Meine Fahrt nach Milford Sound glich eher einer Flucht als einer entspannten Reise. Der Sturm an der Südküste hatte mich nächtelang schlecht schlafen lassen und nach einer besonders schlimmen Nacht fuhr ich schließlich gegen 04:30 Uhr morgens nach Te Anau. Vielleicht nicht der beste Start in den Tag?
Milford Sound und die Great Walks
Ich fuhr durch die dunklen Morgenstunden Richtung Norden. Ich hatte das Gefühl die Scheinwerfer gaben nur genug Licht, um zwei bis drei Meter weit zu sehen. Bisher hatte ich immer vermieden im Dunkeln zu fahren. Nicht aus Angst vor der Dunkelheit an sich, sondern einfach aus dem Sicherheitsbedürfnis heraus, möglichst viel und weit sehen zu können bei der Fahrt auf der linken Straßenseite und das auch noch allein. Ich kroch daher eher die unbekannten Straßen entlang.
Als das Schwarz der Nacht langsam in ein Grau überging, kam ich um 07:30 Uhr in Te Anau an. Ich suchte mir einen Rastplatz am See für ein kurzes Frühstück. Die ganze Fahrt war es merklich frisch und kalt und auch die Heizung des Autos half wenig. Ich dachte schon sie wäre kaputt, doch nach einer Kontrolle aller Auto-Flüssigkeiten, war die Ursache gefunden: das Kühlwasser war verdampft. Ist das ein sehr schlechtes Zeichen? Ich wusste es nicht, füllte Wasser nach und konnte endlich das Auto heizen.
Te Anau war die letzte Siedlung vor dem kleinen Ort am Milford Sound. Auf der ganzen Strecke gab es keine Häuser oder auch nur eine Tankstelle. Daher wurden Reisende extra darauf hingewiesen, hier noch einmal den Tank aufzufüllen, wenn sie nicht auf halber Strecke liegen bleiben wollten. Also füllte auch ich den Tank auf und dann ging die Fahrt weiter zum Milford Sound.
Der Milford Sound ist ein berühmter, wenn nicht sogar DER berühmteste Fjord am südlichen Teil der Westküste der Südinsel, rund 70 Kilometer nordwestlich von Queenstown und rund 85 Kilometer nördlich von Te Anau entfernt. Der rund 14 Kilometer lange Meeresarm erstreckt sich vom Endpunkt des New Zealand State Highway 94 und dem kleinen, gleichnamigen Ort in nordwestlicher Richtung und öffnet sich der Tasmansee.
125 Kilometer lagen bereits hinter mir, 120 Kilometer noch vor mir, um an den entferntesten Außenposten der bewohnten Welt zu gelangen. Die sich durch die Berge schlängelnde Straße war gesäumt von einzigartigen Naturschauplätzen und Startpunkten alpiner Wanderwege. Ich hielt zweimal an: einmal an den Mirror Lakes (wie der Name schon sagt, sind dies spiegelnde Seen) und einmal am Chasm (engl. für Spalt oder Abgrund). Vor allem letzterer war atemberaubend (ist das Adjektiv schon zu abgenutzt?). Ich folgte dem ausgeschilderten Weg und fand mich auf Holz- und Hängebrücken über einer Schlucht wieder, durch die das Wasser nur so schoss. Die Kraft der Elemente hatte des Gestein zu bizarren Formen ausgehöhlt und glatt geschliffen. Der Kontrast der weißen Gischt, der schwarzen Felsen und dem Grün des Waldes beeindruckte mich sehr und ich versuchte diese Anblicke fotografisch festzuhalten. Auf den Bildern kommt der Ort jedoch nicht so zur Geltung, wie er wirklich war.
Bevor ich mein endgültiges Ziel erreichte, lag der Homertunnel noch vor mir. Dieser einspurige Tunnel wurde von Menschenhand in den Fels geschlagen! Der Bau begann bereits 1935, doch der Tunnel wurde erst 1954 in Betrieb genommen. Er machte es möglich, Milford Sound über Land zu erreichen, davor war der Zugang nur mit Booten möglich. Dieser Durchgang erinnerte mich an den sehr ähnlichen Tunnel in der Karangahake Gorge, südlich von Coromandel. Am Fuße einer grauen Felswand, deren Gipfel sich in den Wolken verlor, tat sich ein dunkles, schwarzes Loch im Gestein auf. Selbst mit meinem doch recht großen Auto fühlte ich mich winzig im Vergleich zu dem Bergmassiv. Ich musste auf das grüne Startsignal der Ampel warten und fuhr mit nur wenig mehr als Schrittgeschwindigkeit durch den unebenen und rudimentären Durchgang. Der Weg erstreckte sich 1,2 Kilometer lang durch den Berg und fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Für Menschen mit Platzangst wäre die Durchfahrt schwierig, selbst mir wurde es mulmig zu Mute, als der Lichtpunkt hinter mir immer kleiner und das Ende des Tunnels noch nicht größer wurde. Abenteuerlich!
Milford Sound ist ein Ort abseits der großen Menschenansammlungen und dennoch hauptsächlich ein Touristenort. Hier liegt der einzige Zugang in das Innere des Fjordlandes: der Anfangs- und Endpunkt des Milford Sound Track, einem der beliebtesten Great Walks Neuseelands. Dieser Wanderweg ist mehrere Monate im Voraus ausgebucht und verglichen mit anderen Routen sehr teuer (50$ pro Nacht in der Hütte, andere Routen max. 15$ pro Nacht).
Die Hafenstadt mit Panorama
Das Panorama am Hafen von Milford Sound ist eines der beliebtesten Postkartenbilder und in keinem Fotoband über Neuseeland darf das Bild von den schroffen Fjorden des Südens fehlen. Es sah genauso aus, wie ich es mir vorgestellt hatte: hoch aufragende Berge und breite Wasserwege, wolkenverhangene Bergflanken und kurze Augenblicke von trübem Sonnenlicht. Entlang eines ausladenden Hafenbeckens schlenderte ich zu den Bootsanlegestellen und war sehr unentschlossen. Ich überlegte hin und her, ob ich eine Fjordfahrt machen sollte oder nicht. Muss man das nicht machen, wenn man es bis hierher geschafft hat? Ist das nicht das, was jeder macht? Das Wetter war sehr wechselhaft und die Berggipfel hingen in den tiefen Wolken. Es war grau, neblig und regnerisch. Ich hatte kein Ticket für eine Fjordfahrt reserviert und ich hätte lange dafür warten müssen. Von der schlaflosen Nacht und dem grauen Wetter war ich mürbe und irgendwie grummelig und hatte wenig Lust auf große Gruppen. Also schlenderte ich am Ufer entlang wieder Richtung Auto und fand einen kurzen Aufstieg zu einem Aussichtspunkt mit einem weiten Blick hinein in die Wasserarme des Fjords.
In der Sprache der Māori wird der Sound als Piopiotahi bezeichnet, was so viel bedeutet wie ein einzelner Piopio, ein Singvogel, der in Neuseeland bereits ausgestorben ist.
Der Milford Sound gehört natürlich zum Fiordland National Park und ist damit ein Weltnaturerbe der UNESCO (seit 1990 unter dem Namen Te Wahipounamu registriert). Der Mitre Peak mit seinen 1.683 Metern Höhe drängt sich auf jedes Bild der Bucht. Neben der beeindruckenden Berglandschaften locken aber auch die zahlreichen, imposanten Wasserfälle die Touristen an und es werden täglich mehrere Fjordfahrten angeboten. Die wohl bekanntesten Wasserfälle sind die Stirling Falls (151 Meter Höhe) und die Bowen Falls (162 Meter Höhe). Letztere konnte ich selbst vom Ufer aus erahnen und die aufgewühlte Wasseroberfläche erspähen.
Der britische Schriftsteller und Dichter Rudyard Kipling soll nach dem Besuch des Milford Sounds in den 1890er Jahren, den Fjord als das achte Weltwunder bezeichnet haben.
Ja, ich kann nun nicht erzählen, dass ich mit dem Kajak den Sound entlang gepaddelt bin oder mir die grauen Nebelwände vom Boot aus ansah. Für manche steht es auf der To-Do-List. Doch ich habe einen Hang dazu, nicht alle Highlights auf einmal zu sehen oder daran teilzunehmen. So wie ich mit meiner Schwester in Paris nicht darauf bestand unbedingt zur Eifelturmspitze hochzufahren, denn ich wollte mir das Highlight aufheben für einen nächsten Parisaufenthalt. Mag sein, dass er nie kommt, doch es ist etwas, auf das man sich dennoch freuen kann. Auch auf eine Milford Sound Fahrt werde ich mich freuen, denn ich möchte noch ein zweites Mal in meinem Leben das Land am anderen Ende der Welt besuchen. An diesem Tag hat es einfach nicht für mich gepasst.
Für meinen Schlafplatz in den Bergen musste ich zwei Drittel des Weges wieder zurück Richtung Te Anau fahren. Auf dem Cascade Creek Campsite verbrachte ich den Abend Bücher lesend (ich hatte mir gerade Alice Steinbachs Educating Alice vorgenommen und war begeistert von ihren Reisebeschreibungen). Der Campingplatz war wunderschön – einer dieser DOC Camps mit wenig mehr als einem Plumpsklo und einem eiskalten Gebirgsbach zum Waschen. Auch die Nacht war im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt. Denn die Atemluft gefror zu einer dünnen Eisschicht an der Frontscheibe. Dafür strahlte ein blauer Himmel am Morgen und verhieß einen sonnigen Tag.
Key Summit Walk – Kontemplation in den Bergen
Die letzten Tage war ich eher bedrückt und unzufrieden, eine Art Reisemüdigkeit machte sich breit und ich sehnte mich nach einem Ort zum Ankommen und Menschen treffen, die ich nicht erst seit fünf Minuten kannte. Doch an diesem sonnigen Morgen mitten in den schneebedeckten Bergen und mein Porridge mit einem Spatz teilend, wusste ich wieder, warum ich reiste, warum ich genau DORT war. Die Sonne schien, obwohl es die kälteste Nacht auf der gesamten Reise war. Ich hatte tief geschlafen und nach dem Aufwachen den Morgennebel aufsteigen sehen, hatte mich mit Bachwasser gewaschen und mir die Zeit genommen langsam in den Tag zu starten. Ich genoss die Ruhe um mich herum. Die einzigen Geräusche waren der Wind in den Bäumen, das Bachrauschen und die erwachenden Vögel und Insekten (und schließlich die Menschen, die anderen Camper). Die Luft roch frisch nach Berg, Blumen und Wasser und ich war nicht überschäumend glücklich, dazu klangen die letzten Tage noch zu sehr nach, doch ich war wirklich zufrieden dort, wo ich gerade war.
Zum Frühstück gesellte sich ein neuseeländischer Spatz zu mir und der Plan des Tages war geschmiedet: es sollte zum Key Summit Track gehen. Diese Rundwanderung von zwei bis vier Stunden wurde als einer der unbeschwerlichsten Tageswanderungen auf der Strecke zwischen Te Anau und Milford Sound beschrieben.
Der kurze Wanderweg startet am gleichen Punkt wie der Routeburn Track (inzwischen einer der Great Walks), der einmal das Bergmassiv kreuzt und auf der anderen Seite in Kinloch endet. Mich sollte es genau vom anderen Ende her in diese Gegend verschlagen, doch davon später mehr.
Der Aufstieg war teilweise recht steil und am Ende gelangte ich zu einer Art Hochplateau mit Blick in drei Täler und zum Lake Marianne. Es war leider kein Geheimtipp und ich begegnete vielen Touristen und Ausflüglern. Ich konnte es ihnen nicht verdenken, denn das Wetter hätte für diesen Ausflug nicht besser sein können. Am Ende wurde ich mit einer grandiosen Aussicht belohnt. Der Ort wurde in Maori Titiraurangi genannt, was übersetzt das Land der vielen Gipfel, die die Wolken durchlöchern heißt. Diese Bezeichnung konnte ich sehr gut nachvollziehen. Umgeben von einem Ring aus Berggipfeln fühlte ich mich dem sonnigen Himmel nahe. Es war ein besonderer Ort, an dem sich drei große Täler trafen. Hier kamen die früheren Maori-Stämme hindurch, wenn sie an der Westküste nach Vorräten und der grünen Jade suchten.
Ich verbrachte länger als manch anderer Besucher auf diesem Plateau, denn ich konnte mich an der Landschaft nicht satt sehen, genoss die warmen Sonnenstrahlen und unterhielt mich mit Wanderern aus Israel. Als die Sonne sich langsam neigte, befand ich mich bereits auf dem Rückweg zum Auto. In Te Anau hielt ich kurz an, um das Kühlwasser wieder aufzufüllen und wandte mich dann nach Osten zu meinem nächsten Abenteuer an den Mavora Lakes.






