In den nächsten Wochen sollte es mich tiefer in die Bergregion der südlichen Alpen ziehen. Hier wurden die menschenleeren Landschaftsaufnahmen für die Filme der Herr-der-Ringe-Reihe gedreht und hier wollte ich die Abgeschiedenheit finden und mich im Wandern beweisen.
Mein erstes Abenteuer startete bei den Mavora Lakes. Noch am Tag meiner Wanderung zum Key Summit fuhr ich am Nachmittag zu dem DOC Campingplatz an den Seen mitten im Nirgendwo. Bald schon nach Te Anau musste ich den State Highway 94 verlassen und fand mich auf unbefestigten Straßen wieder. 40 Kilometer lang schlängelte sich die Schotterstraße durch die karge Berglandschaft.
Als ich im trüben Licht (ja, das Wetter ist nirgendwo wirklich stabil in Neuseeland – den einen Tag Sonne, den anderen Tag wieder grau und kalt – man gewöhnt sich irgendwann an die Unbeständigkeit) endlich das Camp erreichte, hatte ich bereits das Gefühl, diese Gegend schon einmal gesehen zu haben. Zwischen den kahlen Bergen zog sich ein schmales Tal von Süden nach Norden. In der Landschaft dominierten Braun, fahles Grün und dunkle Erdtöne und am Ende des Weges erreichte ich die südlichste Spitze des ersten Mavora Lake (es gibt zwei: den North Mavora und den South Mavora). Vereinzelt befanden sich Campingautos und sogar ein kleines Zeltlager an den Ufern, doch die meisten waren unbewohnt (vielleicht Dauerresidenzen wiederkehrender Camper?) und ich hatte das Gefühl fast allein hier zu sein. Bei schönem Wetter ist es ein sehr beliebter Campingplatz mit zahlreichen Möglichkeiten zum Angeln, Quad Fahren, Mountain Biking oder Pferde Trekking.
Ich parkte mein Auto im Schutz der Bäume, wo der Schotterweg in den Wanderweg überging. Als ich mein Abendbrot am steinigen Strand des Sees aß, erkannt ich den Ort wieder: Klar, ich wusste es schon vorher dank meinem Film-Reiseführer, doch am Ufer konnte ich es auch erkennen. Hier wurde die Szene gedreht, als die Gemeinschaft der Gefährten im ersten Teil von Herr der Ringe zerbrach. Frodo verließ die Gruppe und trieb mit einem der Elfenboote auf den Fluss hinaus. Sam bemerkte die Flucht und lief ihm hinterher, ertrank fast bei dem Versuch, das Boot zu erreichen, und schließlich wurde er von Frodo gerettet und sie setzten ihre Abenteuer gemeinsam fort. All das fand hier statt! (Oder besser: wurde hier gedreht.)
Mavora Lakes Walk – Abseits der Zivilisation
Es folgte ein ziemlich verrückter Tag! Verrückt von der Sorte „warum mach ich das eigentlich?“ Mit der Wanderung an den Mavora Lakes wagte ich ein Experiment: Ich war noch nie vorher mit kompletter Wanderausrüstung über Nacht unterwegs gewesen. Und ich wollte auf dieser Strecke ausprobieren, ob ich mit dem Rucksack, dem Nötigsten der Ausrüstung und überhaupt, die Strecke wandern kann und klar komme. Dafür dachte ich, sei der Wanderweg sehr gut geeignet, denn an den Ufern der Seen befanden sich drei Hütten, eine nach sechs Kilometern, eine nach weiteren zehn und die dritte nach nochmals zwölf Kilometern. Je nachdem wie weit ich es schaffte, hätte ich so immer die Gelegenheit auf eine vorzeitige Übernachtung. Soweit der Plan!

Auf geht’s!
Ich ging den Tag entspannt an, schlief aus, packte meinen Rucksack und unterhielt mich mit einem freundlichen Ranger. Er empfahl mir, mein Auto neben seinen Camper zu stellen, dann könne er den Van im Auge behalten. Also parkte ich noch mein Auto um und dann ging es endlich gegen Mittag los.
Der Mavora – Greenstone Wanderweg ist eine 50 Kilometer lange Vier-Tage-Tour, die die beiden Seen und den Greenstone Track miteinander verbindet. Er führt durch offene Täler mit hohen Grasbüscheln und Hügeln mit Buchenwäldern. Ich wanderte den ersten Tagesabschnitt.
Der erste Abschnitt des Weges folgte dem steinigen Ufer der Seen zwischen niedrigen Bäumen hindurch. Durch eine Landbrücke getrennt lagen die beiden Mavora Seen schmal und lang gestreckt direkt hinter einander. Das Wetter war bedeckt und grau, doch noch regnete es nicht. Nach zwei Stunden kam ich zur ersten Hütte, der Careys Hut, am hinteren Ende des zweiten Sees. Ich setzte kurz den Rucksack ab, legte eine Pause ein und sah mir die Hütte an. Sie war sehr verlassen, im Inneren gab es einfache Holzpritschen an den Wänden und sie schien wirklich nur das Nötigste bereit zu stellen: einen Bretterverschlag für eine etwas trockenere Übernachtung. Beim Hinausgehen entdeckte ich dann noch den Hinweis, dass der Gast auf sein Essen Acht geben solle, denn es herrsche eine Rattenplage. Sehr einladend!
Zum Glück war es noch nicht sehr spät und ich wanderte weiter zur zweiten Hütte. Dieser Abschnitt verlief an den Berghängen entlang mit Blick auf das breite und verzweigte Flusstal. Quad Spuren zeigten an, dass diese Gegend doch noch nicht ganz so verlassen war und zumindest Ranger oder Viehbauern hier unterwegs waren. Das Wetter wurde schlechter und es setzte ein feiner Nieselregen ein.
Rob aus den Niederlanden
Nach weiteren zwei Stunden erreichte ich schließlich die Boundary Hut. Diese machte einen weniger baufälligen Eindruck und im Inneren, ich wollte mich etwas aufwärmen, traf ich Rob, einen Rentner aus den Niederlanden. Auf seinem Gaskocher machte er sich gerade Tee und gab mir eine halbe Tasse ab. Er war in Neuseeland um den Te Araroa Trail zu wandern, einmal von einem Ende zum anderen des Landes, in seinem Fall von der Südspitze nach Nelson im Norden der Südinsel. Er war allein unterwegs, doch sehr gut ausgestattet und schien mehr Erfahrung zu haben als ich, was nun wirklich kein Kunststück war. War dies doch meine erste Wanderung in der Art.
Was mir hängen geblieben ist, war sein GPS Gerät. Der enthusiastische Wanderer kann sich vom DOC ein solches Gerät ausleihen und am Abend muss er einen bestimmten Knopf darauf drücken, um anzuzeigen, dass er sicher in der Unterkunft gelandet ist. Wenn das nicht passiert, wird ein Suchtrupp losgeschickt.
Von Rob habe ich gelernt, warum man Wanderstöcke hat und was ich alles sonst noch so für eine lange Wanderung vergessen hatte. Er gab mir einen seiner Ersatzstöcke ab. Also, wozu sind solche Stöcke nützlich, abgesehen vom offensichtlichen Abstützen und Halt finden bei felsigem Gelände und müden Füßen?
Auf dieser Wanderung vor allen für zwei Situationen: Ich testete mit dem Wanderstock moosige Grasbuckel aus, ob sie nachgeben oder den Schuhen Halt geben würden. Es gab mehr als einen moorigen Wanderabschnitt, bei dem man Gefahr lief mit den Schuhen stecken zu bleiben.
Die andere Situation war die Überquerung von Flussläufen. Am Anfang war ich noch sehr darauf bedacht, trockenen Fußes an das andere Ufer zu gelangen. Im Laufe des Nachmittages ließ ich alle Hoffnung auf trockene Schuhe fahren und war einfach nur froh, wenn ich irgendwie auf der anderen Seite landete. Der Wanderstock half auch hier besseren Halt zu finden und nicht gleich von der Strömung mitgerissen zu werden.
Taipo Hut
Mit Rob an meiner Seite oder meistens hinter mir, schaffte ich es schließlich bis zur dritten Hütte. Gegen acht Uhr Abends kamen wir dort an und es dämmerte bereits. Das letzte Wegstück war dann doch noch sehr anstrengend geworden. Der anfänglich gut sichtbare Wanderweg verflüchtigte sich und nur orangene Stäbe in der Landschaft markierten die ungefähre Richtung des Weges, der uns durch unwegsames Gelände und einmal quer durchs Flusstal führte. Es ging über Geröllhalden, die der Fluss angehäuft hatte, durch Morast und sumpfige Abschnitte, durch Haine von krüppligen Bäumen und über Stock und Stein Hügel hoch und runter. Die Bilanz des Tages sah wie folgt aus: acht Stunden gewandert, sechs mal Gebirgsflüsse durchquert, 28 Kilometer zurückgelegt in Regen und kaltem Wind mit einer wunderbaren Aussicht auf menschenleere und unberührte Landschaften.
Taipo Hut hieß die letzte Berghütte, in der wir übernachten sollten. Unerwarteter Weise waren wir nicht die einzigen dort. Die kleine Hütte war mit fünf Menschen voll besetzt: ein belgisches Pärchen, ein ruhiger und ungeselliger Mann, Rob und ich. Zum Glück teilte sich das Paar eine der Liegeflächen und so bekam jeder wenigstens eine Matratze ab. Ich ließ die durchweichten Wanderschuhe draußen stehen und zählte die Blasen an meinen Füßen. Es war kalt und nass, in der Hütte kaum wärmer, da es keine Heizmöglichkeit gab und nur Robs Tee wärmte mich an diesem Abend. Dennoch möchte ich diese Erfahrung nicht missen. An diesem Tag erfuhr ich, was es heißt, wirklich mitten im Nirgendwo zu sein. Kilometerweit keine Menschenseele (außer den Wandergefährten) und der Horizont versperrt von den Berggipfeln ringsum. Während des Tages gab allein ein einzelner Hubschrauber, der Touristen zu den Gletschern im Westen brachte, einen Hinweis auf die Zivilisation. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl.
Wenn ich mich heute zurück erinnere, kommt es mir seltsam vor, dass ich dort in der Fremde mit den fremden Menschen und so weit ab jeglicher Kommunikationsmöglichkeiten keine Angst hatte, oder zumindest ein mulmiges Gefühl. Doch es war eher das Gegenteil. Ich hatte mich selten so sicher und auf den Moment fokussiert erlebt. Ich beginne zu begreifen, warum Menschen die Berge lieben.
Auf dem Rückweg
Am nächsten Morgen wachte ich bereits in der Dämmerung auf, wartete jedoch bis sich auch die anderen in der Hütte bewegten und trat aus der Bretterbude. Auf den Gipfeln der Berge lag Schnee, es hatte in der Nacht geschneit. Ein unwirklicher Anblick, denn bei uns im Tal war nichts davon zu sehen, nur war es merklich kälter geworden (entgegen jeder Erwartung der sommerlichen Jahreszeit).
Ich verabschiedete mich von Rob, denn er wanderte mit dem wortkargen Mann Richtung Norden weiter. Ich schloss mich dem belgischen Paar zurück Richtung der Seen an. Auch sie waren nicht sehr redselig und blieben unter sich. Ich wartete an jeder Flussüberquerung auf sie, damit wir gemeinsam durch das kalte Wasser waten konnten. Das war keine Höflichkeit oder Rücksichtnahme meinerweits, sondern einfach ein Bestehen auf basale Sicherheitsmaßnahmen. Denn eines hatte ich ebenfalls von Rob gelernt: Musst du auf dem Weg Flüsse überqueren, dann sieh zu, dass du eine Wanderbegleitung hast oder kennenlernst! Denn falls man doch umkippt und ein Stück auf dem Fluss treibt, dann hätte man zumindest jemanden, der einem wieder aus dem Wasser hilft. Ob die Belgier dabei wirklich so eine große Hilfe gewesen wären, sei dahin gestellt. Schließlich wanderten sie in der Kälte mit kurzen Hosen und Flipflops! Selbst ein Wanderer, der mir entgegen kam, schüttelte über die beiden den Kopf.
Mit ihm kam ich auch in ein kurzes Gespräch und stellten fest, dass wir gemeinsame Bekannte hatten: die Dawsons aus Katikati. Wie klein doch Neuseeland ist!
Auch an diesem Tag war das Wetter grau und regnerisch, doch die Sicht war besser und ich konnte ein paar schnelle Fotos machen. Durch den anhaltenden Regen waren die Flussläufe um einiges schwieriger zu überqueren, als noch am Tag zuvor. Doch letztendlich, als ich gelernt hatte, die Nässe in den Schuhe und Klamotten zu ignorieren, wanderte es sich doch recht gut. Allein die letzten zehn Kilometer nagten an meinen Knochen, da ich Magenkrämpfe bekam. Lag es an meiner einseitigen Ernährung aus Rosinen und Nüssen? Die Mischung wurde dort überall als Wanderernahrung verkauft und nahrhaft war sie in jedem Fall. Am Ende war ich froh, als ich endlich mein Auto erreichte, die nassen Sachen auszog und unter das Auto stopfte und mich sofort schlafen legte.
Auch am nächsten Morgen war ich noch erschöpft und müde, doch mich weckte die Sonne und ich war glücklich. Ich hatte es geschafft: Meine erste Zwei-Tage-Wanderung hatte ich gut überstanden und kam mit dem Gepäck und der Ausrüstung klar. An dem Speiseplan musste ich wohl noch pfeilen! Die Eindrücke der Landschaft, der Wanderung und Flussüberquerungen klangen noch in mir nach.
Ein kleiner Tipp: Zwar sind die Hütten dieses Wanderweges sehr spartanisch ausgestattet und es besteht die Gefahr, dass sie schnell voll belegt sind, doch diese Routen sind auch nur spärlich besucht und die Übernachtung kostet gerade einmal 5 NZ Dollar (entspricht ca. 3 Euro). Die Landschaft lohnt sich trotzdem und ist eine sehr gute Alternative zu den überfüllten und überteuerten Great Walks!
Pause mit Alpacas
Nach diesem Wander-Experiment brauchte ich erstmal eine Pause und einen ruhigen Ort, um Kraft zu tanken und mich für das nächste Abenteuer zu rüsten. So verschlug es mich ins Lumsden Motor Camp. Am Rande der Kleinstadt Lumsden fand ich diesen kleinen, privaten Campingplatz mit sehr neugierigen Nachbarn: es gab zwei Alpacas dort! Ich nutzte die paar Tage dort, um meine Sachen zu trocknen, in der örtlichen Bibliothek ein Lebenszeichen in die Heimat zu schicken, Bilder zu ordnen und zu entspannen mit warmer Dusche, Lesen und warmem Essen. Es war die perfekte Auszeit!
Auf diesem Campingplatz lernte ich Frauke und Robin kennen, ein deutsches Pärchen auf Durchreise. Sie wollten eigentlich ein Brot in der Campingplatzküche backen und stellten dann fest – der Teig war schon vorbereitet – dass der Herd keinen Backofen besaß. Sie saßen rätselnd in der Küche, wie man den Teig doch noch verwenden könnte, als ich den Vorschlag machte, ihn in der Pfanne zu garen. Schließlich taten das Menschen in der Wildnis oft: Brotfladen auf heißen Steinen zu backen. Prompt versuchten sie es und erfanden ein neues Rezept, dem sie den Namen Maria-Brot gaben! 🙂 Es war ein schöner Abend mit den beiden. Wir teilten Essen und Wein, Geschichten und Tipps und schließlich, als sie davon hörten, dass ich mein Auto Hobbit-Mobil getauft hatte, tauschten wir Bücher: Mein ausgelesenes Educating Alice gegen Der Hobbit. Somit war meine Tolkien Bibliothek komplett: Ich besaß nun den Hobbit und Herr der Ringe in englischer Sprache sowie den Location-Guide für die Drehorte in Neuseeland! Das sollte mir später noch gut helfen, mein Auto an die nächsten Besitzer zu vergeben.





