Soweit ich mich erinnern kann, war es das erste Weihnachten fernab der Familie. Noch nie war ich von meinen Lieben so weit entfernt gewesen. Und wenn es auch den Rest der Reise nicht immer so präsent war und ich mein temporäres Alleinsein genoss, zu Weihnachten fehlten sie mir sehr.
Weihnachten auf der Südhalbkugel war anders. Schon allein vom Jahresrhythmus fühlte es sich nicht so an, wie ich es aus der Heimat gewohnt war. In Deutschland war Winter, die Natur zog sich zurück, die Nächte waren lang und kalt und man freute sich über eine heiße Tasse Tee vor dem Kamin und Kerzen. In Neuseeland war es Frühsommer, warm, hell und alles fing noch mehr zu blühen an, als es so schon das ganze Jahr über tat. Die Natur war im Aufbruch und die Menschen ebenso. Es ist dort Tradition, sich zu Weihnachten mit der Familie zum Grillen am Strand oder auf einem Campingplatz zu treffen. Man geht raus in die Natur und genießt das frühsommerliche Wetter. Mir wurde geraten, zu den Feiertagen unbedingt einen Campingplatz vorzubuchen, denn diese seien dann überfüllt.
Weihnachten im Sommer
Wie bitte soll in solch einer Atmosphäre die gewohnte weihnachtliche Stimmung aufkommen? Ganz ehrlich? Gar nicht. Für mich war es einfach seltsam an den sonnigen Tagen bereits in Sommerkleid und Flipflops mit einem Eis in der Hand an Schaufenstern vorbeizuspazieren, in denen Weihnachtsmänner mit dicken Mänteln und Fellmütze standen und so gar nicht in diese Jahreszeit passten. Vielleicht kann man sich daran irgendwann gewöhnen, für mich hat im letzten Jahr einfach etwas gefehlt. Dennoch ließ ich mich auf dieses Erlebnis ein und versuchte es mit ein bisschen weihnachtlicher Dekoration in meinem Van und kaufte die lokalen Weihnachtsspezialitäten, die eigentlich aus dem englischsprachigen Raum der Nordhalbkugel kamen, wie der Christmas Pudding.
Wirklich einen Hauch von Weihnacht verbreitete sich als ich meinen Besuch aus der Heimat vom Flughafen in Christchurch abholte und wir Heiligabend zusammen kochten und schließlich gegen Mitternacht, als es endlich halbwegs dunkel war, Geschenke verteilten. Erik-Lân, ein sehr guter Freund aus Deutschland, verbrachte spontan die Feiertage und den Jahreswechsel mit mir in Neuseeland. Er brachte kleine Päckchen von anderen Freunden und meiner Familie aus Deutschland mit und das war der Moment, in dem es sich für wenige Minuten wirklich weihnachtlich anfühlte.
Doch bereits am nächsten Morgen schien die Sonne, es war warm und wir fuhren nach Akaroa zum Wandern.
In den Neuseelandgruppen auf Facebook sah ich häufig Aufrufe von Backpackern, die nicht allein das Weihnachtsfest oder den Jahreswechsel verbringen wollten und so nach Gleichgesinnten suchen. Es ist einfach eine Zeit im Jahr, die man nicht allein verbringen möchte. Ich war wirklich froh, meinen Weihnachtsbesuch zu haben. Es war schön einen unmittelbaren und persönlichen Gruß aus der Heimat zu bekommen und die Erlebnisse mit einem Menschen zu teilen, den man auch nach Neuseeland wiedersehen würde.
Stilles Silvester
Auch Silvester war ganz anders als in der Heimat: Unspektakulär ruhig und ohne Feuerwerk. Ist es eine Eigenart der Deutschen mit viel Krach und Blitz und Feuerregen in das neue Jahr zu starten? Ich erlebte bereits in Irland einen meiner ruhigsten Jahreswechsel und in Neuseeland wurde es nur getoppt von der Abgeschiedenheit des Ortes. In Oamaru gab allein eine Party am Hafen einen Hinweis auf den besonderen Tag.
Durch diesen fehlenden deutlichen Übergang ins neue Jahr brauchte ich länger als sonst, um mich an die neue Jahreszahl zu gewöhnen. Irgendwie fing das Jahr 2017 für mich erst im Mai an, als ich wieder den Fuß auf europäischen Boden setzte. Und ich beschloß, dass an allen zukünftigen Silvester wenigstens ein Feuerwerk oder zumindest Wunderkerzen brennen sollen!

