Zwischen schneebedeckten Bergen und umgeben von rauschenden Flüssen Neuseelands las ich das Buch In die Wildnis. Kennt ihr noch den Film Into the Wild (2007) von Sean Penn? Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit und den Recherchen von Jon Krakauer zum Schicksal eines amerikanischen jungen Mannes, der allen Konsum hinter sich ließ und in extremen Situationen dem Sinn des Lebens nachspürte. Letztendlich führte dies zu seinem einsamen Tod in der Wildnis von Alaska.
Nachdem ich das Buch gelesen hatte (vielen Dank an Lydia für den Buchtausch!), war ich total aufgewühlt und musste ersteinmal meine Gedanken zu der Lektüre aufschreiben. Ich möchte euch diese nicht vorenthalten, da ich glaube, dass sie zu der Reise durch Neuseeland und dem ewigen Traum der Freiheit und des Sich-Findens ganz gut passen.
Zitat Anfang
„Ich bin aufgewühlt… oder vielleicht ist das zu viel… eher voller Gedanken. Heute morgen habe ich das Buch „In die Wildnis“ von Jon Krakauer zu Ende gelesen. Ich habe gestern damit begonnen, keine 24 Stunden habe ich dafür gebraucht. Was hat mich so gefesselt, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte? Die Suche nach dem Warum.
Warum ist dieser junge Mann in Alaska verhungert? Ich hatte den Film vor einigen Jahren gesehen und der ließ ein fahles Bild von McCandless entstehen: jung, voller Leidenschaft für das ungewisse Abenteuer und mit Hunderten von Schutzengeln ausgestattet, doch ohne Demut, risikofreudig und das Extreme suchend mit einer gehörigen Portion Naivität und Unvorsichtigkeit, wenn nicht sogar Dummheit. Für mich war er ein Junge, der das Extreme unvorbereitet und naiv romantisch suchte und von der Realität eingeholt wurde…schlichtweg dumm. Das ist das Bild des Films.
Doch Krakauer in seinem Buch spürt verschiedenen Perspektiven nach, versucht aus Augenzeugenberichten, Selbstbeobachtungen und historisch ähnlichen Schicksalen ein komplexeres Bildnis zu entwerfen und damit den Kritikern gegenüber zu zeigen, dass es eben nicht jugendliche Naivität und Arroganz war, die zum Tode geführt hat, sondern schlicht und ergreifend ein tragischer Unfall. McCandless ist an einer Vergiftung gestorben, die er nicht vorhersehen konnte, denn dass die Früchte der Pflanze, von der er sonst die Wurzeln essen konnte, giftig waren, stand nirgendwo geschrieben. Was mich bewegt ist zudem der Ausspruch des Autors „Es hätte jeden von uns treffen können“, womit er auf sich und einige Freunde verweist, die in ihrer Jugend ähnlich waghalsige Unternehmungen durchführten und überlebten, teilweise um Haaresbreite.
Nach der Lektüre und den Ausführungen Krakauers bin ich etwas versöhnt und beruhigt. Die Heroisierung des McCandless, die irgendwie bei den Zuschauern des Films zu spüren war, richtet sich doch nicht an einen naiven und respektlosen Jungen, der sich selbst überschätzte und aufgrund seiner Ignoranz starb, sondern an jemanden, der bewusst einen Selbstversuch unternahm und an den Folgen eines Unfalls starb. Immer noch fahrlässig, immer noch an der Grenze des Extremen. Doch irgendwie ist er kein Einzelschicksal, kein Spinner, sondern verkörpert mit seinem Handeln und Sehnsüchten einen amerikanischen Traum. Die Wildnis hat viele verführt und fasziniert, einige sind an ihr gescheitert, andere waren erfolgreicher. Ich weiß nicht, warum das vor allem in Amerika solche Ausmaße noch in der Gegenwart annimmt und Vergleiche mit Europa drängen sich mir auf. Oft sind es die guten Familien mit sauberen Fassaden, die das Extreme suchen und sich bis an die Grenze ihrer Existenz treiben. Vielleicht ist es die Scheinheiligkeit der sauberen Fassaden, des religiösen Eifers und des rücksichtslosen Kapitalismus, die manche Menschen dazu veranlasst, der Gesellschaft den Rücken zu kehren und sich auf die Natur zu besinnen. Vielleicht ist es der Mangel an sinnlichen Erfahrungen, die Wahrnehmung mit allen Sinnen, die in den Großstädten verkümmert, oder der Mangel an Initiationsriten, denn was bei der Lektüre ebenfalls auffällt: es sind alles Männer.
Jedes einzelne Beispiel der naturversessenen Extremerfahrungenssuchenden sind männlich. Ist es die konservative Sicht des amerikanischen Autors, der weibliche Beispiele ignoriert? Oder ist es tatsächlich statistisch ein eher männliches Phänomen, sich der Natur entgegenzustellen und sie herauszufordern? Kulturhistorisch und biologisch wird ein Mädchen zur Frau durch ihre erste Menstruation. Doch solch ein einschneidendes Ereignis gibt es in der männlichen Biologie kaum. Somit kennt jede alte Kultur ein Ritual, bei dem die Jungen sich in extremer körperlicher Weise beweisen müssen, um als Mann daraus hervorzugehen. Christliche religiöse Traditionen wie Firmung oder Konfirmation oder gar die weltliche Variante der Jugendweihe sind nur ferne Echos aus alter Zeit. Doch das Herausfordern der eigenen Grenzen ist heute wohl noch präsenter als vor 25 Jahren. Ich denke da an all die Extremsportarten der letzten Jahrzehnte und es werden immer mehr. Mein Vater und Großvater, die nicht nur Marathon laufen, sondern auch Supermarathon, 100 Stunden Läufe oder ähnliches; mein Cousin, der sich damit rühmte, sich einen Monat nur von Kartoffeln ernährt zu haben, was mich stark an McCandless erinnerte; der Ex einer Freundin, der 700km in 10 Tagen lief ohne sich darauf professionell vorzubereiten. Auch heute gibt es die McCandless‘ unserer Generation. Vielleicht weniger isoliert, da moderne Technik und gesellschaftliche Konventionen heute auf Selbstpräsentation trimmen, doch die Extremen sind da.
Und abgespeckter noch ist die Verbindung zu Neuseeland, das Land der Extreme. Was bringt so viele Jugendlich dazu nach dem Abitur ans andere Ende der Welt zu fliegen? Es ist die Suche nach Abenteuer, nach Unabhängigkeit, Selbstverantwortung, Freiheit, doch anders als McCandless ist es ein Grenzen austesten mit Sicherheitsnetz. Neuseeland wirbt zwar mit unberührter Natur, doch auch die ist inzwischen kultiviert und es gibt keine gefährlichen Tiere. Unfälle sind vom Staat versichert, auch von Touristen. Selbst in abgelegenen Berglandschaften hört man mindestens einmal am Tag Hubschrauber, sieht die Quadspuren der Jäger, Fischer und Landwirte im Matsch. Es gibt die Weite, die in Europa nur schwer zu finden ist. Es gibt weniger Menschen, doch unberührtes Land auch nicht mehr. Ausgebaute Infrastrukturen für Wanderer und Besucher. Ich möchte die Extremerfahrungen hier nicht absprechen, nicht kleiner machen, denn man kann sie suchen und finden. Doch es ist definitiv eine andere, sicherere Version des absoluten Ausgeliertert-seins in der Natur.
Doch auch McCandless kehrte zwar der sicheren Gesellschaft den Rücken und lebte nach seinen Idealen, wenn man jedoch zwischen den Zeilen liest, nicht ganz konsequent. Er verbrannte alles Geld, warf seine Kreditkarten weg und ließ immer wieder den Luxus hinter sich. Gleichzeitig hat er gearbeitet, ein Sparkonto eröffnet, seine Steuernummer angegeben. Er war nicht asozial, suchte die Gesellschaft anderer Menschen und brauchte auch Zeit für sich. Krakauer scheint diese Wechselhaftigkeit und Widersprüchlichkeit des jungen Mannes zu bewundern, denn McCandless lässt sich nicht in eine Schublade stecken. Krakauer ist davon fasziniert. Auch das beschäftigt mich: die Überraschung von Menschen, wenn sie feststellen, dass ihre Mitmenschen nicht einfach in Schubladen gesteckt werden können. Es ist einfach, das zu tun, doch es ist auch traurig, denn es verkennt die Komplexität der menschlichen Existenz. Ich reagiere empfindlich auf solche Versuche. Es vereinfacht das Weltbild, wenn man in geschlossenen Kategorien denkt und die Mitmenschen in Schubladen steckt. Es birgt aber eben auch die Gefahren des Unvertsändnisses. „Warum machst du das, du bist doch sonst so und so“
Wie meine Großmutter, die immer davon überzeugt war, dass ich Teewurst liebte und daher immer etwas davon auftischte, wenn ich sie besuchte und enttäuscht war, wenn ich nichts davon aß. Nicht jeder Tag ist ein Teewursttag und heute esse ich sie gar nicht mehr.
Krakauers Faszination dem Facettenreichtum McCandless gegenüber macht mich daher auch ein wenig traurig. Denn er sieht es als etwas Besonderes, etwas Ungewöhnliches. Für mich ist es alltäglich und gehört zu meinem Allgemeinverständnis: Jeder Mensch ist facettenreich und nicht streng kategorisierbar. Kategorien sind gut als Beschreibung von bestimmten Zuständen, doch innerhalb eines Individuums variieren sie. Ich bin beispielsweise oft ruhig, beobachte meine Mitmenschen und höre zu, doch es gibt Situationen, da bin ich genau das Gegenteil. Zudem fällt es mir leicht Leute kennenzulernen, wenn ich das auch möchte und genieße die Gesellschaft anderer und liebe Teamarbeit. Das passt nicht so recht ins Bild der Introvertierten. Ich bin daher davon überzeugt, dass wir als Gesellschaft davon Abstand nehmen sollten, unsere Mitmenschen in sture Kategorien einzuteilen, und sie als das zu sehen, was sie sind, komplexe Individuen. Dennoch können Kategorien helfen unsere Gemütszustände zu beschreiben: „Ich bin heute sensibel und introvertiert, also brauch ich meine Ruhe, aber morgen bin ich vielleicht wieder extrovertiert und gesellig…“ oder so ähnlich.“
Zitat Ende
Ich werde meine Gedanken von vor über einem Jahr nicht weiter kommentieren und hoffe, sie geben Anstöße und machen vielleicht auch auf das Buch neugierig.
Viel Spaß beim Lesen! 🙂

