Arthur’s Pass – Berge und Steine

Auch wenn ich nur wenige Tage in den Bergen zwischen Greymouth und Christchurch verbrachte, so hat diese Gegend doch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Waren es die tiefen Schluchten, die wilden Lupinen oder der waghalsige Wanderweg?

Ich überquerte den Arthur’s Pass am Nachmittag. Die Sonne stand schon leicht schräg und tauchte die Berghänge vor mir in goldenes Licht. Der Himmel strahlte im hellsten Blau und ich hätte mir keinen besseren Tag für die Passüberquerung aussuchen können. So fuhr ich wieder einmal über dahinschlängelnde Straßen und durch tiefe Schluchten. Kurz vor dem steilsten Wegabschnitt fragte mich ein großes, unübersehbares Warnschild, ob ich denn sicher sei, dass mein Auto diesen Bergpass schaffen würde! Ich war mir nicht sicher, doch ich ließ mein Auto die steilen Hänge hinaufkriechen und war froh über jede kurze Pause mit Aussicht, in der sich der Motor beruhigen konnte. Ich hatte keine Lust mit einem überhitzten Motor irgendwo auf der Strecke ohne Orte zu stranden! Doch zum Glück ging alles glatt.

Die Wolken waren so hoch, dass ich die Landschaft bewundern konnte. Es war offensichtlich, dass man hier alpines Gelände betrat. Die Landschaft wurde rauer, die Vegetation spärlicher und die Keas, unter Naturschutz stehende Gebirgspapageien, bettelten um Futter und waren aufdringlich neugierig. Am höchsten Punkt der Strecke gab es einen Aussichtspunkt, von dem aus man die lange, fast futuristisch wirkende Brücke bewundern konnte und auch der Straßenschutz vor Gerölllawinen war neu für mich. An dem ersten Tag war es schon zu spät, um direkt am Arthur’s Pass wandern zu gehen und so fuhr ich über den Pass hinweg bis zum Klondyke Corner Campsite, einem kostenlosen Campingplatz an einem Gebirgsfluss mit blauvioletten Bergblumen! Das war einer der idyllischsten Orte meiner Reise: gebirgskaltes Wasser, die Berge zu allen Seiten und campen unter grünen Bäumen, umrahmt von wilden, violetten Lupinen und die Sonne am Horizont! ❤

Ein Haufen Steine anstatt Gebirgswanderung

Am nächsten Tag, wie sollte es auch anders sein, regnete es. Was als leichter grauer Schleier begann, wuchs sich zu einem strömenden Regen aus. Ich hatte es trotzdem probieren wollen und war zum DOC Office am Arthur’s Pass gefahren, um mich nach einer schönen Wanderstrecke zu erkunden.

Das DOC (Department of Conservation) ist die neuseeländische Naturschutzbehörde. Ihr unterstehen alle National Parks des Landes und sie betreuen eine große Anzahl an DOC Campingplätzen sowie die Wanderwege und Wanderhütten.

Der nette Ranger riet mir davon ab, an diesem Tag im Gebirge zu wandern, und er hatte Recht, denn genau da fing es an in Strömen zu regnen. Das konnte auf den nur wenig befestigten Wanderwegen gefährlich werden. Sein Tipp: Castle Hill und Cave Stream weiter in der Ebene Richtung Christchurch zu besuchen. Hier sollte der Regen etwas nachlassen.

Castle Hill war eine grüne Hügellandschaft, die mit hellgrauen, glattgespülten Felsen und Steinen übersät war. Es sah aus als hätten Riesen mit Murmeln gespielt oder mit seltsamen Bauklötzen linkisch Irrgärten gebaut. Trotz des grauen Wetters waren viele Besucher unterwegs und ich wunderte mich darüber, denn nirgendwo hatte ich in den Reiseführern aus meinem Auto darüber gelesen. Dieser Ort war einfach toll! Ich hätte stundenlang von Stein zu Stein klettern können. Es gab regelrechte Mulden, in denen man vor dem Wind Schutz finden konnte. Kinder kletterten über die Felsen, denn es gab kleine und große Aushöhlungen, die perfekt den Händen und Füßen Halt boten – wie bei einer Kletterwand! Ich sah auch eine Gruppe Teenager boldern. Sie hatten mobile dicke Matten unter die Felswand gelegt und versuchten ihr Kletterglück. Der Ort glich einem Labyrinth. Hier und dort konnte man Höhlen, Durchgänge und neue Kletterebenen entdecken. Castle Hill ist ein echter Geheimtipp und steht auf meiner Liste von Orten für das perfekte Fotoshooting! 🙂

Nicht weit von dem Kletterparadies entfernt gab es eine Höhle, Cave Stream, durch die ein kleiner Strom floß. Das Besondere war, die Höhle war begehbar ohne spezielle Führung, doch es war ratsam sie nicht allein zu erkunden. Man sollte zudem die richtige und warme Kleidung, ein Kopflicht und am besten noch einen Helm dabei haben, bevor man sich als Höhlenforscher versuchte. Ich wanderte ein wenig durch das Gelände, suchte schließlich verbissen mein Kopflicht und fand es nicht… und gab schließlich auf. Ich sah einige Backpacker mit Taschenlampe davon spazieren. Aber um ehrlich zu sein, wahrscheinlich war es für mich nicht allzu verlockend bei kaltem, grauem Wetter durch knietiefes Wasser und Matsch zu waten und durch die Höhle zu kriechen. Es hielt mich nicht davon ab, es später im Süden dennoch zu versuchen, doch an diesem Tag musste ich passen. Ich probierte dafür den DOC Campingplatz am Lake Pearson aus und verbrachte eine ruhige Nacht am See, wieder umgeben von den Bergen.

Endlich – der Arthur’s Pass

Am folgenden Tag unternahm ich einen zweiten Versuch und fuhr früh am Morgen zum Arthur’s Pass. Ich wollte nicht den legendären Gebirgspass besucht haben, ohne dort wenigstens ein bisschen zu wandern.

Die Bahnstrecke der TranzAlpine Railway zwischen Greymouth und Christchurch gehört zu den schönsten Bahnstrecken der Welt und führt über diesen Pass! Die Strecke beträgt 223 Kilometer und per Bahn benötigt man ungefähr fünf Stunden. Tickets kann man entlang der Strecke kaufen.

An diesem Tag war es zwar sonnig, aber windig. Der DOC Ranger empfahl mir den Weg zu den Bride Veil Falls und zum Devil’s Punchbowl. Es war etwas schwierig für mich die Wasserfälle wirklich zu finden und als die empfohlenen zu identifizieren, denn alle paar Meter gab es irgendwelche Wasserfälle. Das war den vielen vorangegangenen Regentagen geschuldet, die die Berglandschaft mit unzähligen Wasserströmen überzogen.

Ich fühlte mich etwas unausgelastet, denn der Wanderweg war eben und übersichtlich und glich einem Spazierweg. Doch ich wollte klettern und wandern und naja, tolle Aussichten entdecken. Nach einer halben Stunde glaubte ich die Bride Veil Falls gefunden zu haben und ein paar schöne Bilder vom fallenden Wasser später machte ich mich auf den Rückweg. Dabei stieß ich auf ein Schild zum Aiken Track und einem Impuls folgend, schlug ich diesen Weg ein. Nun gut, als Weg konnte man das wenig bezeichnen, denn es ging steil bergauf und der Pfad glich eher einem ausgetrockneten Flussbett als einem von Menschenhand geschaffenen Weg. Abschnittsweise floss sogar ein kleines Rinnsal zwischen den Felsbrocken hindurch und endlich war es mehr ein Klettern als ein Gehen. Von Zeit zu Zeit erhaschte ich einen Blick durch die Baumwipfel hindurch und konnte die noch schneebedeckten Gipfel der Nachbarberge sehen.

Manchmal war es schwierig dem Pfad zu folgen, denn die orangenen Reflektordreiecke, die als Wegmarkierung dienten, waren so sehr im Gestrüpp angebracht, dass man sie leicht übersah. Ich kam immer höher und höher, sah einen Regenbogen von oben und kletterte durch Wolkenfetzen. Die Straße war nur noch ein fernes Echo. Viel lauter dröhnte mir der Wind in den Ohren. Als es anfing zu schneien, war der höchste Punkt meiner Kletterpartie erreicht. In den ganzen zwei Stunden war ich keiner Menschenseele begegnet. Allein ein paar Abdrücke schwerer Schuhe im Matsch zeugten davon, dass an diesem Tag schon jemand vor mir sich auf diesen Weg gemacht hatte. Ich stand also allein vor einem schroffen, zackigen Felsabschnitt, der nur schwer Halt für Hände und Füße bot. Der Weg ging dort hinauf. Ich war jedoch schon ziemlich ko, allein und ohne Handschuhe froren meine Finger schon sehr. Da der Ranger betont hatte, sich nicht zu überschätzen und mir die Werbung für die Ortungsgeräte für Bergsteiger noch im Kopf war, beschloss ich das Schicksal nicht weiter herauszufordern, machte eine Pause und dann mich auf den Rückweg. Ich hatte bereits eine etwas schwierigere Stelle überwunden und war froh nicht abgerutscht und den Hang hinunter gefallen zu sein. Die Wand war bestimmt drei Meter hoch, ein Ende nicht in Sicht und der nächste Reflektorpfeil erst sieben Meter über mir zu sehen. Meine Familie würde es mir danken, wenn ich gesund wieder nach Hause kam.

Auf meinem Rückweg fand ich schließlich noch Devils punchbowl, einen etwas größeren Wasserfall, und beendete so meine Wandertour am Pass. Mit Sicherheit hätte man noch viele andere Wege ausprobieren können und ich war wirklich versucht. Auf Karten sah ich die Wege zu den Gipfeln und Berghütten. Doch die wirklichen Wandertouren warteten auf mich weiter im Süden. Die Nacht verbrachte ich wieder auf dem Klondyke Corner Campsite am Fluss mit den wilden Lupinen und las ein sehr faszinierendes und absolut passendes Buch, In die Wildnis von Jon Krakauer, zu Ende. Bis ins Dunkel hinein hing ich an den Seiten und konnte es erst weglegen, als ich es beendet hatte. Was hatte mich nur so daran fasziniert? Wahrscheinlich war es die Frage nach dem Warum. Warum macht sich ein junger Mensch auf ins Nirgendwo und bringt sich an die Grenzen seiner Existenz?

Vielleicht kennt ihr noch den Film Into the Wild (2007) von Sean Penn? Ja, der Film beruht auf einer wahren Begebenheit und den Recherchen von Jon Krakauer zum Schicksal eines amerikanischen jungen Mannes, der allen Konsum hinter sich ließ und in extremen Situationen dem Sinn des Lebens nachspürte. Letztendlich führte dies zu seinem einsamen Tod in der Wildnis von Alaska. Doch auch wenn der Film eher das Bild eines sich selbst überschätzenden und naiven Jugendlichen zeichnet, spürt Krakauer in seinem Buch der grundlegenden Anziehung der Wildnis nach. Er zeigt, dass Christopher McCandless, der besagte junge Mann, nicht an Dummheit und Ignoranz gestorben ist, sondern weil ein Experiment – eine Grenzerfahrung – unvorhersehbar schief ging. Krakauer setzt die Geschichte McCandless‘ in eine Reihe von ähnlichen, über die Jahrhunderte immer wiederkehrenden Einzelschicksalen und zeigt so, dass sie – die Geschichte McCandless‘ – nicht als einzelne dumme Begebenheit, sondern als ein Symptom der Gesellschaft verstanden werden kann.

Weihnachtsvorbereitungen

Als ich den Arthur’s Pass hinter mir ließ und durchs flache Canterbury fuhr, waren es nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Und das bedeutete in Down Under Sommer, Sonne, Camping und Barbecue. Für mich bedeutete es, einen Besucher aus Deutschland. Ein guter Freund von mir nahm kurz vor Weihnachten an einer Konferenz in Japan teil und ich schlug halb im Spaß vor, doch auf dem Rückweg kurz bei mir vorbeizuschauen. Von Japan sei es ja nicht mehr ganz so „weit“! Der Vorschlag wurde prompt angenommen und so verbrachte ich die Zeit zwischen den Jahren doch nicht allein, sondern mit Erik-Lân aus Deutschland. Im Vorfeld musste ich jedoch noch einige Dinge vorbereiten. Ich hatte nur eine Einzelmatratze im Auto und nach einer halben Odyssee und dem Abklappern zahlreicher Second-Hand-Shops am Wegesrand, konnte ich meine alte Matratze der Salvation Army spenden und bekam im nächsten Gebrauchtmöbellager eine etwas größere. Sonst hätte einer wohl draußen im Zelt übernachten müssen. Die letzten Tage bevor ich am Flughafen in Christchurch verabredet war, verbrachte ich in Springfield im Kowai Pass Domain Camp und in Amberley im dortingen Amberley Beach Camping Ground. Dort las ich in der örtlichen Bibliothek endlich Der Hobbit zu Ende und füllte meine Essens-Reserven für die Feiertage auf. Der Campingplatz in Amberley lag direkt am Strand und verwöhnte mich mit einem feuerroten Sonnenuntergang. Und dann war es soweit: der Tag vor Heiligabend und meine Verabredung am Flughafen in Christchurch, doch davon später.