Endlich war das Ziel nahe: vom nördlichsten Punkt der Nordinsel bis zum südlichsten Punkt der Südinsel wollte ich Neuseeland erkunden. Dabei hielt diese Gegend einige unerwartete Begegnungen bereit und war viel ereignisreicher als ich es anfangs vermutete.
Wasserfälle und Zigeuner
Am nächsten Tag verhielt ich mich jedoch wie die anderen Deutschen: ich hakte eine Reihe an Sehenswürdigkeiten ab. Es fühlte sich fast an wie eine dieser vorgeplanten Sight Seeing Touren: kurz fahren, anhalten, die Sehenswürdigkeit anschauen und wieder weiterfahren. So sah ich viele schöne Naturschauspiele, doch um wirklich zu verweilen, war das Wetter nicht sehr angenehm.
Hier meine Liste:
- Surat Bay – eine sandige Bucht mit Seehunden am Strand,
- Jacks Blowhole – gischtumsprühte senkrechte Löcher in den Klippen,
- Purakaunui Falls – ein breiter Wasserfall im Regenwald,
- und Matai Falls – ein ebenso gut gefüllter Wasserfall im Wald.
Ich war meist die einzige Person weit und breit. Nur bei den Wasserfällen begegnete ich anderen Reisenden. Selbst am Ende des Tages auf dem Campingplatz in Tawanui gab es keine andere Person. Es war ein sehr abgeschiedenes DOC Camp mitten im Wald. Auch hier wurde mir wieder etwas mulmig. Was ist, wenn mir hier irgendwas passiert? Keiner würde es wissen und Hilfe holen.
Ein Tipp: Fangt gar nicht erst mit solchen Gedanken an. Man kann sie nur schwer wieder loswerden, wenn sie sich bereits eingenistet haben.
Ich war dann doch erleichtert, als ich hinter einigen Büschen ein anderes Auto entdeckte, das einem französischen Paar gehörte. Ich fragte die beiden, ob ich mich neben sie stellen könnte mit meinem Auto und so lernte ich Hugo und Carinne kennen. Wir teilten Essen und Wein und stellten fest, dass wir alle in der gleichen Branche arbeiteten, irgendwas mit Medien.
The Lost Gypsy Gallery
Der eigentliche Plan war es, am nächsten Tag 25 Kilometer über einen kleinen Berg zu wandern und nach einer schönen Aussicht zu suchen. Doch nach der ersten halben Stunde hatte ich schnell die Lust verloren. Mich überkam ein starkes Gefühl irgendetwas anderes machen zu müssen, irgendwas Kreatives oder Lesen, nicht durch langweiligen Mischwald wandern, den es zu Hause auch gibt. Aus den Wiesenblumen am Wegesrand flocht ich einen Kranz und hängte ihn den Franzosen ans Auto. Schließlich fuhr ich nach Papatowai und hielt auf Empfehlung von Jörg, dem Kapitän, bei der Lost Gypsy Gallery an. Das war ein alter Zigeunerwagen, der nur so mit mechanischem Spielzeug und Kuriositäten vollgestopft war.
Es war wie eine Offenbarung: Das also kann man alles mit ein paar einfachen mechanischen Mechanismen bauen! Da waren glucksende Muscheln und sich öffnende Blumen und klatschende Hände oder Schmetterlinge, eine gruselige Puppe an der Decke und eine Modelleisenbahn, die immer wieder ihre Runde durch den Wagen zog. Es war einfach nur beeindruckend, total schön und inspirierend! Ein wirklich toller Platz und man sah allen Besuchern die Freude an den beweglichen Entdeckungen an. Es gab Knöpfe ohne erkennbaren Grund und jeder probierte alles aus und freute sich, wenn er irgendeinen versteckten Mechanismus in Gang gesetzt hatte. Nach dem Besuch sprudelte ich nur so von Ideen und wollte mir am liebsten alles skizzieren und später nachbauen oder zumindest Leute finden, die das können.
Anthony Kwan kenne ich nicht, doch ich habe von ihm ein sehr faszinierendes Video aus der Lost Gypsy Gallery gefunden – es wurde mit einer 360° Kamera gedreht. Viel Spaß beim Entdecken!
Dieses Erlebnis konnten die anderen Sehenswürdigkeiten des Tages kaum toppen, doch ich möchte sie dennoch erwähnen:
- Ich besuchte die McLeann Falls – breite kaskadenartige Wasserfälle, an denen man von Terrasse zu Terrasse klettern konnte, doch man musste vielen Leuten ausweichen.
- Die Niagara Falls waren wohl eher als Scherz gedacht. Der Namensgeber kannte sicherlich die amerikanische Variante und benannte die ungleichkleinere Stromschnelle hinter seinem Haus nach ihnen. Was für ein Scherzkeks!
- Die Cathedral Caves ließ ich aus, denn nur zu bestimmten Tageszeiten ließ sich die Höhle am Strand kostenpflichtig besichtigen. Ich wollte nicht auf den richtigen Zeitpunkt warten, zumal es keinen geeigneten Parkplatz am Straßenrand gab, um darauf zu warten.
- In der Curio-Bay suchte und fand ich im versteinerten Wald nach der richtigen Perspektive für mein Postcard-vs.-Reality-Projekt, wurde aber von einer Sandfliegenplage vertrieben.
Das Ende der Welt
Die Nacht verbrachte ich diesmal im Weir Beach Reserve, einer kleinen grünen Parkfläche für Camper. Eigentlich wollte ich am nächsten Morgen den Sonnenaufgang am Slope Point, dem südlichsten Punkt der Südinsel, beobachten, doch ich verschlief haushoch. Ich hatte meinen Wecker nicht gehört und wurde erst wach als es schon längst hell war. Viel verpasst hatte ich trotzdem nicht, denn der Himmel war bedeckt und grau. Der Slope Point sah irgendwie nicht sehr beeindruckend aus. Nach einem kurzen Wegstück über Weiden und durch Dünengras gelangte ich zu einem kleinen Plateau über den Klippen und dem tiefblauen Meer. An einer Stelle wurde ich auf seltsam geformte Gesteinsmuster aufmerksam, die mir ein Geologe sicherlich hätte erklären können. Abgesehen davon gab es lediglich ein gelbes Schild, das darauf hinwies, dass man hier dem Südpol näher als dem Äquator sei. Ansonsten war der Ort fast menschenleer. Ich versuchte mich in einer kurzen Meditation, ließ die Umgebung auf mich wirken und vergrub schließlich eine kleine Flaschenpost.
Eine liebe Freundin hatte mir zu Beginn meiner Reise ein kleines Fläschchen geschenkt, mit der Idee, ich solle nicht nur Souvenirs sammeln, sondern auch einen kleinen Teil von mir am anderen Ende der Welt lassen. Welcher Ort eignet sich besser, als der Ort mit der größten Entfernung zur Heimat? Ich hatte Muscheln, Sand und Steine auf meinem Weg bis in den Süden gesammelt und ließ so ein kleines Stück meiner Reise dort zurück.
Dies war es nun: Dies war der Ort des größtmöglichen Abstands zu allem, was ich kannte. Ab jetzt würde mich jeder Schritt wieder der Heimat näher bringen. So bedeutend das klang, so wenig fühlte es sich wie ein Wendepunkt an. Allein das Bewusstsein rückte näher, dass auch das Ende der Reise nun absehbar war.
Als ich weiter der Küste mit meinem Auto folgte, kam ich zu Waipapa Point Lighthouse. Am nahe gelegenen Stand sollte es ein Schiffswrack geben, das man bei bestimmtem Wetter sogar von den Dünen aus sehen konnte. Leider nicht an diesem Tag. Der Himmel war immer noch bedeckt, doch der Wind ungewohnt warm.
Der Leuchtturm von Waipapa Point befindet sich in nur 21 Meter Höhe über dem Meer und war 1884 der letzte in Holzbauweise errichtete Leuchtturm Neuseelands. Er entstand als Reaktion auf den Schiffbruch der Tararua im Jahre 1881. Dieses Wrack ist es, was man manchmal noch sehen kann.
Hinter den Catlins
Damit verließ ich die Gegend der Catlins und erreichte die Stadt, die mir als langweilig und nicht sehr sehenswert beschrieben worden war: Invercargill. Der Name erinnerte mich an Schottland und den kalten Norden. Es war keine große Stadt, aber die Bibliothek war riesig und sehr schön und man fand alle Läden, die das Camperherz benötigte. Ich gönnte mir den Luxus eines richtigen Campingplatzes, dem Beach Road Holiday Park, mit Dusche, Küche und Wifi. Endlich konnte ich wieder ein Lebenszeichen an meine Daheimgebliebenen senden und kochte mir ein warmes Abendbrot. Mitten in der Nacht – der Vollmond schien hell und ich kam gerade aus den Waschräumen – traf ich auf zwei junge Männer aus Frankfurt am Main, Kommunikationsdesigner. Wir kamen ins Gespräch und landeten (ich weiß nicht mehr wie) beim 16 Persönlichkeiten Test. In meiner Teenager-Zeit waren all die Tests aus Zeitschriften und Jugend-Magazinen mehr oder weniger an mir vorbeigegangen, doch hier wurde ich neugierig. So saßen wir bei Vollmond draußen auf einer Bank, unterhielten uns über Musik, Medien und Persönlichkeiten und heraus kam: Ich bin wohl eine Mediatorin – idealistisch, optimistisch und vermittelnd. William Shakespeare, J.R.R. Tolkien und Amélie Poulin teilen wohl mein Schicksal.
Am nächsten Morgen lernte ich Rita aus Bochum kennen. Ihre roten Dreads gefielen mir sehr und wir unterhielten – sehr frauentypisch – über Haare. Nach einem langem Frühstück mit den Jungs vom Vorabend, ausnahmsweise mit Kaffee und ausgetauschten Musiktipps, ging es dann für mich weiter nach Bluff.

