Wie ihr bereits wisst, besuchte mich in der Zeit zwischen den Jahren ein guter Freund aus Deutschland. Ich habe Erik-Lân als Bruder einer Kommilitonin kennengelernt und wir sind über viele Jahre in Kontakt geblieben. Als er meinem spontanen Vorschlag – er solle doch nach seiner Konferenz in Japan einfach einen Abstecher nach Neuseeland machen – in die Tat umsetzte, war ich ziemlich überrascht. Ich freute mich sehr, dass ich die sonst traditionell mit der Familie verbrachte Zeit nicht allein verbringen musste.
Ich weiß noch, dass ich am 23. Dezember um 17:00 Uhr in Christchurch am Flughafen stand. Wie bereits auf der Fähre zur Südinsel, hatte ich so meine Bedenken, ob ich es unfallfrei durch die Stadt und in das Parkhaus schaffen würde. Glücklicherweise waren meine Fahrkünste besser als ich es selbst vermutete und alles lief problemlos. Dennoch musste ich zwei Stunden auf Erik-Lân warten und lernte in der Zeit eine ältere Frau kennen, die ihrerseits auf ihre Schwester wartete. Wir kamen schnell ins Gespräch, unterhielten uns über Neuseeland, Backpacker und die bevorstehenden Feiertage und sie ludt mich und meinen Besuch ein, doch am 25. Dezember zum Weihnachtsessen vorbeizukommen. Ich lehnte jedoch dankend ab, wir hatten eigene Pläne und ich wollte Erik-Lân so viel wie in der kurzen Zeit möglich von der Südinsel zeigen. Schließlich war er endlich da und zu zweit fuhren wir zum Spencer Beach Holiday Park am Rande der Stadt, der in den kommenden Tagen unsere Basis-Station werden sollte.
Es war schon seltsam jemanden aus der Heimat hier am anderen Ende der Welt zu haben. Wir hatten viel zu erzählen und bei Pasta und Pesto, dem typischen Studenten- und Campingessen, quatschten wir bis spät in die Nacht. Das sollte nicht nur einmal so sein während der Wochen.
Christchurch – eine durchschüttelte Stadt
Die Feiertage verbrachten wir in und um Christchurch. Wir schauten uns die Erdbeben geplagte Stadt an. Eines der folgenschwersten Beben zerstörte 2011 die größte Stadt der Südinsel und die Auswirkungen waren immer noch überall zu sehen: die Leerstellen in den Straßen, Parkflächen, wo einst Häuser standen, abgestütze Fassaden und die zerstörte Kathedrale. Einige Ecken sahen wirklich historisch aus und ließen die alte Stadt, die Christchurch einmal war, erahnen. Andere Ecken waren leer oder mit einfachen, schnellen Gebäuden wieder aufgerichtet. Dieser Balanceakt zwischen dem Alten-Bewahren und Neues-Erschaffen war überall zu spüren. Bei dem erstaunlich sommerlichen Wetter flüchteten wir in den schattigen Botanischen Garten. Hier herrschte eine seltsame Mischung aus weihnachtlicher Dekoration und dem sommerlichen Grün und dem Blühen der Rosen, die so gar nicht zusammen in mein traditionelles Weihnachtsbild passten.
Das Weihnachtsessen am Abend bestand aus Salat und Huhn, sommerlich und doch festlich für Camper Verhältnisse. Dann gab es im Van – ich hatte auch dort minimal weihnachtlich dekoriert – die Bescherung. Ich war gerührt und bei den vielen lieben Nachrichten fühlte es sich doch für einen Moment wirklich wie Weihnachten an.
Als klar war, dass Erik-Lân mich in Neuseeland besuchen würde, schickte meine Familie und ein paar Freunde ihm Weihnachtsgeschenke, die er mir mitbrachte. Der Arme muss ein Drittel seines Gepäcks für meine Geschenke geopfert haben!
Akaroa – ein Ausflug mit unerwarteten Begegnungen
Am folgenden Tag machten wir einen Ausflug zur Banks Peninsula. Die Halbinsel südöstlich von Christchurch ist berühmt für ihre hügelige und klippenreiche Landschaft und ihre französischen Einwandererwurzeln. Die Straße schlängelte sich wieder so dahin und lieferte wunderschöne Ausblicke. Wir fuhren bis Akaroa und ließen das Auto dort stehen. Das kleine Städtchen hatte den Charme eines englischen Erholungsortes wie Brighton. Von den französischen Einwanderern zeugte allein die Brasserie und ein paar einsame Fähnchen. So mein Eindruck. Wir wanderten an der Uferpromenade und dem Leuchtturm entlang. Schließlich fanden wir einen ausgeschriebenen Wanderweg, den Children’s Bay Walkway, und folgten ihm über die grasbewachsenen Hügel. Wir hatten wieder einmal das schönste Wetter, was man haben kann. Sonne, leichter Seewind und kühle Schatten. Die Aussicht über die Bucht war einfach phänomenal!
Und dann wurden wir überrascht von einem Krokodil. Ja, einem Krokodil, glücklicherweise natürlich kein echtes. Es bestand aus zusammengeschweißten Schrottteilen! Ich war dennoch irritiert. Was sollte das im Halbschatten am Rande des Weges? Doch als wir schließlich auch noch Giraffen und einem Nashorn begegneten, schien dieser Weg eindeutig eine Art Kunstwerk-Pfad zu sein. Diese Steampunk-ähnlichen Skultpuren ließen viele Spekulationen zu und sorgten für Unterhaltung am Wegesrand. Nach mehr als zwei Stunden Wanderzeit kamen wir schließlich am Ende des Weges an. Wir hatten gehofft, der Weg würde ein Rundweg sein, doch es stellte sich das Gegenteil heraus. Und wir fuhren per Anhalter zurück zum Auto. So verbrachten wir die Feiertage bei sommerlichen Temperaturen am Meer, wie ein richtiger Kiwi (Neuseeländer). Ich bekam fast Halsschmerzen, denn ich redete in den wenigen Tagen so viel wie in dem Monat zuvor nicht! Es macht doch einen Unterschied, ob man allein oder zu zweit unterwegs ist. 🙂
Ich hatte mir schon im Vorfeld überlegt, wohin es gehen sollte in den zwei Wochen. Vierzehn Tage sind keine lange Zeit, um sich wirklich Neuseeland anzuschauen. Aber das war auch die Bedingung unserer gemeinsamen Reise: Erik-Lân reiste mit und folgte so einfach meiner vorgeschlagenen Route. Und so ging es anschließend in die Berge der Südinsel.
Mount Sunday – Willkommen in Edoras
Unser nächster Stopp war Mount Sunday aka Edoras. Ich hatte in einem der Scond Hand Läden einen Herr der Ringe Location Guide gefunden und benutzte ihn als alternativen Reiseführer, denn die Drehorte waren meist in wirklich beeindruckenden Landschaften und abgelegenen Orten. Wer sich selbst davon überzeugen möchte, der kann sich ja noch einmal die Filme anschauen. 😉 Der Weg nach Edoras führte über knapp 50 km lange staubige Geröllwege mitten ins Nirgendwo. Wir begegneten selten einem anderen Auto und fragten uns nicht nur einmal, ob wir wirklich richtig waren. Doch die heiße und staubige Fahrt hatte sich gelohnt. Nach dem letzten Hügel eröffnete sich uns ein beeindruckendes Panorama. Eine Bergkette umrahmte ein breites Flusstal, aus dessen Mitte sich ein kleiner Hügel erhob. Dieser Ort war kaum ausgezeichnet auf Landkarten oder Straßenschildern. Eine Info Tafel erklärte, dass dieser Hügel jeden Sonntag als Treffpunkt für Rinderzüchter der Gegend gedient hatte, daher der Name Mount Sunday. Erst nach dem Dreh von Herr der Ringe wurde das DOC (Department of Conservation) auf diesen besonderen Ort aufmerksam und heute steht er unter Naturschutz. Vorbei an freilaufenden schwarzen Rindern bestiegen wir den Hügel. Ich kann verstehen, warum hier gedreht wurde. Es war einfach ein besonderer Ort.
Zum Glück mussten wir nicht die lange Straße am gleichen Tag zurückfahren. Nach einer halben Stunde Fahrt Richtung Zivilisation gab es ein kostenloses DOC Camp am Lake Camp. Und die Einheimischen belagerten bereits den See. Wie gesagt, in Neuseeland wird über die Weihnachtsfeiertage gezeltet und gegrillt. Am Besten am Strand oder eben am See. So war unsere Abendaussicht die waghalsigen Manöver von Wasserscootern und Wasserski, Bodyboard und Wetsuit.
Geraldine – Ein besonderes Kino
Nach diesem Abend am Lake Camp war alles von einer feinen Staubschicht bedeckt. Als wir wieder in die Zivilisation zurückkehrten, brauchte ich erst einmal eine Dusche auf einem Rastplatz am Highway und ein gutes Frühstück. Danach war Geraldine unser nächster Stopp. Eigentlich wollten wir in die Bibliothek, unsere Geräte aufladen und zu den nächsten Tagen recherchieren. Die war auf Grund der Feiertage geschlossen und so gingen wir dann eben ins Kino. Vor einer Woche war der neue Disneyfilm Moana (deutsch: Vaiana) in die Kinos gekommen und ich musste ihn einfach sehen. Wann passiert es schon, dass Disney genau dann einen Film aus der Südsee zeigt, wenn ich selbst hier herum reise? Außerdem wollte ich Dwayne Johnson als Verkörperung von Maui sehen. Der pazifische Halbgott war mir bereits zu anderer Gelegenheit begegnet. Der Film war herrlich lustig, tragisch, poetisch und schräg! Das Kino glich dem Lichthaus in Weimar, meinem Stammkino aus Studententagen. Es bestand aus einem der typischen Holzbauten Neuseelands mit einem großen Saal, in dem Sofas als Sitze aufgereiht waren. Eine Lichterkette mit großen bunten Glühlampen schmückte die Leinwand und verbreitete ein urige Atmosphäre. Der Film beeindruckte mich, da er genau die Themen ansprach, die auch mich in dem Moment beschäftigten: wissen, wer man ist und wohin man möchte und als Heldin eine starke Frauenpersönlichkeit. Auch wenn das Kino nicht sehr viel preiswerter war als die großen Ketten in den Städten, es bestach einfach mit seiner speziellen Ausstrahlung und Individualität.
Lake Tekapo – das Lichtreservat in Gletschernähe
Nach dem kleinen Ausflug ins Reich der Legenden und Teenie Abenteuer fuhren wir weiter zum Lake Tekapo. Es war weiterhin ein sonniges, warmes Wetter und wir hielten an einem kleineren Nachbarsee an, um zu baden. Auch wenn das türkisblaue Wasser und die strahlende Sonne wirklich dazu verleiteten, war es doch eine ganz dumme Idee! Denn der See wurde direkt von den Gletschern der südlichen Alpen gespeist. Das Wasser war also eisig. Ich schaffte es trotzdem nach einer halben Stunde Überwindungszeit zwei Mal unterzutauchen und wärmte mich dann schnell wieder auf den warmen Steinen in der Sonne auf. Es war fast schon eine Mutprobe. Dafür entlohnte jedoch das Abendbrot auf dem Lake MacGregor Campsite unter freiem Himmel während die Sonne golden unterging. ❤
Am Lake Tekapo gibt es ein Lichtreservat. Ein Gebiet, in dem es keine Straßenlaternen oder Ortschaften mit starker Beleuchtung gibt. Dadurch ist es einer der besten Plätze in der Welt, um sich die Sterne und die Milchstraße anzusehen. Ich hatte ebenfalls auf einen klaren Sternenhimmel gehofft, stellte aber fest, dass selbst um Mitternacht der Himmel noch dunkelviolett anstatt schwarz war. Fast so als wäre eine größere Stadt in der Nähe, die die Nacht erleuchtet. Ich habe mir zuerst nichts dabei gedacht, doch weiter im Süden ist mir dann schlagartig bewusst geworden, dass das die Sonne selbst ist. Ich war im neuseeländischen Sommer auf der Südinsel. Und damit so nah am Südpol, dass ich zwar nicht die Mitternachtssonne erlebte, aber dennoch die Nächte nie richtig dunkel wurden. Eine Sternenfotografie war so leider nicht möglich.
Mount Cook – in den südlichen Alpen
Schließlich führte uns unsere Route ins Herz der südlichen Alpen. Bei unserem Stopp in Twizel füllten wir sowohl unsere Reserven als auch alle Akkus auf (wieder nicht in der Bibliothek, sondern freundlicherweise in der Touristeninformation). Wir übernachteten erst eine Nacht am kleinen Lake Poaka, einem der kostenlosen Campingplätze, die lediglich mit einem Plumpsklo ausgestattet sind. Und am nächsten Morgen fuhren wir entlang des langgezogenen Gletschersees Lake Pukaki mitten hinein in das Gebirge. Von Peter’s Lookout hatte man eine grandiose Sicht auf die Berge und vor allem den höchsten Berg Neuseelands – Mount Cook oder Aoraki. Das kleine Dorf am Fuße der Berge besaß den gleichen Namen – Mount Cook Village – und bestand aus Hotels, einem DOC Camp und einem DOC Office.
Es war schon fast surreal dort in unmittelbarer Nachbarschaft der schnee- und gletscherbedeckten Berge zu übernachten. Hier fühlte ich mich wirklich klein gegenüber der Berge und konnte die Faszination, die diese Landschaften auf viele Menschen ausübten, verstehen. Dennoch bin ich ein Küstenmensch und es zieht mich eher an gischtumspühlte, schroffe Klippen als zu den riesigen Bergen, deren Gipfel ich nie erklimmen werde.
Wir folgten den ausgeschrieben Pfaden einmal zum Tasman Glacier, eine nur kurze Wanderung zu einem See mit Dutzenden Eisbrocken, und zum Hooker Valley. Letzterer führte uns über drei Hängebrücken zu einem grau trüben Gletschersee mit Panoramablick zum Aoraki. Im See und am steinigen Ufer lagen riesige Eisbrocken herum, obwohl die Sonne schien. Und von dort konnte man den Aoraki so nah sehen, wie man ohne professionelle Wanderausrüstung nur kommt. Es war beeindruckend! Auf dem Rückweg zum Camp fanden wir ein Felsendenkmal für alle verschollenen und verunfallten Bergsteiger dieser Gegend. Es standen wirklich viele Namen aus allen Jahrzehnten bis heute darauf und zeigte, dass man die Naturgewalten nicht unterschätzen sollte. Abends im DOC Camp White Horse Hill Campground aßen wir unser Abendbrot zusammen mit einem Haufen anderer Ferienwanderer in der Gemeinschaftsbaracke. Es hätte mich nicht verwundern sollen, dass sowohl Touristen als auch Einheimische hier in den Alpen ihre Feiertage verbrachten. Dennoch war ich erstaunt, dass der ganze große Campingparkplatz komplett voll war.
Einen ganzen Tag wanderten wir zur Muller Hut und am selben Tag auch wieder zurück. Das waren insgesamt 19km, was sich nicht so viel anhört. Doch wenn man bedenkt, dass es die ganze Zeit steil bergauf ging und die Hälfte des Weges nur aus Treppen bestand (1800 Stufen wie wir später herausfanden!), werden einem vielleicht die anstrengenden Dimensionen des Weges klar. Nach der Treppe folgte, genauso steil, gerölliges Gelände. Es war mehr ein klettern als ein wandern, über riesige Felsbrocken mit tiefen Spalten und harsche Schneefelder. Einmal beobachteten wir sogar ein Lawine an der gegenüberliegenden Bergwand und waren froh, dass es solche Schneemassen nicht mehr auf unserer Seite gab. Der Tag war sonnig und warm und selbst im Schnee war es nicht sonderlich kalt. Der Aufstieg wurde fast an jeder Stelle mit einer unglaublich tollen Aussicht auf den Aoraki und das ganze Tal belohnt. Und am Ende des Weges genoss ich die ausgedehnte Pause auf der roten, containerartigen Berghütte. In einem Bergsteigerbuch der Gegend fand ich lustige Namen für Kletterrouten und Aufstiegswege, wie Nosfertau, Notforustwo oder Vampire Peak. Da hatte doch jemand zu viele Vampirfilme gesehen?! So lang wie der Aufstieg war, war auch der Abstieg (entgegen den meisten Erfahrungen, wo der Rückweg kürzer erscheint). Gerade der Teil mit den vielen Treppen zog sich ewig dahin und ich wurde immer stiller und war am Ende so ko, dass ich es gerade so noch mit dem Auto zum Campingplatz am Lake Poaka schaffte. Ich schlief nach dem Abendessen sofort ein!
Und am nächsten Tag folgten wir der Route Richtung Ostküste, nach Oamaru und Dunedin.


