Zwischen Hokitika und den Gletschern

Die Westküste der Südinsel soll die grünste Gegend Neuseelands sein – ratet mal warum?! Ja, weil es dort so viel regnet! Für mich war es eine Landschaft voller Naturschauspiele und einzigartiger Momente. Wo in der Welt kann man sonst vom Strand aus einen Gletscher sehen?

Die erste Sehenswürdigkeit an der Westküste waren für mich die Pancake Rocks in den frühen Morgenstunden. Ich war zeitig genug aufgestanden, um dieses Naturphänomen noch vor den Touristenströmen zu besuchen. Dadurch war es ruhig und idyllisch. Die Steinformationen sahen wirklich aus wie gestapelte Pfannkuchen (oder Eierkuchen 😉 ).

Die Pancake Rocks entstanden vor 30 Millionen Jahren aus übereinander geschichteten Ablagerungen von Kalksedimenten und Tonmineralien. Durch Erdbeben und Landbewegungen wurden diese Schichten an die Oberfläche gehoben und Wind und Wellen tragen sie langsam, aber stetig wieder ab.

Ein sehr gut ausgebauter Besucherweg führte durch die felsige Landschaft und Informationstafeln trugen zur Bildung bei. Ich sah nur noch zwei andere Besuchergruppen und es war ein schönes Gefühl am frühen Morgen eine der Ersten zu sein. Das Wetter war nun schon gewohnt rauh und ließ die fortlaufende Steilküste in nebliger Gischt verschwinden. Von hier aus fuhr ich nach einem kurzen späteren Frühstück im Van ohne Stopp durch bis nach Hokitika.

Hokitika – Grüner Stein und Blaues Wasser

Die kleine Stadt liegt beschaulich am Meer und es gibt kaum nennenswerte Sehenswürdigkeiten. Eine Strandpromenade folgt dem felsigen Strand einmal um den Ort herum und endet wieder auf der Hauptstraße. Es gibt alle nötigen Einkaufsmöglichkeiten und ein paar niedliche Bauwerke wie den Uhrenturm in der Mitte eines Kreisverkehrs. Was den Ort jedoch über die nationalen Grenzen hinaus berühmt macht und die Touristen anlockt, ist zum einen das jährlich stattfindende Wild Food Festival – das habe ich leider verpasst – und der Greenstone. Der neuseeländische Jade-Stein, der den Maori heilig ist und heute jeden Touristen schmückt. Ich muss zugeben, auch ich habe hier hauptsächlich wegen dem Stein angehalten. Ich wollte für meine Familie solch grünen Schmuck mitbringen und wurde ein wenig enttäuscht.

Das Hokitika Wild Food Festival findet jedes Jahr in der ersten März-Hälfte statt und es werden, neben ganz normalen und durchaus gourmetgefälligen Gerichten, die ungewöhnlichsten und gewöhnungsbedürftigsten Speisen angeboten. Ein kleiner Auszug aus dem diesjährigen Angebot: Entenköpfe, Fischaugen, Skorpione, Baby-Oktopus, Würmer, frittierte Schweineohren (nicht die vom Bäcker!) und mehr.

Greenstone

Pounamu, wie der Greenstone auch genannte wird, spielt in der Kultur der Māori eine wichtige Rolle. Er wurde als ein Schatz angesehen und zur Herstellung von Werkzeugen, Schmuckstücken und Waffen genutzt. Diese, so glaubte man, besaßen ihre eigene spirituelle Kraft, sie wurden als wertvolle Erbstücke weitergegeben und oft anlässlich wichtiger Vereinbarungen als Geschenk verwendet, um diese zu besiegeln.

Der Aberglaube besagt, dass man den Stein wirklich nur geschenkt bekommen sollte. Ihn sich selbst zu kaufen, bringe Unglück. Ich habe dies eingehalten und für meine Familie und Freunde, die schon einmal in Neuseeland waren, solch einen Stein erworben.

Ich habe selbst keinen Greenstone und ich hoffe heimlich, dass ich irgendwann mal einen geschenkt bekomme. Was man aus Aberglaube nicht alles macht! Aber irgendwie gefällt mir der Gedanke, solche kleinen Regeln einzuhalten und ein Gefühl von Tradition und Geschichte zu bewahren.

Hokitika ist eine der wichtigsten Fundgegenden dieses besonderen Jade-Steins und sowohl Einwohner als auch Touristen machen sich auf die Suche nach dem roh doch sehr unspektakulär aussehenden Brocken. An der Hauptstraße des Ortes reihen sich zahlreiche Werkstätten und Souvenirläden aneinander, die bereits fertiggestellte Souvenirs und Schmuckstücke aus Greenstone anbieten. Es war jedoch nicht einfach, schöne und erschwingliche Jadestücke zu bekommen. Ich klapperte alle Handwerksläden der Stadt ab und wurde enttäuscht. Viele boten zwar handgefertigte, doch auf Masse produzierte Anhänger an und irgendwie fehlte ihnen das gewisse Etwas. Man sah den erschwinglichen Stücken die Massenproduktion an, denn sie wurden zudem oftmals aus billigerer chinesischer Jade produziert. Sie waren nicht ebenmäßig, hatten grobe Unregelmäßigkeiten in der Form, die sofort von dem eigentlich schönen grünschimmernden Stein ablenkten. Ihnen fehlte die sorgfältige Präzision eines ehrgeizigen Steinschnitzers.

Der Angelhaken, oder auch Hei Matau genannt, ist ein sehr beliebtes Symbol (vielleicht kennt ihn der ein oder andere aus dem Disney-Film Vaiana ?!). Der Haken spielt auch in den Legenden um Maui eine besondere Rolle. Als Kettenanhänger steht er für Fülle, Gesundheit, Stärke und die sichere Reise zu Wasser.


Die Spirale ist ein universelles Symbol. Welche Kultur kennt sie nicht? Und auch die Bedeutung ist oftmals ähnlich. In Neuseeland ist sie Sinnbild des sich gerade entfaltenden neuseeländischen Farns. Mit ihrem Anfang und Ende symbolisiert die Spirale vor allem Neuanfang, Wachstum und Harmonie.


Der Twist (oder wie kann man auf Deutsch dazu sagen?) kann nur eine oder auch mehrere Drehungen und Windungen besitzen. Diese Form steht für die starke Verbindung einer tiefen Freundschaft oder Beziehung zwischen Liebenden. Diese Form erinnert fast schon an keltische Knoten und auch hier ist die Bedeutung eine ähnliche.


Der Toki war ursprünglich ein Schneidewerkzeug zum Schnitzen oder Schaben. Erst später bekam er eine eher zeremonielle Bedeutung und wurde als Taonga, was so viel wie Schatz bedeutet, innerhalb des Maori Clans vererbt. Es wird häufig von Männern getragen. Heute soll diese Form dem Träger vor allem Stärke und Mut verleihen.


Manaia ist ein spiritueller Beschützer und Träger übernatürlicher Kräfte, der meist ein Vogelgesicht, einen menschlichen Torso und einen Fischschwanz besitzt. Damit symbolisiert er auch die drei entsprechenden Elemente Luft, Erde und Wasser und die Balance zwischen ihnen. Er soll seinen Träger vor allen schlechten Einflüssen beschützen.


Die Form des Tiki erinnert an einen Menschen. Meine Version gibt nur eine Ahnung von der eigentlichen Kunstfertigkeit, die hinter solch einer komplizierten Form steckt, wieder. Auch wenn ich persönlich die schlichten, universellen Formen bevorzuge, so sind es doch die Tiki-Figuren, die am meisten mit einem Maori Schmuckstück in Verbindung bringe. Tiki repräsentiert die Ahnen und ist ein starkes Glückssymbol.

Doch wie es oftmals so ist, endlich, der letzte Laden war DER Laden! Er hieß Traditional Jade und bereits als ich den Verkaufsraum betrat, wusste ich, ich bin hier richtig. Die Stücke waren Einzelstücke. Jedes unterschied sich vom anderen und ihnen sah man die Aufmerksamkeit an, mit der sie gefertigt wurden. Ich hatte sogar Glück und konnte dem Jade-Künstler noch eine Weile zuschauen, bevor der Laden schloss. Ich erfuhr, dass es sich bei Traditional Jade um ein kleines Familienunternehmen mit lokalen Maori Wurzeln handelte. Fast schon euphorisch verließ ich den Jade-Laden und beschloss am nächsten Tag dort die Souvenirs zu holen (ich musste noch das entsprechende Geld abheben).

Nach einem kurzen Besuch in der Bibliothek des Ortes (hier lernte ich Sabrina kennen, eine rothaarige junge Frau, wobei wir erst eine halbe Stunde auf Englisch miteinander redeten, bevor uns bewusst wurde, dass wir beide aus Deutschland kamen) nutzte ich den Luxus meines Stellplatzes und genoß eine ausgiebige heiße Dusche und ein warmes Essen im Hokitika Shining Star Beachfront Accomodation. Der kleine Luxus des verwegenen Campers. 😉 In der Küche kam ich erneut mit zwei Backpackern, Robin und Riccardo, ins Gespräch und als es dunkel war, suchten wir gemeinsam die kleine Waldnische in der Nähe des Holiday Parks, wo es Glühwürmchen geben sollte. Ich hatte schon welche im Norden gesehen, doch begleitete die beiden gerne. Am Ende mussten wir schon alle Taschenlampen ausschalten, um sie sehen zu können. Ich weiss nicht, was die besten Bedingungen für die Würmchen sind, aber dort schimmerten sie nur flau im Dunkeln und die anderen waren fast schon enttäuscht. Wir verabredeten uns, am nächsten Morgen zusammen zur Hokotika Gorge zu fahren.

Hokitika Gorge

Die Jungs brauchten am Morgen zu lange, um startklar zu sein, und ich trampelte schon seit Stunden ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Also fuhr ich zur Hokitika Gorge bereits vor, denn ich kannte mich zu gut: Ich würde eh ziemlich lange an dem Ort verbringen, um Unmengen an Bildern zu schießen. Und diese Einschätzung war berechtigt. Durch die Hokitika Schlucht zog sich ein breiter Fluss hellblauen, milchigen Wassers, das im starken Kontrast zu den weißen Felsen und dem dunkelgrünen Moos stand. Wunderschön! Ich mag das Farbenspiel Neuseelands. Ich folgte dem Wanderweg bis zum Ende und er führte über eine Brücke bis hinunter an das Ufer einer kleinen felsigen Flussbiegung. Ich fotografierte so viel, kletterte auf Felsen. erwehrte mich der kleinen schwarzen Sandfliegen, sodass ich einige Touristen und Familien kommen und gehen sah. Es war einfach zu schön, um nur fünf Minuten dort zu verbringen. Auf dem Rückweg lief ich dann doch nochmal den Jungs über den Weg, wobei Riccardo völlig unbegeistert meinte, bei ihm in Italien gäbe es auch solche Flüsse. Warum also die Aufruhr und diese überschwengliche Begeisterung? Er mag recht haben, aber egal an welchem Ort der Welt, Wasser von diesem milchigen Hellblau wird immer etwas Besonderes für mich sein.

Später kaufte ich den Greenstone und war glücklich! In einem anderen Jadeladen wurden kostenlose Touren durch die Werkstätten angeboten und so nahm ich zusammen mit einer Schweizerin daran teil. Uns wurde erklärt, was das Besondere am Greenstone war, wo sie vorkommt und wie sie verarbeitet wurde. Die Tour wurde von einer der großen Souvenirketten angeboten und die Dame räumte auch ein, dass viele der preiswerteren Schmuckstücke nicht neuseeländischen Ursprungs seien, sondern in China gefertigt würden. Das war wirklich ernüchternd. Wenn man schon einen grünen Schmuckstein aus Neuseeland mitnimmt, vertraut man doch darauf, dass dieser auch hier aus der Gegend kommt, oder?

Nach einer kurzen Recherche zu den Unterkünften der nächsten Tage und ein wenig Tolkien-Lektüre (ich las The Hobbit auf Englisch kapitelweise in den Bibliotheken, in denen ich recherchierte), fuhr ich zu einer $10 Unterkunft. Im Prinzip war es ein Blockhüttenbungalow am Waldrand. Ich wäre fast dran vorbeigefahren, denn es war wirklich unscheinbar, sehr spartanisch, aber dennoch mit Dusche und Küche ausgestattet. Das wurde mit der Zeit zu den wichtigsten Merkmalen eines guten Campingplatzes: Dusche, Küche, Steckdose und WiFi.

Die Tage wurden merklich länger! Ich verbrachte den Abend lesend im Auto und konnte bereits länger als gewohnt ohne Taschenlampe auskommen.

Fox und Franz-Josef – die Gletscher

Die kommenden Tage war Regen angekündigt und so sollte es auch werden. Als ich am frühen Morgen Richtung der Gletscher fuhr, konnte ich kaum die Berge sehen vor tiefhängenden Wolken. Allein die grünen Füße der Bergmassive waren zu sehen, doch die Gipfel versteckten sich wie abgeschnitten in den Wolkenschichten. Trotzdem besuchte ich den Fox Gletscher, der jedoch aufgrund der Wetterlage gesperrt war bis zum nächsten Tag. Und dann ging das Gewitter auch los mit Blitz und Donner, strömendem Regen und Hagel. Typisch Westcoast, wie man mir versicherte. Ich nutzte die Zeit, um haushaltsmäßige Dinge zu erledigen wie Wäsche waschen, Einkaufen und kochen. In der Küche des Fox Glacier Lodge & Campervan Park traf ich ein Paar mit zwei Kleinkindern aus Berlin – wie klein die Welt doch ist!

Am nächsten Tag schien der Himmel leer gewaschen zu sein und strahlte am Morgen blau und klar. Also fuhr ich schnell zum Fox Gletscher und wirklich: der Weg war freigegeben und ich konnte so nah an einen Gletscher herangehen, wie noch nie in meinem Leben (was nicht schwer war, denn ich hatte bisher auch nur einen gesehen). Doch irgendwie war der Gletscherzunge kleiner als ich erwartet hatte. Bebilderte Tafeln zeigten den Rückgang der Gletscher innerhalb weniger Jahre. Daher ist es auch nicht mehr möglich zu Fuß die Eismasse zu besuchen, sondern muss eine der nicht ganz billigen Helikopterflüge buchen, um einmal einen Fuß auf einen Gletscher setzen zu können. Mir wurde einmal mehr vor Augen geführt, was die globale Erwärmung für Folgen hat, und dass einige Orte dieser Welt am Verschwinden sind.

Auf der Liste der Natursehenswürdigkeiten stand auch der Lake Matheson. Dieser ist ein Spiegelsee – Mirrorlake, der die nahe Bergsilhouette spiegeln soll. Doch schon versperrten mir wieder einmal die tiefhängenden Wolken die Sicht auf Berge und der Wind kräuselte die Wasseroberfläche zu sehr.

An den Informationstafeln stand, am frühen Morgen und späten Abend wäre es die beste Zeit, um die Spiegelungen zu sehen.

Es führte ein kleiner Wanderweg einmal um den See herum und er nahm nicht sehr viel Zeit in Anspruch. Neben den Informationstafeln, die von der atemberaubenden Aussicht schwärmten (die ich ja leider nicht sehen konnte), gab es hin und wieder ein paar poetische Tafeln und Zitate berühmter Persönlichkeitern über die Natur. Und hier an diesem Ort zwischen naher Küste und eisigen Bergen, bekamen diese Zeilen noch einmal eine ganz besondere Bedeutung.

Am gleichen Tag wanderte ich auch noch zum Franz-Josef Gletscher und diese Wanderung dauerte etwas länger als alle vorherigen, doch dafür war dieser Gletscher auch beeindruckender! Schon von weitem konnte ich die eisblauen Flächen erkennen, die sich über dem Tal erhoben. Wenn man bedenkt, dass diese breiten Täler mit all dem Schutt und Geröll einst von meterhohem Eis bedeckt waren, die diese Abschürfungen an den Felswänden verursachten, dann bekommt man ein ganz anderes Gefühl von Größenverhältnissen und Zeit. Es ist einfach beeindruckend solchen Dimensionen gegenüberzustehen.

Am Abend fuhr ich wieder zur urigen Blockhüttenunterkunft und traf dort zufällig auf zwei niederländische Mädchen, die ich aus dem Hostel in Wellington kannte. Zu uns gesellte sich noch eine Britin und anders als in meiner ersten Nacht an diesem Ort, wurde es diesmal ein sehr gesprächiger und geselliger Abend. Und am nächsten Morgen ging der Roadtrip über Hokitika in die Berge zum Arthurs Pass weiter.