Eine Zeile des britischen Lyrikers John Masefield fasst die letzten Wochen in Neuseeland ziemlich gut zusammen: “Only the road and the dawn, the sun, the wind, and the rain, and the watch fire under stars, and sleep, and the road again.” Wieder allein mit meinem Auto auf den breiten Straßen und dem weiten Himmel Neuseelands, führte mich mein Weg über die Catlins weiter in den Süden.
The Catlins ist eine sehr dünn besiedelte Region an der äußersten Südspitze der Südinsel Neuseelands. Die Region besticht durch ihre zerklüftete Küstenlandschaft mit zahlreichen Klippen und Steilküsten. Einige von ihnen sind mehr als 150 Meter hoch, so steht es zumindest auf der offiziellen Tourismusseite. Früher war hier der Walfang angesiedelt, heute wird hauptsächlich Landwirtschaft betrieben. Nebenbei bietet der Regenwald vielen bedrohten Tierarten Lebensraum und man kann wohl viele seltene Vögel beobachten. Auf den knapp 1.900 km² leben, wie Wikipedia mir zudem verriet, nur um die 1.200 Leute.
Das heißt mit weniger als einem Einwohner pro Quadratkilometer sind die Catlins noch dünner besiedelt als meine Heimatregion, die Uckermark, die in Deutschland schon als bevölkerungsärmster Landkreis galt!
Tunnel Beach
Nachdem ich am 6. Januar meinen Besuch, Erik-Lân aus Deutschland, verabschiedet hatte, machte ich mich am folgenden Tag wieder allein auf den Weg weiter in den Süden. Meine erste Station war nicht sehr weit von Dunedin entfernt. Südlich der Unistadt und des Küstenorten St. Clair liegt der Geschichten umwobene Tunnel Beach. Das Wetter erwartete mich rau und grau, als ich dort ankam. Es passte irgendwie zu meiner Stimmung: ein wenig düster, da ich doch die Zeit des zweisamen Reisens genossen hatte und dennoch aufregend, da es wieder allein weiterging. Ich rüstete mich mit meiner Regenkleidung aus und begann den Abstieg auf dem ausgetretenen Pfad Richtung Küste. Ich dachte, schon vor lauter Gischt und Nieselregen kann ich keine Fotos machen, doch ich strapazierte meine Kamera auch bei diesem Wetter. Ich liebe Steilküsten und daher war Tunnel Beach wirklich perfekt. Vor mir erstreckte sich eine unregelmäßige Küstenlinie quergestreifter Sandsteinklippen. Der Pazifische Ozean krachte gegen das Gestein und die Luft war erfüllt von Nieselregen und Gischt. Die Kraft des Meeres hatte die Klippen ausgehöhlt und einen Tunnel durch die hervorspringende Landzunge geschliffen. Doch der namensgebende Tunnel war ein anderer. Der Weg führte auf ein kleines Plateau und hier entdeckte ich den eigentlichen Tunnel. Erst als ich fast davor stand, bemerkte ich den dunklen höhlenartigen Eingang.
Die Geschichte des Ortes
In den 1870er Jahren gehörte das Gelände der Cargill Familie.
John Cargill wurde als erster Abgeordneter aus der Otago Region ins neuseeländische Parlament 1854 gewählt und verdiente sein Geld mit der Schafszucht. Zusammen mit seiner Frau besaß er vier Töchter und zwei Söhne und lebte auf dem Anwesen Sea View in der Nähe.
John Cargill ließ einen schmalen Tunnel anlegen, durch den man an einen kleinen privaten und geschützten Strand kam. Man erzählte sich, dass John den Tunnel als Geschenk für seine Töchter anlegen ließ, damit sie vor den Blicken Neugieriger ungestört baden konnten. Die Wände waren grob behauen und ich konnte noch die Spuren der Werkzeuge sehen, mit denen der Tunnel aus dem Stein gehauen wurde. Die Betontreppenstufen wurden 1983 nachträglich hinzugefügt, als man den Ort der Öffentlichkeit freigab. Am Ende der Stufen erwartete mich eine kleine Bucht mit Strand, großen Steinen, auf die man hervorragend klettern konnte, und ein Ausblick von unten auf die riesigen Klippen. Die Legende des Tunnels ging noch weiter: An ihrem 16. Geburtstag ertrank die jüngste Tochter der Cargill Familie genau dort am Strand. In manchen Versionen der Geschichte waren es sogar zwei Töchter. In jedem Fall brach es John das Herz und er kehrte diesem Ort den Rücken zu und kam nie mehr wieder. Eine tragische Geschichte. Doch einige Stimmen sagen, es sei eine lokale Legende und es gäbe keinen Beweis für die Tragödie.
Der romantischste Ort von Dunedin
Diesen Ort umgab dennoch oder gerade deswegen eine still romantische Atmosphäre. Die Kontraste beeindruckten jeden Besucher: sanft abfallende Wiesen wurden plötzlich zu schroffen Klippen am Pazifik und die Gewalten der Natur waren im Grummeln der Wellen und den starken Windböen zu spüren. Ich musste vorsichtig sein, denn die glatten Steinstufen waren rutschig und glitschig. Auch an den Rändern der Klippen war Vorsicht geboten. Es gab keine Absperrungen und wenn auch die Geschichte der Ertrunkenen eine Legende war, die Gefahr vom Wind über die Klippe geweht zu werden, war real genug.
An den Wänden der kleinen Bucht sah ich die Einritzungen zahlreicher Generationen von Besuchern. In den weichen Sandstein wurden Initialen und andere Buchstaben und Zahlen geritzt und heute kann man nur raten, was sie bedeuten. Einige wurden bereits von Wind und Wetter ausgelöscht oder verblasst, andere waren noch klar zu erkennen.
Den Abend verbrachte ich auf dem kostenlosen Campingplatz Ocean View Recreational Reserve Brighton. Der Platz war recht klein, doch es stand nur ein anderes Auto dort. Zuerst war mir etwas mulmig zu Mute, denn so am Straßenrand allein zu campen, davon hatten mir viele Leute in Neuseeland abgeraten. Es gibt einige Gruselgeschichten über alleinreisende Frauen, die nachts in ihrem Auto überfallen wurden. Doch gegen den frühen Abend füllte sich der Camping- bzw. Parkplatz immer mehr und schließlich war ich vollends zugeparkt. Mit den Leuten kam auch wieder eine entspannte, festivalähnliche Stimmung auf und ich konnte ruhig schlafen.
Nugget Point
Mein Weg führte mich weiter nach Balclatha, einem der „größeren“ Orte der Gegend. Ich hatte eigentlich vorgehabt, mal wieder in der Bibliothek meine Geräte aufzuladen, doch es war Sonntag und alles geschlossen außer dem Supermarkt. Der nächste Stopp hieß Nugget Point. Hier, am Ende einer langgestreckten Landzunge in den Pazifischen Ozean, saß ein malerischer Leuchtturm in einer abermals wunderschön schroffen Küstenlandschaft.
Der Leuchtturm von Nugget Point befindet sich 76 Meter über dem Meeresspiegel am Ende der Landzunge von Nugget Point. Er wirft sein Licht über eine Reihe von Felsnadeln, die vom Meer umspült werden. Diesen „nuggets“ verdankt das Kap seinen Namen. Der Leuchtturm wurde um 1869/70 erbaut (wieder bei Wikipedia gespickt).
Der Weg schlängelte sich hoch über dem Strand an der Küste entlang und führte in Wellen zum Aussichtspunkt am Leuchtturm. Ich suchte nach dem richtigen Winkel für mein Postcard-vs.-Reality-Projekt und entdeckte steinerne Tafeln, die Gedichte über die Küste zeigten. Irgendwie färbten diese poetischen Zeilen auf mich ab. Ich war in meinem Element oder besser die Elemente um mich herum. Die Kraft von Wind und Wellen gegen die standhaften Felsen und reiche Vegetation, und in der Ferne am steinigen Strand konnte man die Seelöwen sehen. Es war eine Mischung, die mich jedes Mal begeistert.
Aller guten Dinge sind drei
Auf dem Weg zurück zum Auto traf ich auf das kanadische Paar aus Napier und Wellington. Es war das dritte Mal, dass wir uns in Neuseeland über den Weg liefen. Was für ein Zufall! Ich hatte mit der jungen Frau in Napier zusammen im Restaurant gearbeitet, sie als Kellnerin und ich als Tellerwäscherin. In Wellington trafen wir uns kurz am Hafen und ebenso kurz nun am Nugget Point. Doch das sollte das letzte Mal gewesen sein auf der Reise. Obwohl wir uns versprachen, beim nächsten Mal etwas mehr Zeit zusammen zu verbringe, trafen wir uns nicht mehr wieder.
So ist das in Neuseeland: wenn man sich nicht verabredet, trifft man sich ständig wieder. Versucht man die Reiseroute so zu planen, dass sie sich mit denen von Freunden kreuzt, dann verpasst man sich ständig.
Am Abend fand ich einen kleinen privaten Campingplatz, dem Hillview Campsite nördlich von Owaka mit Dusche und Küche. Es waren bereits viele Deutsche dort, die irgendwie nur unter sich blieben und gegenseitig ihre Liste aufzählten, was sie an Sehenswürdigkeiten schon alles abgehakt hatten. Als würde es darum gehen Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Ein Paar nutzte das spärliche Internet für ihre Abendunterhaltung und so kam ich dazu, den Film Moana (dt. Vaiana) in deutscher Sprache beim Abendbrot mitzuhören.
Ein Tipp: bitte schaut euch den Film im Original an! Die deutsche Synchronisation ist einfach schrecklich.


