Zu zweit – an der Ostküste

Die zweite Woche mit Erik-Lân führte uns zurück an die Ostküste der Südinsel. Es war kurz vor dem Jahreswechsel und dennoch fühlte es sich an wie mitten im Sommer, was es ja auch irgendwie war. Das Wetter wechselte und wir erkundeten vor allem die Städte der Region.

Vom Lake Poaka fuhren wir wieder mit einem kurzen Stopp in Twizel nach Oamaru. Das war eine ziemlich lange Fahrt, auf der ich mich einmal mehr konzentrieren musste, da mein Beifahrer oft einschlief. Die Landschaft schien also nicht sehr spannend zu sein. Erik-Lân hatte zwar angeboten, auch eine Strecke mit dem Auto zu fahren, doch irgendwie fand ich es gut, der Fahrer zu sein. Eine kurze Pause auf der Strecke werde ich nicht vergessen. Wir hielten bei einer Felswand an, an der alte Maori Zeichnungen verewigt waren. Wie bei Höhlenmalereien aus der Steinzeit, waren schemenhaft Muster und Figuren zu erkennen. Diese stammten jedoch aus jüngerer Zeit, denn die Zeichnungen zeigten auch Schiffe der ersten Europäer auf der Südinsel.

Takiroa Maori Rock Art findet man recht unscheinbar am rechten Straßenrand auf dem Highway 83 kurz vor Duntroon (wenn man von den Bergen kommt). Die Zeichnungen sollen Menschen und Taniwha darstellen und wurden mit rotem Ocker und Vogelfett auf den hellen Sandstein gemalt.

Silvester auf der Südinsel

Als wir in Oamaru ankamen, war es der Silvester Abend und wir gönnten uns den Oamaru TOP 10 Holiday Park, einen luxeriösen Campingplatz mit Duschen und einer gut ausgestatteten Küche. Nach dem Abendessen spazierten wir mit Sekt in der Tasche durch die Stadt. Wir hatten vor, trotz der Alkoholsperre am Strand auf das neue Jahr anzustoßen. Doch die Stadt schien wirklich ungewöhnlich ruhig. Es ließ sich kaum ein Unterschied zu jedem anderen Abend des Jahres erahnen. Feiert man so in Neuseeland Silvester? Am Hafen fanden wir schließlich ein Lokal mit Live-Musik und im Dämmerlicht der Straßenlaternen liefen wir an der Hafenpromenade entlang mit der Musik in unserem Rücken. Pinguine kreuzten unseren Weg und wir flüchteten uns vor dem einsetzenden Nieselregen auf einen Spielplatz. Neuseeland war eines der ersten Nationen, die den Jahreswechsel begingen. Doch um Mitternacht blieb alles ruhig. Es gab kein Feuerwerk und wir begegneten kaum einem Menschen auf dem Weg zurück zum Van. Wir ließen es uns trotzdem nicht nehmen unterwegs mit dem üblichen Jahres-Countdown und der Flasche Sekt in Plastikgläsern anzustoßen.

Für mich bedeutete dieser feuerwerkslose Abend nicht wirklich ein Jahreswechsel und ich brauchte länger als üblich, um im neuen Jahr anzukommen. Ist es nicht seltsam, wie Traditionen und Bräuche unsere Wahrnehmung beeinflussen?

Oamaru – die Steampunk-Stadt

Der erste Morgen im neuen Jahr begrüßte uns doch wieder mit Sonnenschein und blauem Himmel. Und wir frühstückten lange unter grünen Bäumen und in direkter Nachbarschaft mit einer jungen deutschen Familie, die mit ihrem acht Monate altem Mädchen Neuseeland bereiste. Anschließend erkundeten wir die Stadt. Auf diesen Ort hatte ich mich schon seit dem Start meiner Neuseelandreise gefreut, denn es hieß Oamaru sei DIE Steampunk-Stadt Neuseelands. Und auch wenn der Ort nicht sehr groß ist, so hatte er sich dem Retrofuturismus verschrieben. Wir besuchten das Steampunk HQ, eine Art Museum oder Gallerie, vollgestopft mit Skulpturen aus rostigen Schrottteilen oder Ausstellungsstücken aus Steampunkfilmen. Im Hof gab es einen alten, umgebauten Zug, der ebenfalls aus einer anderen Welt zu stammen schien und man konnte fast alles anfassen und ausprobieren und sich darüber wundern, was man so aus alten Eisenteilen alles bauen kann. Ich war hingerissen.

Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich meine Bachelor-Arbeit in Medien- und Kulturwissenschaften über Steampunk als neue Subkultur schrieb. Mich fasziniert einfach diese Kombination aus viktoriansichen Elementen mit Science-Fiction. Ich kann gar nicht wirklich sagen, was genau das Spannende daran ist. Dazu müsste ich wohl etwas mehr ins Detail gehen. Doch seht einfach selbst!

Am besten war das digitale Spiegelkabinett: ein Raum verkleidet mit riesigen Spiegeln, sodass man den Anfang und das Ende nicht wirklich ermessen konnte. Von der Decke hingen schwarze Lichterketten mit kristallenen, Schädelförmigen Lampen. Als die Tür geschlossen wurde, spielte eine sphärische Musik und die Lampen wechselten dazu die Farbe. Es hört sich aufgeschrieben irgendwie psychedelisch an. Auch auf Video oder Bild kann man diese Atmosphäre nicht übertragen, doch ich war einfach begeistert davon. Es nannte sich ein Portal zu einer anderen Dimension und irgendwie stimmte das. Ich ging zweimal hinein. Das erste Mal war ich einfach nur überrascht und begeistert von dem Effekt des Raumes. Das zweite Mal sah ich mir die einzelnen Elemente etwas genauer an. Also, wer so etwas mit mir bauen möchte, ich bin offen für alle Vorschläge! 🙂

Auch der Rest des Stadtviertels war dem Steampunk gewidmet. Durch den Neujahrstag war nicht alles geöffnet, doch wir fanden ein altes Bücherantiquariat, das sich komplett auf Reisebücher spezialisiert hatte (ein Traum!), Kleidergeschäfte mit Korsetts und Zylinder, Schmuckläden, Krimskrams und Kunst. Irgendwie war es gut, dass so viele Läden geschlossen hatten. So kam ich weniger in Versuchung etwas zu kaufen, ich hätte eh wenig Platz im Rucksack gehabt. Doch schon allein durch die Schaufenster zu schauen, war toll! Am Nachmittag spazierten wir noch einmal am Hafen entlang und kamen schließlich zu einem Brutplatz der blauen Pinguinkolonie. Leider war es zu früh am Tag, um die kleinen Kerle zu beobachten. Ich erfuhr, dass die Punguine tagsüber im Meer unterwegs sind und erst in der Dämmerung an Land kommen. Da hatten wir am Vorabend wirklich Glück gehabt!

Moeraki – die Kugeln am Strand

Auf dem Weg weiter in den Süden wollte ich unbedingt bei den legendenumwobenen Steinkugeln am Strand von Moeraki anhalten. Ich hatte schon auf der Nordinsel Postkarten mit dem Motiv gesehen und war sehr gespannt, wie sie in der Realität aussahen. Ich kann so viel verraten: sie sind auch in Natur sehr beeindruckend: riesige, steinerne Kugeln am Strand, einige komplett von den Wellen freigelegt, andere halb vergraben im Sand und wieder andere von den Witterungen auseinandergebrochen, so dass man die unterschiedlichen Gesteinsschichten im Inneren wie in einem Modell des Erdballs selbst erkennen konnte. An dem Tag war es sehr kalt und grau und trotzdem bevölkerten Touristenmassen den Strand. Damit war es nicht einfach ein Bild ohne Menschen von den Steinen zu machen, für meine Postkartenaktion. Wir gönnten uns eine heiße Schokolade und einen Chai Latte im nahen Café und beendeten den Roudtrip-Tag auf einem der kostenlosen DOC Camps, dem Warrington Reserve, mit einem absurden Film, den Erik-Lân empfahl: 11:14 .

Auch der nächste Tag verlief sehr ruhig. Ab und zu braucht man einen Faulenzertag, wenn man ständig unterwegs ist und den gönnten wir uns mit Spaziergängen am nahen Strand, Kurzgeschichten vorlesen und Musik hören. Besser kann man einen grauen Regentag kaum verbringen! 🙂 Allein das Abendessen mit dem kleinen Gaskocher im Regen gestaltete sich etwas schwierig.

Dunedin – Schokolade und Museen

Von Dunedin, der Studentenstadt, hatte ich schon in Napier von Alice gehört. Sie war bereits dort gewesen und schwärmte von der Cadbury Schokoladenfabrik. Doch es war nicht einfach für diese auch Karten zu bekommen. Wir mussten einen Tag warten. Den verbrachten wir mit Souvenirs einkaufen und Museumsbesuchen, die doch sehr überraschten. Ich kann das Dunedin Settlers Museum wärmstens empfehlen. Von den Anfängen der Besiedlung Neuseelands bis heute gab es viele Ausstellungsstücke zum Anfassen, Ausprobieren und Experimentieren. Es ist ein sehr interaktives Museum der Alltagsgeschichte und -kultur, und damit wirklich für jeden. Die Ausstellungsstücke reichten von Möbeln, Kleidungsstücken, Spielzeug, Geschirr bis hin zu Autos und Computern. Die zwei Stunden dort vergingen wie im Flug und ich hätte noch länger dort verbringen können. Unsere Basis-Station in Dunedin wurde Dunedin Holiday Park & Motels.

Anschließend fuhren wir zur rekordprämierten Baldwin Street. Denn diese ist die wirklich steilste Straße der Welt. Die Straße ist zwar kurz, doch wirklich extrem steil. Ich würde nicht dort wohnen wollen und jeden Tag hinauflaufen müssen, obwohl ich vermute, die Bewohner sind recht sportlich. Einmal im Jahr findet dort das Jaffa Race von Cadbury statt. Das ist ein Wettrennen, wie bei uns mit Badeenten, wird es dort jedoch mit Süßigkeiten-Kugel abgehalten. Um einen Eindruck davon zu bekommen habe ich hier ein kleines Video gefunden:

Am nächsten Tag war es dann soweit: Wir betraten die heiligen Hallen der Schokoladenfabrik. Ich habe mich ein bisschen wie in Charly’s Chocolate Factory gefühlt. 🙂 Der Rundgang dauerte zwei Stunden und uns Besuchern wurde die Kunst der Schokoladenherstellung erklärt. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, doch ich weiß, dass wir viel Schokolade probieren konnten und am Ende eine gut gefüllte Goody Bag hatten. Cadbury ist leider keine original neuseeländische Schokoladenmarke, sondern ein weltweites Unternehmen mit britischen Wurzeln. Dennoch war es sehr spannend und das typisch neuseeländische an der Produktion in Dunedin waren die Schokotiere und -riegel mit Marschmallow-Füllung. Anscheinend sind diese Varianten der Süßigkeit in Down Under sehr beliebt. Ich mag eher die traditionellen Schokoladensorten und deckte mich im Cadbury Shop für die nächste Zeit ein.

Kleine Information am Rande: Gute Schokolade in Neuseeland ist teuer. Eine Tafel kostet um die 4 bis 5 NSD und die billigeren Varianten schmecken eher wie zu lang gelagerte Weihnachtschokolade. Meinen Schoko-Konsum hatte ich also in den letzten Monaten drastisch reduziert und fühlte mich in der Schokoladenfabrik um so mehr wie im Paradies.

Abschied von meinem Besuch

In den Tagen in Dunedin machte sich langsam eine Abschiedsstimmung breit. Die zwei Wochen zweisames Reisen näherten sich dem Ende. An unserem letzten Tag erkundeten wir die Umgebung Dunedins und sahen uns das Larnach Castle von außen an (Neuseelands einzige Burg) und die Sandfly Bay, oder auch Bay of flying Sand genannt. Hier sollten eigentlich Pinguine zu sehen sein, doch wieder einmal waren diese im Meer unterwegs. Dafür gab es große Seehunde, die unvorsichtige Besucher jagten. Das passierte mir auch einmal. So endete eine ereignisreiche und reiseintensive Zeit.

Am 6. Januar brachte ich Erik-Lân morgens zum Bus, mit dem er wieder nach Christchurch und zu seinem Flieger fuhr. Es war irgendwie traurig, jetzt wieder allein zu reisen. Es waren vierzehn aufregende und sehr unterhaltsame Tage gewesen, ein sehr wichtiger und schöner Abschnitt meiner Reisezeit. Es ist doch etwas anderes, wenn man die Eindrücke mit jemandem teilen kann, mit der leisen Hoffnung irgendwann sagen zu können, „weißt du noch, damals…?“ Was folgte, war eine leichte Melancholie, die mich noch einige Zeit begleitete.

An meinem letzten Abend in Dunedin bekam ich ein deutsches Gespräch mit zwischen einem älteren Herren und zwei jugendlichen Backpackern mit. Sie unterhielten sich über die Herr der Ringe Drehorte in Neuseeland und ich mischte mich mit meiner eigenen Reiseerfahrung ein. Der breite Herr mit wildem Haar und Bart hieß Jörg, war in seinen 40ern und ein Hamburger Kapitän, der seit 13 Jahren immer wieder nach Neuseeland flog. Er verteilte Reisetipps aus seiner langjährigen Erfahrung wie bunte Bonbons an die jugendlichen Working Holiday Leute und ich bekam auch ein paar ab und trug sie in meine nun schon gut gefüllte Landkarte ein.

Und dann ging es am nächsten Morgen weiter Richtung Süden und der südlichsten Spitze der Südinsel.

Eine Antwort zu „Zu zweit – an der Ostküste”.

  1. […] mit meinem Besuch aus Deutschland war ich Anfang Januar 2017 am Strand von Moeraki. Obwohl es eigentlich schon Sommer war, hatten wir […]