Von Berg zu Berg – Turangi – Tongariro Crossing – Mount Taranaki

Mitte November war es dann soweit: nach vier Monaten Sesshaftigkeit in Napier fuhr ich endlich los, um mit meinem Camper den Rest von Neuseeland zu erkunden. Und ich hoffte, diesmal mehr Glück beim Tongariro Crossing zu haben. Also auf in die Berge!

Meine Reise durch Neuseeland lässt sich in drei Etappen unterteilen: die ersten vier Monate hangelte ich mich von einer Helpx-Familie zur nächsten bis ich mein eigenes Auto fand, dann blieb ich drei einhalb Monate in Napier zum Geld verdienen und Winter überbrücken und schließlich sollten mir noch drei einhalb Monate bleiben, um auf eigene Faust mit meinem Auto Neuseelands Süden zu erkunden. Diese letzte Etappe brach für mich an, als ich mit der Französin Alexia Napier verließ.

Turangi

Wir folgten der Straße nach Taupo und dann Richtung Berge nach Turangi. Ich war froh, dass ich die ganze Strecke nicht allein fahren musste und jemanden zum Quatschen dabei hatte. Alexia wollte vor allem Tim, den Hostelbesitzer aus Napier, besuchen. Dieser besaß insgesamt drei Hostels: das in Napier, wo ich drei Wochen als Housekeeper arbeitete, und zwei in Turangi, wohin er den Sommer über zog und den Shuttlebus zum Tongariro Crossing fuhr. Kurz bevor er umzog, sprach er eine Einladung an alle aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter aus und so landete ich im Off the Track Backpackers Hostel. Tim hatte im Vorfeld einen Deal vorgeschlagen, sodass ich für einen Kasten Bier insgesamt zwei Übernachtungen in seinem Hostel und das Shuttle zur Wanderung gratis bekam. Es hat also Vorteile die Hostelbesitzer persönlich zu kennen. Das Off the Track Hostel lag etwas abseits des Ortes und war etwas ungewöhlich, denn es bestand aus kleinen Bungalows zur Übernachtung und einem großen Bungalow mit Küche, Bädern und dem Gemeinschaftsraum. Im Sommer bot das Gelände ringsum noch viel Platz für Camperautos. Doch ich nahm das Angebot gerne an und schlief in einem normalen und warmen Bett. In der Nacht konnte es hier in den Bergen noch empfindlich kühl werden, auch wenn der Frühling nun Einzug hielt.

Tongariro Crossing

Die 19 Kilometer lange Wanderung des Tongariro Crossings ist die wohl bekannteste und am meisten besuchte Tageswanderung der Nordinsel, wenn nicht sogar ganz Neuseelands. Ich habe keinen Touristen getroffen, der sie nicht gemacht hat. Dementsprechend gut besucht war sie auch, selbst bei der ungewissen Wettervorhersage an dem Tag, als ich sie ging. Die Tage vorher wurde vor Schnee und Sturm gewarnt und bis zum frühen Morgen war noch nicht sicher, ob es wirklich ein guter Tag für die Wanderung werden würde. Die Wetterwechsel auf dem Berggipfel sind legendär. Doch ich hatte Glück. Der Morgen war sonnig und klar und der angekündigte leichte Schneeschauer brachte mich nicht von meinem Vorhaben ab, Alexia dafür schon. Sie wollte unbedingt strahlenden Sonnenschein für die ganze Wanderung. Doch ich wartete schließlich schon den ganzen Winter lang auf diese Gelegenheit und wollte nicht noch eine Woche an einem Ort mitten im Nirgendwo verbringen, also machte ich mich allein auf den Weg. Und mein Timing war perfekt! Durch die ungewissen Vorhersagen waren die Tourbusse aus Taupo und Umgebung abgesagt worden und allein die Touristen aus Turangi morgens am Start. Das sollte sich als gute Fügung herausstellen, denn selbst mit wenigen Besuchern glich die Wanderung einer Karawane, die sich einmal über die Bergkuppe zog. Sehr selten verlor ich die Menschen vor mir oder hinter mir aus dem Blick und konnte mich der Illusion hingeben, dass ich allein auf weiter Flur sei. Ich brachte mein Auto zum Endpunkt der Wanderung und Tim fuhr mich und ein Paar aus dem Hostel zum Startpunkt der Tagestour. Schon eine Menge anderer Menschen hatten sich dort versammelten und schnürten ihr Rucksäcke, bevor sie die siebenstündige Tagetour starteten.

Der erste Abschnitt schlängelte sich über einen Holzweg durch eine winterkarge Landschaft. Ich bereute es schon, meine Winterjacke angezogen zu haben und kam mit einem älteren Herrn aus Canada ins Gespräch. Seine Reisegruppe war ihm davongeeilt und so liefen wir das erste Stück gemeinsam und unterhielten uns übers Wandern und die Weltpolitik. Der zweite Abschnitt war der anstrengendste. Treffenderweise Devil’s Staircase genannt. Eine Stunde lang stieg die Treppe aus Fels und Stein steil in die Höhe und wieder einmal ließ mich meine nicht vorhandene Ausdauer nur langsam vorangommen. Ich stellte fest, dass fünf Stufen Aufstieg und dann eine Pause, um die Landschaft zu bewundern, ein guter Rhythmus war. Auch wenn mich viele Menschen dabei überholten. Um nicht gänzlich unsportlich zu wirken, schoß ich einfach eine Unmenge an Fotos. Dabei fing es an zu schneien und langsam war ich dann doch froh, winterlich ausgerüstet zu sein.

Spätestens auf dem Bergrücken bzw. dem Sattel fielen die Temperaturen sehr stark. Dort lag auch noch Schnee und ich baute einen kleinen Schneemann. Näher an eine weiße Weihnacht kam ich in Neuseeland nicht noch einmal. Das anfängliche Schneerieseln wurde zu nebeldichten Wolkenfetzen, die mir zeitweise sogar die Sicht auf die nächsten Wandermarkierungen nahmen. Zum Glück waren ja viele Menschen unterwegs und nicht einmal lief ich Gefahr verloren zu gehen. Die Landschaft wurde rauh und schneeweiß mit Tupfern von tiefem Schwarz, wo das Gestein herausragte. Im Sommer muss es eine einzige schwarzgraue Landschaft sein, die verständlicherweise den perfekten Drehort für den feuerspeienden Mount Doom aus Herr der Ringe lieferte. Den Sattel konnte man geradeso ohne Winterbergsteigausrüstung wandern, den mit tiefem Schnee bedeckte Gipfel des Mount Doom, oder offiziell Mount Ngauruhoe, konnte man definitiv nicht ohne Ausrüstung besteigen und so begnügte ich mich durch den Schneematsch zu stapfen und aufzupassen, dass ich nicht ausrutschte. An einigen Stellen war das nicht so einfach und zudem gefährlich, denn ohne eine Brüstung oder Halt für die Hände ging es steile Geröllhalden bergab oder man musste über rutschige Felsen klettern.

Die Aussicht entlohnte einen für die Mühen. Der Vulkankegel wurde immer wieder von Wolken verdeckt, dennoch war der Blick über die Schneelandschaft und die fernen grünen Wälder beeindruckend. Noch faszinierender waren jedoch die Smaragdseen und der Blaue See, die durch die vulkanischen Mineralien die namensgebende Färbung erhielten und dampften. Hier wurden die meisten Touristenfotos geschossen. Ich versuchte mich an ein paar Selfies und hielt dann eher die namenlosen Anderen in ihren Hipster-Touri-Posen fest. Der Schwefelgeruch ließ keinen Zweifel daran, dass ich mich auf einem Vulkan befand. Nach einer Essenspause zwischen Schnee und Fels ging es schließlich wieder an den Abstieg und als es langsam wieder wärmer und grüner wurde, brach der letzte und frustrierendste Teil der Wanderung an. Denn während der sich seicht ins Tal schlängelnden letzten 12 Kilometer konnte ich bereits von Ferne den Parkplatz mit meinem Auto sehen, doch es dauerte noch entsprechend lange bis ich ihn auch erreichte. Da war mir das steile, doch relativ schnelle Vorankommen vom Anfang der Wanderung lieber. Am Ende war ich erschöpft, durchschwitzt, aber glücklich solch einen abwechslungsreichen Tag erlebt zu haben. Ich fand diese ständigen Witterungswechsel sogar spannender als ein sommersonniger Tag in grauer Vulkanlandschaft. Insgesamt benötigte ich wirklich die sieben Stunden und freute mich auf eine Dusche, ein gutes Buch und ein Bett im Hostel.

Mount Taranaki

Tim und Alexia baten mich noch etwas länger in Turangi zu bleiben, doch die Straße rief und ich folgte ihr. Gleich am nächsten Tag fuhr ich mittags los und nahm wie empfohlen den Forgotten World Highway von Turangi nach Stratford, denn ich wollte am Abend am Mount Taranaki an der Westküste ankommen. Die geteerte Straße wich irgendwann einem 15 Kilometer langen Schotterweg – meine erste Begegnung mit dieser holprigen Straßenvariante in Neuseeland und ich hatte noch etwas Angst um mein Auto. Der Highway führte durch tiefe Schluchten und mit Urwald überwucherte Berge, die von tiefhängenden Wolken neblig bedeckt waren, sodass ich ihre Gipfel nur erahnen konnte. Es war als führe ich durch einen tropischen Dschungel fernab von jeglicher Zivilisation, denn mir begegneten vielleicht zwei Autos auf der ganzen Strecke von 150 Kilometern. Durch das graue Wetter und die tiefhängenden Wolken sah ich nur wenig von der Landschaft um mich herum, doch selbst das bisschen war beeindruckend. Leider erfuhr ich erst zu spät, welche Sehenswürdigkeiten es auf dem Highway noch zu sehen gab. Doch die meisten waren nur passierbar und zu genießen bei schönem Wetter wie beispielsweise Nevins Lookout, ein Aussichtspunkt mit Sicht auf die Vulkane. Den Moki Tunnel passierte ich ohne zu ahnen, dass er als Sehenswürdigkeit galt. Beim Durchfahren dieses 1936 gebauten und 180 Meter langen einspurigen Tunnels verursachte bei mir ein eher mulmiges Gefühl, da ich nicht wusste ob mir entgegenkommende Fahrzeuge mich gut genug sahen. Bei dem engen Tunnel konnte man ja nicht einfach ausweichen.

Später las ich, dass beim Bau des Tunnels zahlreiche Fossilien gefunden wurden und heute über dem Tunnelportal die Bezeichnung Hobbits Hole stand. Das ist mir vor lauter Fahrkonzentration gar nicht aufgefallen.

Irgendwann gesellte sich hinter mir ein anderes Auto dazu. Ich wunderte mich, dass es mich nicht wie so oft üblich überholte, sondern stoisch hinter mir her fuhr. Bei einer Pause lernte ich so Franz aus Deutschland kennen, einen frischen Abiturienten, sehr enthusiastisch und leicht zu begeistern, der in Neuseeland das Abenteuer suchte. Wir stellten fest, dass wir beide keine Ahnung hatten, wo wir die Nacht verbringen wollten und beschlossen uns zu einer Autokolonne zusammenzuschließen und einen der kostenlosen DOC Campingplätze am Mount Taranaki zu versuchen. Ich fuhr voran, da ich eine ungefähre Ahnung hatte, wo es langgeht. Durch die weitere Konzentration auf den Schotterweg und das Warten auf Franz und sein Auto hinter mir, verpasste ich es dann auch in der Republik Whangamomona anzuhalten und merkte erst beim Schild „Sie verlassen jetzt die Republik“, dass es hier eine Besonderheit gab. So fand ich am nächsten Tag heraus, dass Whangamomona bekannt ist für die jährliche Ausrufung einer lokalen Republik. Was heute ein Festival ist, begann 1989 als politischer Protest zu Gebietsreformen, die Whangamomona anstatt der Taranaki Region nun neu der Manawatu-Wanganui Region zuordneten. Die Bewohner reagierten darauf mit der Ausrufung einer eigenen Republik. Heute hat sich der Protest gelegt, doch der Republik Day wird immer noch jedes Jahr abgehalten und ein neuer Präsident gewählt. Whangamomona ist wahrscheinlich somit die einzige Republik auf Erden, die während einer zweijährigen Amtszeit von einer Ziege, Billy Gumboot the Goat, regiert wurde. Ich habe mir sagen lassen, dass man auf Anfrage sogar einen Stempel in seinem Reisepass bekommen kann. Leider habe ich diese Chance verpasst.

Der malerische Anblick des Mount Taranaki wurde uns ebenfalls nicht zuteil, denn eine riesige weiße Wolke umhüllte den Berg bei unserer Ankunft. Wir fanden dennoch mit nur einmaligem falsch Abbiegen den Campingplatz Stratford Mountain House Carpark. Oftmals sind diese Plätze nicht mehr als ein Parkplatz mit einer Toilette und das war auch hier der Fall. Dennoch hatte diese spartanische Unterkunft seinen Reiz und ich sollte mich schnell daran gewöhnen, denn auf der Südinsel sahen so die Mehrheit der Campingplätze aus. Der Parkplatz am Mount Taranaki befand sich genau neben einer edlen Lodge für die betuchteren Touristen. So nah nebeneinander sah ich selten Unterküfte für verschiedene Budgets. Die Nächte am Taranaki waren unruhig, denn es stürmte jede Nacht, sodass das Auto wackelte wie bei dem Erdbeben Anfang November in Napier. Wir blieben einen Tag dort und wanderten den Enchanted Track, der bis auf halbe Höhe den Berg hinaufführte und dann einen Bogen zurück zum Parkplatz nahm. Weiter hinaufzugehen, wäre bei dem Wetter auch sicherlich gefährlich geworden, denn der Wind war so stark, dass es einen regelrecht hinwegfegte und der Taranaki soll, obwohl im Sommer auch ohne Ausrüstung besteigbar, doch eine der höchsten Unfallraten in Neuseeland besitzen. An den Abenden teilten wir Essen und Wein und schauten uns die Sterne und die über den Berg hinwegfegenden Wolkenfetzen an.

Doch schon am nächsten Tag fuhren wir weiter Richtung Whangarei – mir sollte das recht sein, denn die windigen Nächte hinterließen mich etwas grummelig und angespannt – , wo sich unsere Wege trennten. Franz wollte so schnell wie möglich auf die Südinsel und ich hatte vor, noch den fälligen Austausch der Stoßdämpfer auf der Nordinsel zu veranlassen. Auch wenn Franz immerzu davon sprach, wie toll doch meine Gesellschaft sei und wie wir zusammen die Südinsel bereisen würden, war er nach drei Tagen verschwunden und ließ nichts mehr von sich hören. Auf meiner Reise in den Süden begegnete ich immer wieder Menschen für einen Tag oder mehr, und nicht selten blieb es dabei, eine flüchtige Bekanntschaft am Wegesrand.

Ein Geheimtip für Whangarei: Fragt in der Touristeninformation nach dem Schlüssel für die örtliche Kirche. Sie ist von Innen im Stil der Maori dekoriert. Leider erfuhr ich erst viel später davon und hoffe, dass ich irgendwann diesen Ort nochmal besuchen kann.

In der Bibliothek von Whangarei recherchierte ich zu möglichen Werkstätten für die Autoreparatur und fand meine letzte Helpx-Familie in Neuseeland. Doch bis ich schließlich bei Justine und ihren Kindern ankam, übernachtete ich einmal in Koitaia, einem kleinen Küstenort. Der Campingplatz Koitiata Motor Camp wirkte auf den ersten Blick wie einem schlechten Horrorfilm, grau, etwas schäbig und verlassen. Doch als noch zwei andere Backpackerautos dort für die Nacht parkten, war ich ziemlich erleichtert. Ich unterhielt mich mit dem Paar aus Malaysia, das hier ihre Flitterwochen verbrachte, und dem kanadischen Einzelurlauber, der so viel wie möglich in drei Wochen Aufenthalt sehen wollte und daher sehr gestresst war. Mich beeindruckte der schwarzgraue Strand, der übersät war von bleichem Treibholz, das wie die Knochen in einer Wüste aus dem Sand ragte. Der Wind trieb den feinen Sand vor sich her und die Wellen schlugen hoch vor einem dunklen Wolkenpanaroma, das von Lichtstrahlen durchbrochen wurde. Der nächste Morgen war umso sonniger und ich ließ mir besonders viel Zeit für den Aufbruch. Ich entdeckte noch zwei ausgestellte Wirbelknochen eines 1950 in Koitaia gestrandeten Wals. Was für eine Sehenswürdigkeit. In der nächstgelegenen Bibliothek kontrollierte ich meine E-Mails, bekam das OK von Justine für den nächsten Tag und suchte mir die nächste Unterkunft.

Erst hielt ich an dem Mount Lees Reserve Campingplatz an, der gleich neben der Straße und bei einem kaum bewohnten Pension lag. Auch hier überkam mich ein mulmiges Gefühl. Ich konnte keine Person fragen, ob ich hier richtig sei und schließlich stiegen aus dem einzigen parkenden Auto drei muskelbepackte, grimmig schauende, bärtige Männer aus und ich beschloss einfach noch ein Stück weiter zu fahren. Von Franz bekam ich die Nachricht, er sei auf der Fähre in den Süden. Er muss Glück gehabt haben, denn durch das Erdbeben war auch der Fährverkehr stark beeinträchtigt. Ich fand schließlich einen wirklich schönen Campingplatz, Waikawa Campsite, an einem Fluss. Es war viel Platz für die Fahrzeuge vorhanden, natürlich das obligatorische Plumpsklo und ein Grillplatz. Ich wanderte noch ein wenig am Fluss entlang und genoß die Abendsonne. Kurz überlegte ich noch die angepriesene Badestelle im Fluss auszuprobieren, doch die Wassertemperatur überzeugte mich vom Gegenteil. Am Abend teilte ich wieder Wein und Abendbrot mit einem Franzosen, François, der mindestens ebenso froh wie ich über die Gesellschaft war. Und dann ging es nach einem späten Frühstück und einem grauen Morgen nach Paekakariki zu Justine und ihren beiden Mädchen Pippi und Vita.

Eine Antwort zu „Von Berg zu Berg – Turangi – Tongariro Crossing – Mount Taranaki”.

  1. […] Taupo – die versteckte Maori Statue am Seeufer, die öffentliche heiße Quelle im Park und natürlich die Tageswandertour vom Tongariro Crossing […]