Napier – Ein Haufen Teller, Köche und Desserts

Durch Zufall ergatterte ich in Napier eine bezahlte Arbeitsstelle in der Küche des Emporium-Restaurants. Mein Vorgänger Volkmar, ein Deutscher, wohnte im Hostel, in dem ich drei Wochen als Housekeeper arbeitete. Er bot mir an, mich seinem Chef vorzustellen und nach nicht einmal einer Minute war es beschlossen: ich würde für die kommenden drei Monate als Tellerwäscherin schuften.

Der Ort

Das Emporium war Teil des Art Deco Masonic Hotels, einem der größten Hotelanlagen des Ortes. Es wurde ersteröffnet im September 1861, fiel jedoch einem Feuer und dem großen Erdbeben von 1931 zum Opfer. Bereits ein Jahr später wurde es im zeitgenössischen Art Déco Stil wiedereröffnet und bietet heute stilechte Räumlichkeiten für Veranstaltungen an. In der Küche liefen sowohl die Zubereitung für das Hotel und Restaurant als auch dem angeschlossenen Pub zusammen. Ich hatte also an betriebsamen Tagen viel zu tun. Von dem Hotelinneren sah ich nicht viel, lediglich einmal als ich meinen Arbeitsvertrag abholte und einmal am letzten Tag des Foodfestivals, als ich noch zu einem Feierabendbier in die Bar eingeladen wurde. Ansonsten war ich immer in der Küche und im Geschirrlager unterwegs. Volkmar erzählte, dass die Küche kurz vor meinem Arbeitsbeginn umgeräumt und modernisiert wurde. Ich hatte keinen Vergleich, aber ich würde behaupten es war eine mittelgroße Küche. Ich betrat den Arbeitsbereich vom Hinterhof aus, in dem die Mülltonnen standen (die ich befüllen durfte) und kam in einen holzgetäfelten Flur mit den Umkleideräumen und den großen Kühl- und Gefrierschränken. Daran schloß sich der erste Arbeitsraum an, in dem all die Zuarbeiten stattfanden wie Kartoffeln schälen, die Gerichte vorbereiten oder Fisch eintüten und einfrieren. Über zwei Durchgänge kam man in den hinteren Teil der Küche, in dem gekocht, gebraten und Desserts zubereitet wurden und auch ich meine Waschnische hatte mit einer großen Regalwand für das Dreckgeschirr, die immer gut gefüllt war. Durch einen weiteren schmalen Durchgang war die Küche mit dem Hotel verbunden und hier fing das Reich der Kellner und Kellnerinnen an. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, das Küchenteam und das Kellnerteam waren immer ein wenig in Konkurrenz. Selten sah ich sie zusammen nach Feierabend, wohingegen die Köche und vor allem die jungen Hilfsköche und -köchinnen manchmal nach Feierabend noch was trinken gingen.

Die Menschen

Es braucht viele Menschen, um ein Hotel-Restaurant am Laufen zu halten. An einem Abend habe ich knapp zwanzig Personen gezählt und das war allein die Küche, die Kellner und Kellnerinnen nicht eingenommen.

Zur Küche gehörten also:

  • Mein Boss Daman – ein netter Kiwi, der oft grumpig aussah, aber dann doch zu Scherzen aufgelegt war oder Bemerkungen machte, für die ich immer eine Weile brauchte, um sie zu verstehen, denn sie waren oft ironisch und doppeldeutig. Er hatte ein schlechtes Personen-Gedächtnis, denn er fragte mich bestimmt drei Mal nach meinem Alter und was ich denn in Deutschland so gemacht habe, und ich konnte ihn an seiner seltsamen Art zu lachen aus der Geräuschkulisse der Küche heraushören.
  • Der Vize-Boss Richard – ebenfalls ein Kiwi, der mir nicht sonderlich sympathisch war. Vielleicht lag es daran, dass er immer die unangenehmsten Aufgaben für mich fand, und mir so das Gefühl gab, froh zu sein, wenn ich nichts mit ihm zu tun haben musste. Für die anderen jungen Mitarbeiter in der Küche war er irgendwie lockerer und eher der Ansprechpartner für Probleme als der Boss.

Ich bekam den Eindruck, dass eine Küche wie ein Schiff geführt wird. Der Boss war der Kapitän, Richard der erste Steuermann und der Rest die Matrosen, die das Schiff im Wind hielten. In dem Vergleich hatte ich natürlich die Rolle des Schiffsjungen, der das Deck schrubbt.

  • Die Mutter der Küche Tia – eine kleine, zierliche und sympathische Asiatin, die gerne Gespräche anfing und sich etwas anspruchsvollere Arbeiten für mich ausdachte. Ich erfuhr, dass sie eine Weinliebhaberin war, privat eher selten kochte und dadurch viel Fast Food aß, was man ihr überhaupt nicht ansah. Sie war immer fröhlich und lachte viel.
  • Die fleißge und ruhige Dolly – eine liebenswerte Inderin, vor der ich mich am Anfang etwas fürchtete, da sie selten lächelte und ich das Gefühl hatte immer etwas falsch zu machen. Doch am Ende war sie sehr zuvorkommend und half mir oft ungefragt, wenn der Geschirrberg zu hoch wurde.
  • Der massige Chris – ein ziemlich runder Kiwi mit sehr starkem Akzent, der bei jeder Gelegenheit vulgäre, machomäßige Witze riss. Er war für die Zubereitung der Desserts zuständig und die Pub-Gerichte. Er fragte ständig, wie es mir ging und ob ich klarkomme, und ich musste jedes Mal dreimal nachfragen, denn durch die Geräusche und seine nuschelige Aussprache habe ich ihn so gut wie nie richtig verstanden.
  • Der kleine Philippiner Blair – ein Familienvater, der immer zu Späßen aufgelegt war, gerne lachte und bei jeder Gelegenheit sang. Er war für das Mitarbeiteressen zuständig und ich verscherzte es mir einmal mit ihm, als ich ihn fragte, ob er mir nicht etwas Unfrittiertes geben könne, denn nach vier Wochen Fish’n’Chips rebellierte mein Magen. Da war er einige Zeit eingeschnappt.
  • Der schüchterne Rafik – einer der jungen Köche, der aus Pakistan kam und in der Hackordnung weiter unten stand und somit oft Opfer von Späßen war. Am Anfang wollten mich meine Kollegen mit ihm verkuppeln, damit er nicht in der Heimat zwangsverheiratet werden würde.
  • Der unsichtbare Ben – ein sehr ruhiger und stiller Kiwi, mit dem ich nie wirklich geredet habe.
  • Der blonde Jamie – ein großer und schlacksiger Pizzalehrling, der am Anfang als Unterstützung für mich eingeteilt war. Er sprach auch nicht viel, doch half ungefragt.
  • Der Schweizer Andy – der Pizzabäcker des Hauses, der irgendwann auch gesprächig wurde und mir das Pizzabacken im Steinofen zeigte.
  • das Quotenmädchen April – eine der wenigen weiblichen Köche, die zwar hin und wieder ein nettes Wort übrig hatte, dennoch auf mich sehr distanziert wirkte. Jedes Mal, wenn sie anfing zu singen, wusste ich, der Feierabend ist nicht mehr weit, doch ich habe noch nie einen Menschen so voller Inbrunst so unglaublich schief singen hören.
  • der großspurige Campell – einer der Kochlehrlinge, der immer rüberkam als könne er alles und dann doch mal etwas verpatzte. Dennoch konnte ich ihn immer fragen, wenn ich irgendwas nicht verstand oder wusste, wo was hinkam.
  • Partner in Crime Poppah – ein Kochlehrling aus Sri Lanka, der für die Desserts zuständig war und mir zeigte wie sie angerichtet wurden. Er steckte mir oft zwischendurch ein paar übriggebliebene Desserts zu und hätte gern ein Date dafür bekommen.
  • Der penible Jax – ein kurzsichtiger Chinese, der Worte eher hervorstieß, als dass er sie sprach. Er stand auf der untersten Stufe der Küchenhierarchie und musste die Teller waschen, wenn ich nicht da war. Dennoch war er in Sachen Desserts und Kochen im Allgemeinen sehr penibel und kritisierte seine Mitlehrlinge.
  • K & S – ein Chinese und eine Inderin, deren vollständige Namen ich vergessen habe, denn sie waren Aushilfsköche für besondere Anlässe oder volle Tage und nur sehr selten anwesend.
  • Der Morgenmensch Michael – ein älterer Kiwi, der für die Frühstücksschicht zuständig war und immer Folk spielte, sobald er wusste, dass mir diese Musikrichtung ebenfalls gefiel. Er war immer einer der ersten Menschen, die am Beginn meiner Schicht sah.
  • Der neue Tellerwäscher Maya – eine Küchenhilfe aus Sri Lanka mit einer Goofy-Lache, der mich ablöste und stets verbessern wollte. Das machte ihn mir nicht unbedingt sympathisch.

Man sieht, die Leute in der Küche waren bunt zusammengewürfelt und kamen aus den unterschiedlichsten Ländern. Ich glaube, daher kam auch das Verständnis für mich, die Geduld mir alles zwei oder drei Mal zu erklären, Anweisungen zu wiederholen und Missverständnisse nicht ernster zu nehmen als sie waren. Die Küche war groß, laut und jeder hatte einen anderen Dialekt. Da kam es natürlich vor, dass ich manche Anweisungen nicht gleich verstand. Zudem war ich ein wenig abgeschottet in meiner Waschnische. Ich konnte zwar alle beobachten und wechselte von Zeit zu Zeit ein paar Worte mit den Kellnerinnen oder den Köchen, die mir dreckige Arbeitsutensilien vorbeibrachten, doch im Allgemeinen hatte ich wenig Gelegenheit zu quatschen und hing meinen Gedanken nach. Wenn ich doch einmal zu anderen Arbeiten eingeteilt war, dann schüchterte mich die Fülle an Gesprächen und Geräuschen eher ein und ich kam selten dazu selbst Gespräche anzufangen und hörte eher den anderen zu. Meine Stummheit in der Zeit wurde mir von den anderen nicht übel genommen und das rechne ich ihnen hoch an.

Was mich überraschte, war die Begeisterung für Musik, die alle Kollegen in der Küche irgendwie teilten. Wie bereits erwähnt, gab es einige gute und weniger gute Sänger und Sängerinnen und jeden Abend, gegen neun Uhr wurden die Lautsprecher aufgedreht und alle fingen an zu trällern und langsam die Töpfe und Pfannen zusammen zu räumen. Ich lernte so ein paar Namen neuseeländischer Bands und konnte selbst Musiknachhilfe geben zum Genre des Electro-Swing, was ziemlich gut ankam.

Die Arbeit

Der erste Tag und die letzte Woche waren die schlimmsten und vollsten Arbeitstage. Alles dazwischen war relativ entspannt. Der erste Arbeitstag war die Neueröffnung des Restaurants nach der Umbaupause von der Küche und das Restaurant einfach überfüllt. Meine letzte Arbeitswoche fiel in das Hawke’s Bay Foodfestival und jeden Tag gab es neben dem normalen Hotel-, Restaurant- und Pubbetrieb mehrere Schaukoch-Veranstaltungen und spezielle Dinnershows. Ansonsten war ich froh, in der Winterzeit diesen Job zu haben, denn das hieß weniger Betrieb und eine entspannte Atmosphäre.

Ich arbeitete meist in Split-Schichten, das heißt die Arbeitszeit war von 11:00 bis 23:00 bzw 24:00 Uhr – ich verließ oft als Letzte die Küche – und zwischendurch, meist am frühen Nachmittag, durfte ich eine Pause nehmen. Je nachdem, wie viel Betrieb war, schwankte die Pause zwischen einer bis sogar einmal fünf Stunden. Natürlich war meine Hauptaufgabe das Abwaschen aller Dinge, die in einer Küche und einem Restaurant dreckig werden konnten, und die anschließende Verteilung der sauberen Gerätschaften zu den anderen Arbeitsplätzen. Immer wenn ich Licht am Horizont sah und die Stapel an Tellern kleiner wurden, war kurze Zeit später wieder alles vollgestellt. Am Anfang war ich noch deprimiert darüber, doch am Ende nahm ich es einfach als Gegebenheit hin. Es war eine Fließbandarbeit, von der ich nur an besonders ruhigen Tagen eine Pause bekam. Ein Vorteil war es, dass die Arbeit so eintönig war, dass ich nicht viel nachdenken musste und meine Gedanken wandern konnten. Es war die körperlich anstrengendste, aber gleichzeitig auch ideenreichste Zeit meiner Reise. Auf dem Weg nach Hause schrieb ich diese Inspirationen oft auf oder hielt sie in Sprachnachrichten fest.

Wenn ich doch mal was anderes machen durfte, dann handelte es sich um Hilfsarbeiten wie Kartoffel und Kumara schälen, Lieferungen in die Kühlräume verteilen, Kroketten panieren, Teigtaschen machen oder – meine Lieblingsbeschäftigung – Desserts anrichten. So lernte ich Crème Brûlée, Eis, Sticky Date, Brownies, Churros mit flüssiger Chillischokosoße und Käseplatten edel auf Tellern zu verteilen. Manchmal durfte ich auch den Pizzateig portionieren und durch die Teigpresse jagen. Danach sah ich aus wie ein Schneemann, aber das machte Spaß.

Doch auch Unfälle machten nicht vor mir Halt. Zweimal verbrannte ich mir meine Hand, da ich im Waschrausch vergaß zu prüfen, ob die gußeiserne Pfanne noch heiß war und eine fette Brandblase war die Folge. Zudem bekam ich von der neuen, beschichteten Waschschürze aus China Hautausschlag. Die Farbe musste irgendwie giftig sein. Und dabei half sie oftmals nicht sehr viel. Am Ende des Tages war ich immer völlig durchnäßt. Ebenfalls zweimal rutschte ich auf frisch gewischten Flächen aus und riß einmal einen Drucker und einmal eine Schüssel runter. Das passierte meist am Ende eines langen Tages, wenn ich schon ziemlich ko und mit dem Kopf schon fast im Bett war. Daher lehnte ich auch dann die wenigen Einladungen zum Pub nach Feierabend ab, denn völlig durchnässt und müde mit der Aussicht, am nächsten Tag wieder früh auf der Matte stehen zu müssen, und unsicher, ob die Hostelnacht wirklich ruhig werden würde oder Partygäste eingecheckt hatten, war das Bett doch verlockender. Zudem machten sich meine Schulterprobleme wieder bemerkbar. Ich hatte am vorletzten Abend meines Coromandel-Aufenthalts einen kleinen Unfall. Beim Holzstapeln stieß ein Kollege mit einem Holzscheit genau auf meinen rechten Musikantenknochen und der Arm summte für zwei Tage von der Schulter bis ins Handgelenk und war nicht richtig belastbar. Da es dann jedoch besser wurde, hatte ich mich nicht weiter darum gekümmert. Es schien nichts gebrochen zu sein und bei einer Zerrung konnte man eh nichts weiter machen. Das war auch einer der Gründe, weswegen ich aufhörte täglich Yoga zu machen. Doch durch die Beanspruchung in der Küche, machte sich die Schulter bemerkbar und ich wachte oft mit einer tauben Hand auf und hatte Schulterschmerzen an betriebsamen Tagen. Auf Empfehlung ging ich zu einem Osteopathen und er dehnte meine verspannten Schultern. Ohne Belastung in den freien Tagen wurde es besser, doch während der Arbeitszeit blieben die Beschwerden.

Ich erfuhr dadurch, dass alle – auch Touristen – in Neuseeland staatlich unfallversichert sind und die Kosten durch ACC zumindest zur Hälfte übernommen werden.

An freien Tagen war ich meistens am Strand joggen, Steine schnipsen oder schaute im Hostel Filme und fing sogar an Assassin’s Creed II zu spielen. Zwei Tage in der Woche hatte ich frei und diese verbrachte ich meist ruhig und erholte mich von der Arbeit. Ende August fing ich die Arbeitsstelle an und bereits Ende Oktober war die Luft raus. Das Wetter wurde besser und ich ging im Sonnenschein zur Arbeit – typischerweise regnete es an meinen freien Tagen – und dies zehrte an meiner Motivation. Nur noch die Aussicht, dass ich dadurch noch ein paar Wochen länger auf der Südinsel ohne Geldprobleme reisen könne, ließ mich zur Arbeit gehen, doch eigentlich wollte ich wieder los, der Straße folgen und neue Orte entdecken.

Mein Halloween in NZ bestand aus Tellerwaschen bis Mitternacht. Doch während des Tages zeigte mir mein Boss den Schauplatz des baldigen Foodfestival Dinners der Sieben Todsünden: ein hergerichteter Raum im Keller mit spärlicher Beleuchtung und einem Rasentisch. Das allein war schon Halloween tauglich, doch anschließend bekam ich noch eine Führung durch die unteren Gewölbe des Hotels, vollgestopft mit alten Möbeln und Gerätschaften in holzvertäfelten Gängen und staubigen Räumen, mit dem Kommentar, „Jetzt weißt du, wo unsere Geister wohnen!“ Mehr Halloween ging nicht!

Und Mitte November war es dann soweit, das Foodfestival in der letzten Woche wurde noch einmal stressig, aber ich bekam in der Zeit von allen Seiten viel Lob und Anerkennung für meine Arbeit. Das streichelte natürlich mein Selbstbewusstsein. Und ich bekam von den Kochshows die Gerichte zum Probieren. Das glich den Stress ein wenig aus.

In der Woche errreichte ich den Rekord meines längsten Arbeitstages mit 13 Stunden ohne Pause gearbeitet, und als ich abends zurück ins Hostel kam, stellte ich fest, dass Trump neuer Präsident der USA geworden war. Wie deprimierend kann ein Tag sein?!

Ein Highlight des Festivals war das Themen-Dinner der Sieben Todsünden, bei dem die verschiedenen Gänge und Getränke eben diesen Süden nachempfunden wurden. Daman war so stolz auf das Konzept und die Karten waren lange vor dem Festival ausverkauft. Ich bekam nicht alle Gänge mit, aber die Vorspeise bestand aus Zitronengelee dekoriert mit einer in Zuckersirup eingelegten Heuschrecke und dem Spruch: „Wenn die Gier der Menschen alles auf der Erde vernichtet hat, ist dies, was übrig bleibt.“ Richard war für das Anrichten der Vorspeise verantwortlich und rannte einen Tag vorher durch die Küche und hielt jedem die Heuschrecken unter die Nase. Viele der Kollegen verzichteten gerne auf eine Kostprobe, doch ich dachte mir, wann kann man schon kostenlos sowas probieren und muss sagen, so lecker ist das nicht. Die Heuschrecke hatte keinen Eigengeschmack, sie war süß vom Sirup und knusprig, staubig wie ein Stück von einem alten Zweig. Ich hoffe, wir werden in ferner Zukunft nicht dazu übergehen müssen, Heuschrecken zum Frühstück zu verspeisen. Für das Dessert des Sündendinners bekam ich die Aufgabe in schwarze Holzrahmen, die als Unterlage dienen sollten, die eng umschlungenen Torso eines Paares einzurahmen. Jeder meiner Kollegen, der währendessen an mir vorbeiging, blieb ersteinmal irritiert stehen und kommentierte das Ganze.

Am letzten Arbeitstag wollte mir Daman nochmal was Gutes tun. Es war der Montag nach dem Festival und ich war komplett für die Desserts eingeteilt. Doch kurz vorher war die Speisekarte von Winter- auf Sommerbetrieb umgestellt worden und die Hälfte der Desserts kannte ich nicht. Dennoch schlug ich mich wacker, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass ich völlig übernächtigt war, denn in der Nacht vorher gab es eines der größten Erdbeben der letzten Jahre in Neuseeland und durch Evakuierungen und Tsunamiwarnungen hatte ich wenig Schlaf abbekommen. Dennoch wurde es ein schöner letzter Tag. Ich hatte meine Mutter gebeten, mir Hallorenkugeln aus Deutschland zu schicken und konnte so als Abschiedsgeschenk echte deutsche Pralinen anbieten und ich bekam die Rezepte für ein komplettes Menü des Emporiums. Nach der Schicht gingen wir noch ins Pub, denn auch zwei Kellnerinnen feierten ihren letzten Arbeitstag. Der Abend bestand aus Freigetränken, Billard und schließlich einer Mitfahrgelegenheit zu meinem Camperauto, in dem ich bereits seit einem Tag auf dem kostenlosen Campingplatz von Napier übernachtete. Auch wenn ich noch weitere zwei Tage in Napier blieb, war ich froh diese Zeit zur Vorbereitung meiner neuen Reisephase nutzen zu können, denn nach Napier hieß es: Camping forever!

Einmal Tintenfisch mit Chilli

Highlights

In der Emporium-Küche habe ich unglaublich viel gelernt und hart gearbeitet. Abwaschen und Müll rausbringen sind meine meist verhaßtesten Haushaltsaufgaben und gerade diese sollte ich für drei Monate lang jeden Tag erledigen. Ich freute mich schon darauf, nach meiner Tellerwäscher-Zeit endlich wieder Fingernägel zu haben, denn diese waren vom Schrubben der Töpfe praktisch nicht mehr vorhanden. Doch was macht man nicht alles für das liebe Geld. Ich witzelte schon, dass mir nun als Tellerwäscher der Weg zur Millionärin offen stehe. Mit dem Wissen, in 3 Monaten ist es auch wieder vorbei, konnte ich mich gut auf diese eintönige Arbeit einlassen und genoß es, innerhalb der Küchengruppe zu arbeiten, ohne enge Kontakte knüpfen zu müssen. Die Arbeit in der Küche kam ohne das übliche Geläster aus, zumindest bekam ich davon nichts mit und alle betonten am Ende meine Stärke und Ausdauer. Ich hatte das Gefühl mit meiner Verschlossenheit und Schüchternheit angesichts der für mich überwältigenden Fülle an Reizen in der Küche, dennoch angenommen und akzeptiert zu sein in der großen Gruppe. Und das habe ich selten erlebt. Zudem war es immer wieder ein Highlight, die Gerichte probieren zu dürfen. Das Mitarbeiteressen war meist frittiert. Es gab Fish’n’Chips, Burger und Pizza, einmal bekam ich einen Salat und von Zeit zu Zeit durften wir die Reste vom Buffet irgendwelcher Veranstaltungen mit nach Hause nehmen. Ich aß in Napier das beste Lamm meines Lebens, das zwölf Stunden gegart wurde. Ich war begeistert vom Rinder-Kardamom-Curry und traute mich sogar Tintenfisch zu probieren, der wider Erwarten sehr zart war und durch Chilli kaum Eigengeschmack besaß. Die Zeit in Napier begründete so meine neu erwachte Begeisterung fürs Kochen!

Küchentips

Man kann keine drei Monate in einer Großküche verbringen ohne das ein oder andere übers Kochen aufzuschnappen.

Ich war irritiert, dass auch hier – wie bereits bei Gilly in Katikati – alles gekocht und anschließend vakuumverpackt und eingefroren wurde. Anscheinend ist das einfach eine gute Vorgehensweise für zeitknappe Tage vorbereitet zu sein. Das ungenutzte, saubere Geschirr wurde ebenfalls in Frischhaltefolie verpackt und für betriebsamere Tage verstaut. Das hält natürlich Staub und Dreck fern, ist aber nicht sehr umweltfreundlich.

Ich fand heraus, dass sich die Köche Inspirationen und Rezepte von dem Bon-Apétit-Blog holten und damit wurde meine Illusion zerstört, dass Köche sich alles selbst ausdenken oder vom Chefkoch zum Hilfskoch die geheimen Rezepte weitergeben.

An ein oder zwei folgende Tipps kann ich mich noch erinnern, wahrscheinlich habe ich genauso viele auch wieder vergessen:

  • Reis mit Kokosmilch anstatt Wasser kochen, das macht ihn cremiger
  • Gefrorener und zerkrümelter Ziegenkäse kann als Topping für Salate und andere vegetarische Gerichte genutzt werden (sehr lecker!)
  • Grüner Kavier ist ein unerwarteter Blickfang auf jeder Häppchenplatte
  • Blumenkohl kann man auch als Püree anrichten und kocht dazu den Blumenkohl in einem Topf, den man bis zur Hälfte der Füllmenge mit Sahne füllt und einen Teelöffel Dijon-Senf dazugibt
  • Garnelen mit Maismehl bestäubt, Reisnudeln umwickelt und frittiert sind eine knusprig-leckere Beilage zu asiatischem Salat
  • Schwarze oder große Teller machen alles edler – selbst Fish’n’Chips

Bitte entschuldigt die wenigen Bilder diesmal, aber ich traute mich nicht, den Arbeitsalltag in der Küche zu fotografieren – von wegen Betriebsgeheimnis usw. – aber ich verspreche, das ist eine Ausnahme. Wer sich dennoch durch den langen Textgelesen hat, dem seien nochmals die folgenden Rezepte aus der Emporiums-Küche wärmstens empfohlen: Honig-Pastinaken-Suppe und Tiramisu mit dunkler Schokolade.

4 Antworten zu „Napier – Ein Haufen Teller, Köche und Desserts”.

  1. […] 1,5 Meter große Statue ist befindet sich gegenüber des Art Déco Masonic Hotels, in dem ich drei Monate als Tellerwäscherin gearbeitet hatte. Sie wurde im Sommer 1954 eingeweiht und zählt zu den am häufigsten […]

  2. […] und wurde vielfach restauriert. Auch das Hotel an der Uferpromenade, das Masonic Hotel, in dem ich drei Monate als Tellerwäscher für sauberes Geschirr sorgte, gehörte zu diesen Gebäuden. Jeder Besucher wird also vom Stil der […]

  3. […] Helpx-Familie zur nächsten bis ich mein eigenes Auto fand, dann blieb ich drei einhalb Monate in Napier zum Geld verdienen und Winter überbrücken und schließlich sollten mir noch drei einhalb Monate bleiben, um auf […]

  4. […] Bay zurück ins touristische Stadtzentrum, traf zufällig ein kanadisches Paar, von dem die Frau als Kellnerin in Napier zu ähnlicher Zeit wie ich gearbeitet hatte. Es sollte mir noch öfter passieren, dass ich anderen […]