Napier – Strandgeburtstag, Sehenswürdigkeiten und schwankende Erde

Mal wieder typisch: dort, wo man viel Zeit verbringt oder sogar wohnt, da sieht man sich die lokalen Sehenswürdigkeiten kaum an. Welcher gebürtige Berliner war schon mal auf dem Fernsehturm oder der Siegessäule? Ähnlich erging es mir in Napier. Die meisten Sehenswürdigkeiten besuchte ich während der letzten Woche in der Küstenstadt.

Eine stilvolle Stadt

Wie bereits in einem anderen Beitrag erwähnt, ist Napier DIE Art Déco Stadt Neuseelands. 1931 zerstörte ein heftiges Erdbeben einen großen Teil der Stadt und die Bewohner machten aus der Not eine Tugend und bauten ihren Ort im zeitgenössischen Stil wieder auf. Dies sollte ein Zeichen sein, dass die Menschen dieser Stadt eine neue Epoche beginnen und die Zukunft mitgestalten wollten. Vor allem Architekturstudenten und Arbeitslose wurden aus ganz Neuseeland in die Hawke’s Bay geschickt, um Napier wieder aufzubauen. Doch der Enthusiasmus musste einige Kompromisse eingehen. Zwar war der klotzige Stil des Art Déco recht billig, denn man musste lediglich Betonplatten aneinanderfügen und die Dekorationen sind einfache gradlinige, geometrische Muster, doch schon die Wandfarben mussten mit Wasser gestreckt werden, wodurch das pastellige Stadtbild entstand. Dennoch ist sie heute eine der am besten erhaltenen Städte dieses Stils. Seit den 1990er-Jahren steht die Innenstadt unter Denkmalschutz und wurde vielfach restauriert. Auch das Hotel an der Uferpromenade, das Masonic Hotel, in dem ich drei Monate als Tellerwäscher für sauberes Geschirr sorgte, gehörte zu diesen Gebäuden. Jeder Besucher wird also vom Stil der 1930er Jahre überrollt und jedes Souvenir erinnert an Filme wie The Great Gatsby. Gut, dass ich diesen Architekturstil und das Flair der Goldenen 20er bzw. 30er mag. Es passte hervorragend zu meiner aktuellen Lieblingsmusik des Electroswings. Neben der architektonischen Besonderheit bietet Napier jedoch wenige andere Sehenswürdigkeiten. Es gibt ein Aquarium, das sehr schön sein soll, ein Kino, ein Theater, in dem das NZ Filmfestival stattfand und das ich mit Felicia besuchte, und die übliche Dichte an Pubs und Restaurants.

Mein Lieblingscafé ist ebenfalls an der Uferpromenade zu finden. Es heißt The Six Sisters, bietet guten Kaffee und niedliche selbstgemachte Kuchen an und ist Teil der gleichnamigen Häuserreihe. Die sechs Häuser im viktorianischen Stil wurden der Legende nach von einem britischen Architekten für seine sechs Töchter erbaut und überlebten das Erdbeben von 1931 und dem daraus folgenden Brand.

Durch das Erdbeben von 1931 entstand eine große Fläche Neuland, das heute Napiers Party-Viertel Ahuriri beherbergt. Dorthin musste ich fast eine Stunde laufen, daher fand ich nur selten die Motivation dazu. Zumal der einzige Club, The Thirsty Whale, nicht unbedingt meine Musik spielte. Als Hostelrezeptionistin empfahl ich häufig Bluff Hill als Aussichtspunkt über die Bucht und die nahen Berge, wo man sehr schön picknicken konnte. Und die Uferpromenade lud zum Spazieren, Radfahren, Picknicken oder – weit genug von der Innenstadt entfernt – zum gemütlichen Lagerfeuer am Strand unterm Sternenhimmel ein. Baden gehen sollte man jedoch vermeiden. Eines Tages hörte ich in der Mittagspause von meinen Kollegen, dass ein ertrunkener Jugendlicher am Strand gefunden wurde. Die Strömungen sind gefährlich und unberechenbar.

Cape Kidnappers

Der Name spricht von der blutigen Vergangenheit der Gegend. Die ersten europäischen Siedler sollen hier auf eine kannibalische Bevölkerung getroffen sein. Heute ist das Cape ein beliebtes Ausflugsziel für ausgedehnte Wanderungen. Ich verbrachte fünf Stunden dort, in denen ich vom Parkplatz bis zur äußersten Spitze und wieder zurück wanderte. Es empfiehlt sich die Gezeiten vorher nachzuschlagen, denn der Weg an der Steilküste entlang ist nur bei Ebbe passierbar. Wenn man zu früh oder zu spät dort ankommt, ist der Weg durch die Wellen versperrt. Das kann vor allem beim Rückweg ungünstig, wenn nicht sogar gefährlich werden. Doch ein Ausflug lohnt sich. Die Klippen sind beeindruckend. Wie eine Mauer ragen sie auf und zeigen in den farbigen Schichten ihre Entstehungsgeschichte. Und der Charakter ändert sich im Verlauf der Küste. Sind es zuerst gelbliche grünbewachsene Klippen, ändern sie sich zu den gestreiften und schließlich zu dunklen Felsen, über die man am Ende klettern muss. Wer sich für einen Tag zwischen Felsen auf der einen und salzige Wellen auf der anderen Seite begeistern kann, dem ist Cape Kidnappers sehr zu empfehlen. Wer nicht so lange wandern möchte, kann auch eine Tour buchen, mit der man dann auf einem Treckeranhänger über den Strand gefahren wird. Das habe ich zumindest beobachtet.

Te Mata Peak

Der Legenden umwobene Bergkette des Te Mata Peak befindet sich südlich von Napier, sogar noch hinter Hastings. Die Bilder sehen oftmals atemberaubend aus. Eine schroffe Felsenkette getaucht ins Abendlicht, die die unterschiedlichsten Farben reflektiert. Als ich dort war, erstreckte sich um mich herum eine graue Landschaft und ich konnte die Küste nur erahnen. Dennoch glaube ich, dass man bei gutem Wetter unglaublich weit sehen kann. Und am Wochenende lassen sich sogar Gleitschirmflieger beobachten, die den Gipfel als Absprungsort benutzen. Ich fuhr bis zum vorletzten Parkplatz, der letzte war nicht mehr für größere Autos ausgelegt und die Straße sehr schmal, und spazierte das letzte Stück bis zum Gipfel. Es schien als sei der Fels abgebissen worden auf einer Seite oder sonstwie weggerutscht. Auf der einen Seite der Bergkette stiegen sanfte Hügel bis zum Gipfel an und auf der anderen Seite fiel der Fels mit einem Mal steil ab und lief zu einer Flußaue aus. Ich traf vor allem Wochenendausflügler und eine Maorifamilie nutzte die Picknickfläche zum Grillen. Ich fand eine Tafel mit der Legende über Rongokako und eine Fliesenmosaik, auf der die ganze Hawke’s Bay gemalt war.

Geburtstag am Strand oder wie man 30 wird

Schon einige Zeit lang bibberte ich der magischen Zahl entgegen. Mit 30 verlässt man schließlich die Phase der unbestimmten Zwanziger und man hört immer öfter Sätze wie „Und wann möchtest du Kinder haben?“ oder „Musst du nicht auch mal sesshaft werden?“. Schon im Vorfeld wurde mein Alter vielfach diskutiert und sowohl in Katikati als auch in Napiers Hostelrunde als Besonderheit hingestellt.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mal nicht nach dem Ausweis gefragt wurde, wenn ich Alkohol kaufte oder in einen Club wollte. Jedes Mal sah die kontrollierende Person zwei Mal auf mein Passbild und schüttelte den Kopf oder machte Komplimente, die ich schon nicht mehr hören konnte.

Nur weil ich jünger aussah als ich war, wurde daraus immer eine Attraktion gemacht, als wäre ich eine Kuriosität, eine Jahrmarktattraktion. Das nervte. Gleichzeitig hatte ich in der Hostelzeit auch eine handvoll Frauen getroffen, die ebenfalls zehn Jahre jünger aussahen, als sie waren, was mich dann doch wieder etwas mit dem Thema versöhnte. Es ist einfach ein gutes Gefühl, wenn man weiß, man ist nicht allein, auch wenn es nur solch marginale Sachen sind wie die ständige falsche Alterseinschätzung.

Mein Geburtstag in Neuseeland brachte diese Dinge noch einmal auf den Punkt. Ich wurde 30. Vor Napier hatte ich mich mit dem Gedanken abgefunden, meinen Geburtstag allein zu feiern, im Hostel freute ich mich dann darüber, doch mit lieben Leuten feiern zu können. Nur verließen Felicia, Ronja und viele Backpacker, mit denen ich mich angefreundet hatte, eine Woche vorher das Hostel und diesmal gefiehl mir der Gedanke, allein zu feiern, weniger als vorher. Aber ich beschloss es einen schönen Tag werden zu lassen. Ich packte alles für ein Picknick ein, zog mein Geburtstagskleid aus Rotorua an und kaufte noch schnell einen Sekt, der sich als wirklicher Glücksgriff herausstellte, und ab ging es an einen entlegenen Strand. Das Wetter spielte mit, es war sommerlich warm und sonnig. Ich hatte auf einer Karte einen Strand nördlich von Napier entdeckt. Gewundene Straßen und holprige Wege führten schließlich an einen Sandstrand, der eingebettet zwischen hohen Klippen ein schönes Panaroma der gesamten Hawke’s Bay lieferte. Und so picknickte ich mit Sekt, Kuchen, Kerze und einem Haufen Briefe und einem Päckchen von Zuhause, die schon ein paar Tage vorher angekommen waren, zwischen Sand und Steinen und stieß auf mich selbst an. Ich genoß die Sonne nach langen regnerischen Wintertagen und war froh fast allein am Strand zu sein, denn natürlich rührten mich die lieben Worte von Familie und Freunden. Als ich am Abend ins Hostel zurückkam, erwartete mich sogar ein Blumenstrauß, den meine Großmutter mit Hilfe meines Onkels nach Neuseeland verschickt hatte. Ich wusste zwar, dass es innerhalb von Deutschland möglich war, doch international? Das war eine Überraschung und ich wurde das Hostelgepräch der nächsten Tage. So viel Post und Päckchen wie ich hatte niemand bisher während seines Aufenthalts in Napier bekommen. Am Abend feierte ich in kleiner Runde noch ein wenig mit Alice, Felicia, die zum Glück nur in ein Nachbarhostel gezogen war, und Katie ein wenig, denn Alice hatte am gleichen Tag wie ich Geburtstag. Uns trennten lediglich sieben Jahre. Und wir feierten dies mit dem restlichen Sekt, Kuchen und Disneyfilmen, die wir in Trinkspiele verwandelten. Stilecht oder? Dafür wurde der nächste Tag umso stressiger, denn es war der neuseeländische Vatertag und die Küche sehr geschäftig. Der eine Tag Stranderholung war schnell wieder dahin. Dennoch freute ich mich lange über die Blumen, Briefe und mein selbstgekauftes Geburtstagsgeschenk: eine Lichterkette für mein Auto.

Von einem guten Freund bekam ich für jedes meiner Lebensjahre ein Musikalbum geschenkt, denn ich verließ Deutschland ohne Musik. Mein Plan war es, Musik unterwegs zu sammeln. Von Emily bekam ich ihre Lieblingsmusik und von anderen hatte ich auch schon die ein oder andere Empfehlung bekommen. Mein Geburtstagsgeschenk inspirierte mich, auch mal meine Eltern und Großeltern nach der Musik zu ihrem dreißigsten Lebensjahr zu fragen. Was kam heraus: Meine Großeltern hörten Volksmusik, sowjetische Kampflieder und Operetten. Mein Vater Rock und Pop. Meine Mutter Worldmusic, Folk, Blues und Klassik, zu der ich als Kind eingeschlafen bin. Kein Wunder also, dass auch mein Musikgeschmack zwischen all diesen Richtungen schwankt. Dennoch begleitete mich in diesem Jahr vor allem Electroswing und eine Band mit dem melodiösen Namen Danielle ate the Sandwich. Danke Erik-Lân für diese Entdeckung!

Doppelt wackelte die Erde

In Napier erlebte ich die ersten zwei Erdbeben meines Lebens. Am Morgen des 02. Septembers dachte ich schlaftrunken, dass die Person über mir im Doppelstockbett sich ungewöhnlich bewegungsvoll umdrehe. Doch beim Frühstück eröffnete uns der Hostelbesitzer, dass es außerhalb der Bay of Plenty ein Erdbeben gegeben habe und dies wohl auch in Napier zu spüren gewesen sei. Es war nicht weiter beunruhigend und da es in Neuseeland schließlich über 15.000 Erdbeben im Jahr gibt, dachte ich nicht weiter darüber nach.

Doch als ich das erste Mal in meinem Auto auf dem kostenlosen Campingplatz Foreshore Reserve Freedom Camping an Napiers Uferpromenade übernachtete, sah das schon anders aus. Es war ein Parkplatz, der für knapp fünfzig Fahrzeuge ausgelegt und jeden Tag schnell gefüllt war. Die Stimmung glich einem Musikfestival: Am Strand wurde ein Lagerfeuer gemacht, irgendjemand spielte Gitarre, es lief Musik und natürlich wurde viel Bier getrunken und hin und wieder gepöbelt. Als dann in der Nacht mein Auto so doll wackelte, dass meine Lichterkette klirrend ans Fenster schlug, dachte ich zuerst, irgendeine betrunkene Gruppe rüttle an meinem Auto. Und ich wollte mich schon lautstark beschweren, als ich dann feststellte, dass draußen niemand war. Ok, das musste wohl ein Erdbeben gewesen sein, gestand ich mir ein und schlief weiter. Doch keine zwei Stunden später kam ein Auto der Küstenwache mit einem Megafon und forderte alle Autos auf sofort zu verschwinden, denn mit dem Erdbeben kam eine Tsunamiwarnung einher. Es dauerte keine zwanzig Minuten und der Parkplatz war leer. Auch ich musste meine Platz räumen und suchte mir im landeinwärtigen Stadtteil Napiers einen Schlafplatz für die restliche Nacht. Damit war das Erdbeben das Hauptgesprächsthema meines letzten Arbeitstages in der Restaurantküche.

Autosorgen und Autofreuden

Die letzten Tage in Napier räumte ich mein Auto für die bevorstehende Campingtour um und legte einen Essensvorrat an.

In Napier entdeckte ich für mich Pack’n’Save – das Food IKEA wie Alexia das so treffend formulierte: preiswerte Lebensmittel in Lagerhallenhohen Regalen und in Übergröße.

Ich war froh, dass mein Auto wieder fahrtüchtig war, denn wenige Wochen vor meiner Abreise aus Napier fing es plötzlich an, komische Geräusche zu machen und unnatürlich zu stottern. Ich bekam schon Schweißausbrüche und Panikattatken, denn ein Motorschaden ist der Albtraum eines jeden autobesitzenden Backpackers. Die Werkstatt beruhigte mich schließlich, es waren die Zündkerzen und nach einem Tag ohne Auto, konnte ich es wieder abholen und beruhigt weiter fahren. Aus lauter Erleichterung, doch noch ein Auto zu haben, kaufte ich mir gleich noch ein paar Sommerkleider und einen Stapel Bücher in den Second-Hand-Shops, Zeichenzeug und eine Yogamatte. Seitdem ich nun das Auto hatte, war so mein Gepäck um mindestens das Doppelte angewachsen. So ist das mit Platz: hat man ihn, so füllt man ihn auch schnell und mit Freuden wieder aus. Doch ich freute mich schon darauf Yoga am Strand zu machen und englischsprachige Bücher zu lesen, denn es war gefühlt Jahre her, dass ich mir mal die Zeit für einen Roman genommen hatte. Das Leben im Camper versprach spannend zu werden! Ich hatte mich mit Alexia, einer Französin, verabredet gemeinsam nach Turangi zu fahren. Ich hatte vor, nun endlich das Tongariro Crossing in Angriff zu nehmen und Tim, der Hostelbesitzer aus Napier, war bereits zu seinem zweiten Hostel in Turangi umgezogen, und dort wollten wir hin. Schließlich versprach er freie Unterkunft und Shuttle zum Wanderweg im Austausch für einen Kasten Bier. Das war ein Angebot, das man sich nur schwer entgehen lassen konnte. Es hatte also doch Vorteile als Helpx-Kraft in einem Hostel gearbeitet zu haben.

3 Antworten zu „Napier – Strandgeburtstag, Sehenswürdigkeiten und schwankende Erde”.

  1. […] Die Nächte am Taranaki waren unruhig, denn es stürmte jede Nacht, sodass das Auto wackelte wie bei dem Erdbeben Anfang November in Napier. Wir blieben einen Tag dort und wanderten den Enchanted Track, der bis auf halbe Höhe den Berg […]

  2. […] – die Architektur des Stadtzentrums im Art Déco Stil und die Klippen des Cape […]

  3. […] Morgen wollte ich die Wanderwege ausprobieren, doch die meisten waren noch durch die Folgen des Erdbebens im November gesperrt. Dennoch versuchte ich mich an einem kleinen Rundweg und wanderte am Ufer des Rotoroa-Sees […]