Zwischen Bluff und Milford Sound

Vom warmen Süden konnte ich in Neuseeland nicht  sprechen, denn anders als in Europa nähert sich der Reisende hier dem kalten Pol. Dennoch hat die Region einiges zu bieten und überrascht mit wirklich schönen Plätzen. Einige von ihnen sind eher Geheimtipps, die ich dank Jörg, dem Kapitän, nicht am Straßenrand übersah.

Bluff

Auf Postkarten hatte ich schon auf der Nordinsel diesen malerischen Ort mit dem ikonischen Wegweiser entdeckt. Damals beschloss ich Neuseeland vom nördlichsten Punkt am Cape Reinga bis zum südlichsten Punkt in Bluff zu erkunden. Später erfuhr ich, dass Bluff eigentlich nicht der offizielle südlichste Punkt war, sondern Slope Point. Dafür ist er definitiv fotogener. Der kleine Ort liegt auf einer Halbinsel südlich von Invercargill. Er besteht fast ausschließlich aus dem natürlichen Hafen und einem Hügel, um den sich die Häuser gruppieren. Nach der Vollmond beschienen Nacht auf dem Campingplatz fuhr ich zu einem Aussichtspunkt auf dem namensgebenden Hügel.

BLUFF heißt so viel wie Steilhang oder Klippe. Auch in Napier gab es einen Hügel mit Sicht auf den Hafen, der Bluff genannt wurde. Es ist also keine sehr individuelle Namensgebung.

Auf der Spitze der Erhebung hatte ich eine fantastische Aussicht auf den südlichen Ozean und am Horizont – näher als gedacht – konnte ich die grauen Umrisse der Stewart Island ausmachen. Leider vertrieb mich das Wetter bald wieder, denn es war so windig, dass es mich fast den Abhang hinunter wehte und das Auto wackelte. Sonne und Regenwolken wechselten sich unvorhersehbar ab und machten mir die Wahl der Jacke schwer. Unten im Hafen am Stirling Point stand der berühmte Wegweiser. Ich wartete den nächsten Regenschauer ab und fotografierte den Ort für mein Postcard-vs.-Reality-Projekt. Offensichtlich ließen sich nicht alle Touristen von dem Wetter abschrecken und der Parkplatz war regelrecht überfüllt. Ich hatte mir eine kleine Küstenwanderung entlang des Hafens erhofft, doch die ausgeschriebene Route war wegen Bauarbeiten gesperrt. Ich fuhr also weiter entlang der Küste Richtung Westen und hielt Ausschau nach einem geeigneten Campingplatz für eine Nacht mit Blick in den südlichen Nachthimmel.

Südlichter

Als ich auf der Fähre nach Picton stand, hatte ich die leise Hoffnung neben den zahlreichen beeindruckenden Landschaften ein weiteres Naturschauspiel zu sehen. Ich wollte die Südlichter sehen. Mir war es gar nicht bewusst, dass die Sichtung der Lichter hier überhaupt möglich war, doch während meiner Monate in Neuseeland entdeckte ich Berichte und Bilder im Internet und war begeistert.

Was sind Südlichter? Südlichter entstehen wie die Nordlichter auf der Nordhalbkugel, wenn elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwinds auf Sauerstoff- und Stickstoffatome in den oberen Schichten der Erdatmosphäre treffen und diese zum Leuchten anregen. Dies geschieht vor allem an den Polen der Erde, daher auch der Name Polarlichter.

Im Süden sind die Orte, an denen man die Lichter beobachten kann, recht begrenzt (abgesehen von der Antarktis). Neben Südargentinien, den Falklandinseln und Südgeorgien sind es vor allem Neuseeland und einige Orte in Australien, an denen eine Chance auf Südlichter besteht. Je näher ich daher dem Süden kam, desto aufmerksamer verfolgte ich die Aurora australis Vorhersage. Die Beobachtung des Wetters war daher essentiell, aber auch sehr trügerisch. Selbst wenn es morgens sonnig war, konnte das Wetter schnell umschlagen und regnerisch und grau werden – das typische maritime Klima. Mit dem stürmischen Wetter schwand die Hoffnung auf die Südlichter kontinuierlich. Ich wollte es trotzdem versuchen und suchte mir einen der kostenlosen Campingplätze fernab der Ortschaften am Straßenrand, diesmal Thornbury Bridge Picnic Area.

Gemstone Beach

Nach einer bedeckten Nacht und einem kurzen Stopp in der Bibliothek von Riverton fuhr ich am nächsten Tag zum Gemstone Beach. Der farbenfrohe Strand war ein wirklicher Insidertipp – wieder von Jörg, dem Kapitän. Hohe Klippen aus weichem Sandstein bildeten die Küstenlinie und nur zur Zeit der Ebbe war der steinige Strand begehbar. Besucher hatten in den Klippenwänden Bilder, Buchstaben und Worte hinterlassen, doch nicht für die Ewigkeit, denn die Wellen trugen das weiche Gestein verhältnismäßig schnell ab.

Geschichten und Gerüchte sagen, man fände dort nach der Schneeschmelze im Frühjahr rohe Saphire am Strand. Mit etwas Glück hätten schon einige eifrige Sucher bunte Schätze gefunden. Aber wie sieht ein Saphir im Rohzustand aus? Und wenn es davon so viele gäbe, würden dann nicht die lokalen Leute das wegsammeln und als Touristenattraktion verkaufen?

Doch auch ohne die edlen Brocken, konnte ich mir sehr gut vorstellen, dass der Namensursprung auch in den bunten Kieselsteinen am Strand zu finden war. Ich war fasziniert von den leuchtenden Farben und sammelte einige als Souvenir. An einer Stelle fand ich ein Schild, das besagte, hier würde Gold geschürft und es sei untersagt an dieser registrierten Stelle selbst sein Glück zu versuchen. Ich rätselte, ob der kleine, unscheinbare Flusszulauf wirklich Gold tragen könne. Nichts wies daraufhin. Doch sind es nicht oft die unscheinbaren Orte, die die größten Schätze beherbergen? Ich wurde leider nicht fündig.

Monkey Island

Diese Nacht verbrachte ich auf dem kostenlosen Campingplatz: Monkey Island Road Reserve. Ja richtig Monkey Island.

Wer kennt das Kult-Adventure Spiel aus den 1990er Jahren? Innerhalb von zehn Jahren wurden fünf Spiele als Serie veröffentlicht. Als Piratenanwärter Guybrush Threepwood muss der Spieler zahlreiche Abenteuer bestehen, indem er vor allem Rätseln lösen, Gegenstände mit Tätigkeiten kombinieren und die richtigen Antworten in Dialogen finden muss. Die Spiele haben einen sehr eigenen und unverwechselbaren Humor und erlangten bald Kult-Status. Wer aus der Generation der Adventure-Computerpiele kommt, der kennt auch Monkey Island!

Zurück in der Realität: Der Strand lag einen halben Kilometer abseits der Straße und bot einem Plumpsklo und einer Reihe an Parkplätzen umgeben von Dünen Platz. Hier verbrachte ich eine unruhige Nacht, denn wieder einmal schüttelte der ständige Wind mein Auto durch, sodass ich kaum schlafen konnte. Das war einer der Nachteile des Campings im Van. Hieß das, mein Auto hatte eine sehr leichtgängige Federung? Vielleicht hätte ich die Stoßdämpfer doch nicht wechseln sollen! 😉

Der Fels, der bei Flut zur Insel wird, besitzt in der Maori Sprache den Namen als Te Puka o Takitimu. Das bedeutet so viel wie „der Ankerstein des Takitimu Kanus“, das in der Te Waewae Bay gekentert sein soll. Früher war es ein Aussichtspunkt für den Walfang, später wurde es zur ersten Goldgräbersiedlung des Distrikts. Der Name Monkey Island stammt der Legende nach von den Affen, die hier als Arbeitstiere zum Boot-an-Land-holen gehalten wurden.

Ich war daher früh wach und spazierte noch vor dem Frühstück zur Monkey Island. Es handelte sich um einen kleinen vorgelagerten Felsbuckel am Strand, umsäumt von größeren Geröllfelsen und natürlich dem Strand. In der Ferne konnte man die ersten Ausläufer des Fjordlands erkennen, unter den graugeränderten Sturmwolken. Abgesehen vom Wind, war es einer der schöneren kostenlosen Campingplätze in Nähe der Highways. Doch vom Schlafmangel getrieben beschloss ich wieder einen offiziellen Schlafplatz zu suchen und landete in der Last Light Lodge.

Tage der Sammlung

Es war eine Wohltat wieder warm duschen zu können, eine Küche zu haben und genügend Strom und WLAN, um die weitere Reise zu planen. Ich hatte einen Tiefpunkt erreicht. Das Schlafen im Auto bei stürmischen Wetter hatte mich mürbe gemacht, ich wollte die Südlichter sehen und sah keine Gelegenheit dazu und auch für die Wanderungen war das Wetter nicht optimal. Ich hatte mit Einheimischen gesprochen und es war wirklich einer der seltenen richtig nassen Sommer in Neuseeland. Kalt und ungemütlich. Der Südwind trug einen Hauch von Schnee und Eis aufs Festland herüber. Ich wusste nicht mehr genau, was ich wollte, was die nächsten Schritte waren und hatte mit mir selbst wenig Geduld, da ich dachte, man müsse doch jeden Tag etwas unternehmen, wenn man auf Reisen ist. Die Tage nutzen. Doch eine Verschnaufpause war dringend notwendig und nach einem unruhigen Tag des Hin-und-Her-gerissen-Seins, beschloss ich meinen Aufenthalt in der Lodge zu verlängern. Ich nahm mir ein paar Tage zum Skypen, Auto ordnen, Fotos sichern und Planen.

Höhlenforscher

In der Lodge traf ich den Belgier Raul und den Deutschen Leo mit tadjikischen Wurzeln. An meinem letzten Tag in der Last Light Lodge beschlossen wir spontan, die Clifden Caves zu besuchen.

Es gibt einige Höhlen in Neuseeland, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind, doch das Betreten ist dennoch auf eigene Gefahr. Daher wird immer angeraten, nicht allein, sondern in einer Gruppe die Höhlen zu besuchen. Ich nutzte die Gelegenheit und schloss mich den beiden Männern an.

In getrennten Autos (wir hatten nur zwei Vans mit je zwei Sitzen zur Verfügung) fuhren wir zu den nahen Höhlen. Man musste schon wissen, wo sie liegen, denn gut ausgeschildert waren sie nicht. Nach zwei kurzen Stopps zur Orientierung betraten wir die dunklen Höhlen. Mein Kopflicht hatte ich diesmal gefunden, doch die Batterien gaben ihren Geist auf. Also lief ich in der Mitte unserer Expeditionsgruppe. Leo ging vorne weg und Raul bildete die Nachhut, beide leuchteten mit ihren Kopflichtern den Weg. Für mich hieß es aufpassen, denn ich musste mir die Trittstellen merken, die kurz vorher erleuchtet waren – tastend, erratend, vorwärts schleichend, aber toll! Es war aufregend auf eigene Faust durch die Dunkelheit zu laufen. Reflektorpfeile zeigten den Weg an und nur einmal landeten wir in einer Sackgasse, weil wir falsch abgebogen waren. Insgesamt schien die Höhle jedoch ziemlich sicher, keine tiefen Schluchten, der Weg war halbwegs passierbar, an manchen Stellen mussten wir klettern und ich hoffte, nicht ins Wasser zu fallen. Doch wirklich gefährlich wurde es nicht. Die schönste Stelle war eine der größeren Höhlen mit einem sternenhimmelgleichen Funkeln vor lauter Glühwürmchen. Zugegeben, in den Abbey Caves waren es mehr als hier, doch ich bin immer wieder fasziniert davon. Es gab auch Abschnitte mit Tropfsteinhöhlenartigen Formationen, die ich mir von den anderen mit ihren Taschenlampen zeigen ließ. Wir waren ziemlich lange unter der Erdoberfläche, draußen regnete es, doch im Inneren war davon natürlich nichts zu merken und meine Schuhe blieben trocken.

Später erfuhr ich, dass es noch viele andere solcher frei zugänglichen Höhlen in Neuseeland gab. Auf Rankers.co.nz kann man es nachlesen. Bestimmt gibt es noch beeindruckendere Höhlen als die Clifden Caves, für mich bleibt es ein besonderes Erlebnis durch die etwas waghalsige und dadurch aufregende Besichtigung ohne eigene Taschenlampe.

Lake Haroko

Nach der Höhlenerkundung stand eine Wanderung am Lake Haroko auf dem Tagesplan. Doch gerade als ich zusammen mit Raul und Leo dort ankam, fing es an wie aus Eimern zu gießen. Vor lauter Regen konnte man kaum das eigentlich recht nahe andere Ufer des Sees sehen. Das war einfach zu ungemütlich. Wir fanden einen Unterstand und warteten noch eine Weile ab, ob sich der Regen vielleicht beruhigte, doch das war nicht der Fall. Raul und Leo fuhren zurück zur Lodge und ich stellte mich auf den nahen Campingplatz, dem Thicket Burn Campsite, und ließ den Tag bei Buch und Musik ausklingen.

Der nächste Tag war etwas gnädiger. Es war immer noch grau und nieselig, aber ich versuchte mich trotzdem am Lookout Walk bis zu einem kleinen Plateau hoch über dem Lake Haroko, von wo aus ich die nahen Berge des südlichen Fjordlands sehen konnte. Etwas weiter nördlich des Sees gab es noch den Big Totara Walk, den ich ebenfalls entlangwanderte zu einem der ältesten Bäume der Südinsel. Der größte Totara Baum des Rundgangs maß mehr als acht Meter und wurde auf 1000 Jahre alt geschätzt. Es gab den Baum bereits im Mittelalter!

Umplanung

Am Abend fand ich mich abermals am Strand von Monkey Island ein. Laut Vorhersage, gab es die größte Südlichterchance seit Tagen. Zugegeben war diese immer noch verhältnismäßig gering, doch immerhin. Es war meine letzte Chance auf die grün flirrenden Lichter am Horizont. Ich parkte mein Auto so, dass ich Meer und Himmel im Blick hatte, wartete und las ein Buch. Und dann machte das Auto seltsam klackende Geräusche. Es war nur leise und ich dachte mir nichts dabei. Die Welt um mich herum war grau, doch ich hoffte auf ein paar Lücken im Wolkenteppich in der Nacht. Und schließlich bemerkte ich es: Ich hatte das Licht angelassen und meine Autobatterie war leer. Das war mir vorher noch nie passiert! Ich hatte bereits anderen Starthilfe gegeben, doch ich selbst hatte bisher nie Hilfe nötig. Etwas peinlich berührt fragte ich meine Camping-Nachbarn, zwei Deutsche – Patrick und Sven – um Hilfe. Zum Glück hilft man sich unter Reisenden gern und ich bekam meine Starthilfe. Meine Retter setzten nach einer kurzen Pause am besagten Strand ihre Reise in den Norden fort. Ich fuhr anschließend eine halbe Stunde mit dem Van auf dem Highway hin und her und hoffte darauf, dass dies ausreichte, um am nächsten Tag ebenfalls weiterfahren zu können.

Doch es sollte nicht erst am nächsten Morgen soweit sein, denn die Nacht war furchtbar. Ein regelrechter Sturm brach über der Küstenlinie herein und es waren absolut keine Südlichter zu sehen, nur schwarze Wolken und peitschendes Dünengras. Es wurde noch nicht einmal richtig dunkel und ich begriff, dass ich zu südlich war, um auch im Sommer die Lichter am Himmel zu sehen. Ich befand mich kurz vor dem Gebiet der Mitternachtssonne und selbst um Mitternacht war der Himmel nicht pechschwarz, sondern nur rötlich grau verschleiert, sodass selbst die Sterne kaum zu sehen waren. Ich lag die ganze Nacht wach in meinem Auto und zählte die Stunden bis zum Morgen. Völlig mürbe und übernächtig war es mir schließlich um 04:30 Uhr am Morgen genug. Noch im trübem Dunkel der Nacht fuhr ich langsam Richtung Norden weiter und hoffte auf besseres Wetter. Schlimmer konnte es kaum werden.