg aus dem Süden (Mavora Lakes Track bzw. Te Araroa Trail) und der Greenstone sowie der Routeburn Track kreuzten bzw. ineinander liefen. Daher war diese Hütte in der Nacht fast vollständig belegt.

Tag 3 – Über Stock und Stein, Fluss und Sumpf

Das stete Trommeln des Regens weckte mich am dritten Morgen meiner Wanderung. Wir kamen alle samt nur mühsam aus unseren Schlafsäcken und dehnten das Frühstück so lang wie möglich aus, da wir drei darauf warteten, dass der Regen aufhörte. Als er schließlich gegen Mittag in ein sanftes Nieseln überging, brachen wir zur 18 Kilometer entfernten Greenstone Hut auf. Einige waren bereits schon vor uns losgegangen, andere nahmen die anderen Wege. Wir begegneten jedenfalls bis zum Abend keiner weiteren Menschenseele auf diesem Wanderweg. Am späteren Nachmittag brach dann die Wolkendecke auf und die Sonne tauchte die Landschaft in ein sattes Grün und Goldgelb. An diesem Tag führte uns der Weg durch alle Landschaften, die man sich vorstellen kann: durch dichte Buchenwälder à la Fangorn, durch Flussebenen mit hohen Gräsern wie in den Steppen Nordamerikas, durch Gestrüpp und verkrüppelte Baumhaine, durch die wir uns kämpfen mussten, durch Sümpfe und matschige Wege, über Geröllhalden, die aussahen wie verwitterte Burgmauern, aber von alten Erdrutschen stammten, und Birkenwälder wie aus russischen Märchen, in denen nur noch Gandalf, die Baba Yaga oder Rotkäppchen fehlte. Die grün belaubten Bäume knarrten wie wie uralte Türen. Moosbewachsene Steine säumten unseren Weg und über Wurzeltreppen stiegen wir waldige Hänge hinauf, versuchten auf Kieselsteinwegen nicht auszurutschen und suchten nach den schmalsten Stellen, um Bäche und Flüsse zu überqueren, die nach den langen Regenwochen ungewöhnlich viel Wasser trugen. Es war mit Abstand der landschaftlich abwechslungsreichste Tag der Wanderung!

Mit Ina und Björn hatte ich zwei Wandergefährten gefunden, die ein ähnliches Tempo an den Tag legten wie ich. Oft wechselte die Reihenfolge, wer an der Spitze lief und wer am Ende (oft je nachdem, wer gerade ein Foto gemacht hatte und wer weiter lief), doch insgesamt war es ein sehr schönes Wandertempo. Es entstanden so viele Fotos von den Landschaften und Panoramen, die letztendlich auf den Bildern nur einen Bruchteil der wirklichen Eindrücke wiedergaben. Die einzigen Lebewesen, denen wir begegneten waren schwarz-weiß gescheckte Kühe, deren Weideland wir kreuzten. Sie nahmen nur mäßig Notiz von uns Wanderern und ließen uns passieren. Mir sind diese massigen Tiere nicht ganz geheuer, doch sie wirkten so gelassen und ruhig, dass auch ich entspannt an ihnen vorbei schlenderte.

Die Schönheit der Wanderwege in Neuseeland ließ mich seltsamerweise nicht nach noch mehr Wanderungen in Neuseeland verlangen, sondern machte mich neugierig auf die Wälder Tschechiens, Ungarns und Osteuropas. Ein Phänomen, das mir immer wieder begegnete: In dem ich das Land am anderen Ende der Welt erkundete, wurde mir bewusst, wie wenig ich doch von meinem eigenen Heimatland kannte. Und ich nahm mich vor, das umgehend nach meiner Rückkehr zu ändern!

Wir legten ein ziemlich gutes Tempo hin und erreichten die nächste Hütte bereits nach sechs Stunden. Doch in meinen Füßen und meinem Rücken machte sich das Wandern bemerkbar. Sowohl Füße als auch Rücken wurden schneller müde als am ersten Tag und zwischendurch lief ich barfuß durchs hohe Gras, um einen Füßen etwas anderen Untergrund zu gönnen und zu atmen. Meine Schuhe und Socken stanken wie Tod und Verderben und ich beschloss sie nach der Wanderung zu entsorgen (was ich dann doch nicht tat und versuchte sie später in Deutschland noch einmal zu reinigen).

Tag 4 – Langsamer Ausklang der Tour

Auch der letzte Tag der Tour zeigte sich von seiner besten Seite: Die Sonne schien die ganze Zeit und der Weg führte diesmal wieder mehr durch Buchen- und Birkenwälder. Wir überquerten wieder einige Flüsse und konnten sogar ein paar der Emergency Bridges, der Notbrücken, benutzen. Diese halfen den Wanderern bei hohem Wasserstand relativ gefahrlos über die Ströme hinweg, dennoch war es eine sehr wacklige und nicht sehr Höhenangst freundliche Angelegenheit. Wir kamen an märchenhaften Wasserfällen vorbei und folgten wieder dem Fluss durch eine Auenlandschaft. Schließlich überquerten wir eine breite Holzbrücke, die über türkisblaues Wasser führte und an der sich der Kreis der Route schloss.

Nach 12 Kilometern und fünf Stunden Wanderung kamen wir schließlich am Parkplatz der Greenstone Wharf an. Ina und Björn nahmen mich noch mit ihrem Auto das Stück bis Kinloch mit, wo mein Van stand. Dann hieß es Abschied nehmen, die beiden wollten an diesem Tag noch bis Te Anau. Ich blieb jedoch noch ein Weilchen hier am See, aß und zog mir frische Sachen an und ließ die Wanderung noch ein wenig nachklingen. Ich wusste bereits damals, dass diese Zeit in den Bergen eine der stärksten Erinnerungen aus Neuseeland werden würden. Die Menschenleere, das Bewusstsein, sich fernab jeglicher Kommunikationsmöglichkeiten zu bewegen, die weiten Landschaften, all das hinterließ einen tiefen Eindruck. Lediglich einmal am Tag zeigte ein Helikopter an, dass die Touristen nicht fern waren, die zu den westlichen Gletschern flogen. Schließlich brach ich auf und besuchte „Isengard“, eine Landschaft aus Herr der Ringe, zu der die umgebenden Berge die Kulisse lieferten. Auf auf den Straßen schienen die Menschen fern und allein eine Herde Schafe traf ich auf meinem Weg zurück zur Zivilisation.

Der einzige Campingplatz, Mrs Woolly’s Campground, im nahen Städtchen Glenorchy warb sogar mit Glamping Möglichkeiten (einer luxeriösen Art des Campings, bei der Zelt und Ausrüstung gestellt und aufgebaut wird). Mir war es einfach nur wichtig, eine Kochmöglichkeit und eine Dusche zu haben. Auch das war hier in sehr moderner, hipstermäßiger Ausführung vorhanden und das schlug sich auch im Preis nieder. Egal, ein bisschen Luxus nach den Tagen der Wanderung war definitiv nicht verkehrt. Am Abend zog ich mit Flipflops beschuht einmal um die Glenorchy Lagoon, einer kleinen Bucht in Stadtnähe mit Aussicht auf die Berge und schwarze Schwäne. Es war wirklich ein schöner kleiner Spaziergang, der mir Zeit gab, wieder unter den Menschen anzukommen. In der Campingplatzküche kam ich mit zwei Finninnen ins Gespräch und wir unterhielten uns wie üblich über die Berge, Sehenswürdigkeiten und weitere Ziele auf der Reise. Als es dunkel war, zog ich mich in mein Auto zurück und hörte zum Einschlafen Melodien von Einaudi, wobei mir abermals die Bilder der durchwanderten Landschaften vor meinem inneren Auge entstanden.

Stopp in Queenstown

Die Nacht konnte ich so gut wie gar nicht schlafen! Ein Sturm zog auf mit böhigem Wind und Regen. Ich beobachtete, wie Zelte weg flogen und sich die armen Camper lieber in ihre Autos verkrochen als unter einer dünnen Plane Zuflucht zu suchen. Ich versuchte es weiter mit Musik, um die Sturmgeräusche und das Autowackeln auszublenden, doch das gelang mir nur mäßig. Am nächsten Tag nahm ich dann die Einladung von Furkhan, den ich im McKee Memorial Reserve am Nikolaustag kennen lernte. Ihn hatte es recht schnell nach Queenstown verschlagen und er wohnte hier in einer internationalen WG und verdiente sein Geld mit Gelegenheitsjobs in der Stadt. Er lud mich zum Grillen in seine WG ein und mich erwartete ein wirklich bunter Haufen mit lieben Menschen aus allen Teilen der Welt. Ich schaute mit ihnen den verrückten Film Eurotrip und kam mit einem 31-Jährigen Polen ins Gespräch, der aus Stettin stammte. Wir waren fast Nachbarn im heimatlichen Europa und liefen uns nun hier am anderen Ende der Welt über den Weg! Außerdem unterhielt ich mich noch lange mit einer netten Britin und ließ mir meine Fingernägel von einer Samoanerin rot lackieren, einfach weil sie Lust darauf hatte und ich es geschehen ließ. Es war wirklich ein lustiger Haufen und ein schräger Abend mit viel Musik und Gesprächen. Furkhan hielt sich eher abseits und war ziemlich ruhig. Ich glaube, er hatte etwas zu viel von dem lokalen Gras geraucht. Als es schließlich insgesamt ruhiger wurde, suchte ich mir einen Schlafplatz auf dem Sofa im Wohnzimmer unter einem riesigen Fenster mit Blick in den Sternenhimmel!

Wieder etwas munterer lud mich Furkhan zu einem Ausflug zu den Remarkables ein. Der Tag versprach sonnig zu werden und die Aussicht klar und weit. Das Bergmassiv trägt seinen Namen zu Recht – es ist wirklich bemerkenswert. Der Wind war so stark, dass selbst meine Dreadlocks mir um den Kopf flatterten! Von einem Aussichtspunkt auf halber Höhe konnte ich den ganzen türkisblauen See überblicken und erahnte sogar die kleine Stadt Glenorchy, die ich einen Tag vorher hinter mir gelassen hatte. Wir fuhren bis zum Ende der Straße auf dem Gipfel der Bergkette. Im Winter ist hier ein betriebsames Skigebiet, doch an diesem Tag war alles ruhig und verlassen. Ohne Schnee gab es nicht viel zu entdecken. Gegen Mittag kehrten wir wieder nach Queenstown zurück und ich verabschiedete mich von allen aus Furkhans WG. Ich hätte wohl noch ein paar Tage mit dem bunten Haufen verbringen können, alle bedauerten es, dass ich schon wieder weiter zog. Doch mir wurde immer mehr bewusst, dass meine Zeit in Neuseeland dem Ende entgegenlief und ich wollte den Rest noch so lange wie möglich unterwegs verbringen. Ich trank noch einen letzten Tee und aß die Reste vom Grillabend in der Hängematte mit Blick auf unser morgendliches Ausflugsziel und dann ging es wieder weiter.