Ich wurde von Tim ins Art House Hostel Napier eingeladen und arbeitete dort drei Wochen für kostenlose Unterkunft. Napier ist zwar eine beeindruckende Architekturschönheit, doch viele Backpacker blieben nur ein paar Tage. Gerade im Winter ist es nicht die aufregendste Stadt. Dennoch verbrachte ich hier letztendlich vier Monate am sonnigsten Ort der Nordinsel und fühlte mich bald heimisch.
Der Ort
Als ich endlich die Berge zwischen Taupo und Napier hinter mir lassen konnte, erstreckte sich eine großartige Aussicht über den gesamten Küstenabschnitt der Hawke’s Bay. Dieser Landstrich gilt als sonnenreichste Gegend der Nordinsel und wird nur von Nelson auf der Südinsel übertroffen.*
*Kleine Info aus dem Kuriosen Neuseelandbuch von Barnett und McCrystal.
Und ich muss sagen, ich hätte mir keinen besseren Ort zur Überwinterung aussuchen können. Ich sah nicht eine einzige Schneeflocke und wenn die Sonne schien, war es teilweise wärmer als im folgenden Sommer auf der Südinsel. Die Stadt Napier liegt im Süden der Nordinsel und ist DIE Art Déco Stadt Neuseelands. Ein starkes Erdbeben zerstörte 1931 den Ort fast vollständig und der Erdboden wurde teilweise um bis zu 2,7 Meter angehoben, sodass aus der Ahuriri-Lagune Neuland entstand. Die Bewohner machten aus der Not eine Tugend und bauten ihre Stadt mit zukunftsweisendem Enthusiasmus im zeitgenössischen Stil wieder auf und machten aus dem neuen Land Napiers Party-Zentrum Ahuriri. Daher gibt es in Napier eine der besterhaltendsten Art Déco Innenstädte weltweit und das wiederum wird touristisch sehr vermarktet. Es gibt das Art Déco Festival mit Oldtimer-Schaufahren, die Stadtführer sehen aus wie dem Roman The Great Gatsby entsprungen (den Film musste ich übrigens drei Mal im Hostel sehen), und an jeder Ecke kann man entsprechende Souvenirs kaufen. Für mich war es eine übersichtliche Stadt, in der man alles zu Fuß erreichen konnte. Und das Wichtigste: Ich konnte von meinem Hostelfenster aus das Meer sehen, denn ich wohnte genau an der Uferpromenade und der Steinstrand war keine hundert Meter entfernt.
Die Arbeit
Das Art House Hostel hatte schon bessere Zeiten erlebt, doch es bot eine ausreichende Unterkunft (wenn es nicht gerade in Strömen regnete und der Essbereich geflutet wurde, was in den vier Monaten drei Mal vorkam). Der Besitzer Tim war in seinen Mittvierzigern und ließ sich nur blicken, wenn es Probleme gab oder einen geselligen Abend mit Alkohol. Ansonsten wurde das Hostel von Backpackern betrieben und ich sollte in den nächsten drei Wochen einer von ihnen sein. Am ersten Abend lernte ich also meine neuen Kollegen kennen und bekam von Tim eine kurze Einführung in die Arbeitsabläufe des Hostelalltags. Zum Glück gab es in der Rezeption kleine Merkzettel, auf denen die wichtigsten Informationen nochmal aufgeschrieben waren, sonst hätte ich Tim wohl öfter stören müssen. Gleich am nächsten Tag startete meine erste Schicht als sogenannter Housekeeper. Es gab drei Schichten, wobei die erste und zweite vor allem für das Putzen der Zimmer, Bäder und Gemeinschaftsräume zuständig war. Bettwäsche waschen und wöchtenliche Aufgaben, wie Kühlschränke ausmisten kamen hinzu. Dabei habe ich beim ersten Mal die Lebensmittel vom Boss erwischt, der sich unglücklicherweise nicht an seine eigenen Regeln gehalten und die Sachen nicht beschriftet hatte. Das gab Ärger. Die dritte Schitt war meist die langweiligste, denn man musste einfach nur in der Rezeption Anrufe und Mails beantworten, das Buchungssystem betreuen und die Besucher ein- und auschecken sowie das Geld und die Schlüssel verwalten. Da es Winter war, gab es keinen großen Andrang und ich fing an das Bücherregal zu durchstöbern. Am ersten Tag war ich natürlich noch sehr unsicher und schusselig, rechnete neue Backpacker falsch ab oder stotterte am Telefon. Mit der Zeit gab sich auch das und ich konnte die stetig wechselnden Kollegen gut einweisen und die Arbeit genießen.
Die Menschen
Die Zeit in Napier war eine Abfolge von Kommen und Gehen. In den fast vier Monaten, die ich im Art House Hostel verbrachte, lernte ich eine Menge Leute kennen, manche nur für einen Abend, andere blieben einige Wochen und mit einigen bin ich noch heute in Kontakt.
Meine Kolleginnen
- Katie – eine verschlossene und mürrische Britin, die mich mit dem Arbeitsalltag im Hostel bekannt machte und nebenbei noch im Thai-Restaurant um die Ecke aushalf
Von ihr bzw. ihrer Mutter habe ich folgenden Spruch zum Thema Regen:
As long as you can tell the difference between sky and sea, it could be worse.
- Felicia – eine introvertierte Schwedin mit schwarzem Sidecut, mit der ich in unserer gemeinsamen Zeit in Napier häufig etwas zusammen unternahm und unsere Geburtstage feierte
- Ronja – eine rothaarige Deutsche, die ein wenig Wind in den Hostelalltag brachte und mit der ich zusammen kochte, fotografierte und durch Napier zog
Meine Nachfolger in der Hostelarbeit
- Alice – eine filmverrückte Waliserin, mit der ich meinen Geburtstag teilte und viele gemeinsame Stunden im Fernsehraum verbrachte
In Großbritannien lernt man in der Schuke, dass die deutsche Mauer fiel, weil die Leute in der DDR nichts mehr zu essen hatten und verhungert wären. Es ist nicht unter dem Namen der Friedlichen Revolution bekannt, sondern als Befreiung von Ostdeutschland – ohne Kommentar.
- Kathie – eine naturbegeisterte und republikanische Amerikanerin, mit der ich nicht 100%ig warm wurde
- Will – ein 30jähriger Deutscher auf Selbstfindungstrip, dessen Plan es war Ayyurveda in Indien zu lernen
- Essie – eine durchgeknallte Schwedin, von der ich nicht so viel mitbekommen habe, da ich dann schon im Restaurant meine Stunden schob
- Léa – eine langhaarige Französin, die ich schwer einschätzen konnte und mich mit ihr nur über Oberflächliches unterhalten konnte
- Lydia und Jacob – ein deutsches Paar, die nur kurz in Napier blieben und dann schnell weiter zogen
- Alexia – eine Französin, mit der ich zusammen nach Turangi weiterzog und die mir ein Handy schenkte als meines streikte
Man konnte anhand der Zimmereinteilung die Prioritäten der Rezeptionisten erkennen: Lea etablierte ein inoffizielles Frauenzimmer, Alexis mischte die Leute unterschiedlicher Nationalitäten miteinander, damit sie ihre Sprachkenntnisse verbessern, und Will füllte einfach alle Betten auf, bevor er ein neues Zimmer eröffnete.
Andere Hostelgäste, die in Erinnerung geblieben sind
- Cullum – ein britischer Street Artist, der mir meinen späteren Arbeitsweg mit seinen Stickern verschönerte
- Charlie – eine verrückte Kunststudentin, ebenfalls britisch und zwei Köpfe größer als ich
Sie verließen Napier kurz vor mir.
- Sebastian – ein nerviger, deutscher Hotelier, der sein Bett tagsüber von einem Schneemann-Kuscheltier bewachen ließ, und den ich netterweise mit seinem Gepäck zu seiner neuen Wohnung in Hastings fuhr
- Chris – ein britischer Rentner, der bereits ein halbes Jahr im Hostel wohnte, immer im Rückstand war mit der Miete und alle seine Zimmergenossen mit Rauchen im Zimmer und morgendlichem Yoga in Unterhose vergraulte
- Owen und Dja – ein Kanadier und eine Chinesin, mit denen Felicia, Ronja und ich einen internationalen Karaokeabend und eine Kartenspielrunde veranstalteten, bei dem wir ziemlich viele neue Kartenspiele lernten
- Niamh und Declan – ein irisches Pärchen, mit dem ich stundenlang über die grüne Insel quatschen konnte und mich über ihren Dialekt freute (ich fühle mich direkt wie Zuhause, wenn ich irischen Leuten begegne)
Die Freizeit
Als erstes beschloss ich in meiner freien Zeit vor allem nach bezahlten Arbeitsstellen zu suchen. Mein Geld schwand und das Bezin ließ sich nicht durch Helpx bezahlen. Also schrieb ich einen Lebenslauf und druckte ihn in der Bibliothek aus, beantragte die neuseeländische Steuernummer und fing an Klinken zu putzen. Doch ich erhielt immer die gleiche Antwort: Es ist Winter und daher wenig Betrieb, ich solle doch in ein bis zwei Monaten nochmal nachfragen. Das war frustrierend.
Bei sonnigem Wetter war ich meist draußen am Strand, ließ Steine springen und fing sogar an regelmäßig den Uferweg entlang zujoggen und das, obwohl ich rennen ziemlich langweilig finde. Einmal lieh ich mir ein Hostelfahrrad aus und fuhr bis zum nächsten Ort am Meer entlang.
An regnerischen Tagen, die trotz der sonnigen Lage Napiers im Winter dann doch häufiger waren, las ich englische Romane oder schaute Filme von der Festplatte im Fernsehraum. So passierte es, dass ich in meiner Zeit in Napier den Film The Great Gatsby drei Mal gesehen habe, das musste wohl an der Architekur des Ortes liegen. Mit Alice veranstalteten wir Herr der Ringe Abende und ich fachsimpelte mit ihr als Expertin über die Filmreihe an sich, Herr der Ringe, Tolkien und Filme im allgemeinen. Ansonsten besuchte ich oft die Bibliothek, nutzte dort das freie Wlan und recherchierte zu Maori-Legenden.
Hostelfreuden
Ich genoß es, wieder eine große Küche für mich zu haben und fing an wieder selbst zu kochen. Als Ronja zu uns stieß, wurden wir zusammen mit Felicia ein lustiges Dreiergespann. Wir nahmen zusammen die Küche in Beschlag und machten Pfannkuchen, Kekse und Spaghetti-Abende aus dem Free-Food-Container der zurückgelassenen, herrenlosen Lebensmittel, spielten Karten oder gingen ins Kino, ins Pub und zu lokalen Meetups. Wir veranstalteten sogar einen Karaoke Abend und mit Ronja veranstaltete ich ein kleines Fotoshooting am Strand. Wir haben uns super verstanden, obwohl wir einen Altersunterschied von zehn Jahren hatten.
Als wir einmal einen Stromausfall hatten, weil ein Schneesturm die Leitungen in zwischen Taupo und der Küste gekappt hatte, war ich froh über meinen Campingkocher, mit dem ich mir und den anderen Hostelgästen trotzdem eine Tütensuppe und eine heiße Tasse Tee machen konnte.
Ich hatte mich zwar umgeschaut nach einer temporären WG in Napier, aber letztendlich war es doch preiswerter im Hostel zu leben. Und im Grunde glich der Alltag dort ja auch einer großen WG: man konnte sich auf sein Zimmer zurückziehen oder hatte immer jemanden zum reden, Karten spielen oder Film schauen, wenn einem danach war. Natürlich gab es auch hin und wieder Ärger, aber das ist völlig normal, wenn viele Menschen auf kleinerem Raum zusammenleben.
Hostelärger
Die typischen Ärgernisse des Hostellebens erlebte ich natürlich auch: laute Zimmerbewohner, ungefragtes Wäscheverladen, geklautes Essen und unfreundliche Mitmenschen. Doch zwei Situationen bleiben mir in dauerhafter Erinnerung:
Als ich bereits eine Arbeitsstelle in Napier gefunden hatte, wohnte ein Mann im Hostel, der mir abends und in den frühen Morgenstunden zwischen Küche und Fernsehraum ohne ersichtlichen Grund hin und her folgte. Ich dachte mir nichts dabei und ging davon aus, er wolle nur nicht allein im Raum sein. Doch als er mir dann seltsamerweise bis vor die Hintertür meines Arbeitsplatzes folgte (ich war damit beschäftigt Sprachnachrichten zu verschicken und merkte das erst sehr spät), wurde er mir wirklich gruselig. Als ich dem Hostelbesitzer Tim davon erzählte, schmiss er den seltsamen Typen zum Glück raus. Tim hatte schon andere Situationen erlebt, als beispielsweise ein Drogendealer sich im Hostel breitmachte und er die Polizei rufen musste. So wartete er zum Glück nicht lange und setzte den Stalker vor die Tür.
In einer anderen Situation habe ich das erste Mal bei einer Diskussion kapituliert und bin mitten im Gespräch aus dem Zimmer gegangen. Ein schweizer Rentner war Hostelgast und fing eine Diskussion zur europäischen Flüchtlingspolitik an, wobei er neonazistische Ansichten vertrat und Bemerkungen wie „auf Merkel sollten Steine geworfen werden“ fallen ließ. Und diskutieren half nicht viel. Wer nicht zuhört, mit dem kann man auch nicht diskutieren. Ich war so wütend über so viel Dummheit, Intoleranz und fehlende Menschlichkeit, dass ich einfach den Raum verlassen musste.
Endlich einen Job
All das Klinkenputzen half nicht viel. Letztendlich machte ich die Erfahrung, dass man vor allem durch Beziehungen an einen Arbeitsplatz in Neuseeland kommt. Ich hatte viele Nachrichten an ausgeschriebene Stellen verschickt, zahlreiche Cafés und Unternehmen in Napier abgeklappert und am Ende bekam ich den Job von dem deutschen Hostelgast Volkmar, der als Tellerwäscher im Emporium aufhörte und zurück nach Deutschland ging. Er stellte mich seinem Chef in einer Mittagspause vor. Das Vorstellungsgespräch dauerte vielleicht eine halbe Minute und vier Tage später bekam ich meine erste Schicht in der Restaurantküche. Damit endete die Zeit unseres Dreiergespanns in Napier. Eine Woche nach meiner Anstellung verließ Felicia das Art House Hostel und ging fünf Häuser weiter zu einem Working Hostel, die sich darauf spezialisierten Backpackern bei der Arbeitssuche zu helfen. Doch auch hier war der Winter zu merken und Felicia bekam kaum ein Angebot. Und Ronja zog weiter nach Süden. Der Abschied wurde wie so häufig mit Trinkspielen und einem Pubbesuch begangen. Doch lange währte das nicht, denn Felicia hatte wohl die Wirkung von des neuseeländischen Bieres unterschätzt und Ronja und ich mussten sie ins Bett bringen. Man, da fühlte ich mich dann doch wie die Erwachsene und Verantwortungsvolle in der Runde. Dennoch blicke ich auf die drei Wochen mit den Mädchen gerne zurück, denn es war ein riesiger Spaß!





6 Antworten zu „Napier – Housekeeping, Hostelleben und viele Leute”.
[…] des Emporium-Restaurants. Mein Vorgänger Volkmar, ein Deutscher, wohnte im Hostel, in dem ich drei Wochen als Housekeeper arbeitete. Er bot mir an, mich seinem Chef vorzustellen und nach nicht einmal einer Minute war es […]
[…] bereits in einem anderen Beitrag erwähnt, ist Napier DIE Art Déco Stadt Neuseelands. 1931 zerstörte ein heftiges Erdbeben einen […]
[…] Tim, den Hostelbesitzer aus Napier, besuchen. Dieser besaß insgesamt drei Hostels: das in Napier, wo ich drei Wochen als Housekeeper arbeitete, und zwei in Turangi, wohin er den Sommer über zog und den Shuttlebus zum Tongariro Crossing fuhr. […]
[…] musste ich hinter ihr herrennen, da sie nicht allein zu mir zurückkam, und dabei verlor ich mein neues Handy von Alexia. Damit war ich doch wieder auf meine alte Krücke angewiesen, die zeitweise nicht richtig lud oder […]
[…] Eins fiel mir dennoch auf: Auf dem Tresen stand ein Buch als Leseempfehlung, das ich bereits im Arthouse Hostel in Napier gelesen […]
[…] Dunedin, der Studentenstadt, hatte ich schon in Napier von Alice gehört. Sie war bereits dort gewesen und schwärmte von der Cadbury Schokoladenfabrik. Doch es war […]