Rotorua – Inmitten von Dampf und Schwefel

Ich weiß nicht, ob ich persönlich so lange in Rotorua geblieben wäre, doch auf Einladung einer deutsch-kroatischen Familie verbrachte ich vierzehn Tage in der Stadt der dampfenden Erde und half beim Online-Marketing ihres Einzelunternehmens.

Die Fahrt von Tauranga nach Rotorua war anstrengend. Dawson aus Katikati hatte mir die Route abseits der mautpflichtigen Schnellstraßen empfohlen, was er jedoch nicht erwähnte, waren die steilen, engen und gewundenen Straßen, die ich stattdessen fahren musste. Zugegeben es war eine tolle Aussicht auf klippenreiche Landschaften, doch ich fluchte nicht nur einmal über die engen Kurven. Zudem gab es wenige Möglichkeiten zu überholen und das bedeutete, ich musste oft an der Seite anhalten und die lange Autoschlange hinter mir vorbeifahren lassen, bevor sie allzu ungeduldig wurde. Mein Auto konnte zwar Berge erklimmen, doch das meistens im Schneckentempo. Das darauffolgende Hupkonzert war als Dank gemeint, woran ich mich auch erstmal gewöhnen musste.

Der Ort

Der erste Eindruck von Rotorua war: Dampf überall! Rotorua liegt am gleichnamigen See, der ehemals ein riesiger Vulkan war und nun mit Wasser gefüllt ist. Von der Küste, der Bay of Plenty, einmal quer durch die Nordinsel und bis zum Mount Taranaki gibt es tektonische Verwerfung und vulkanische Aktivitäten. Vor allem in Rotorua ist das zu spüren. Hier blubberte das Wasser und dampfte der See. Die ursprünglichen Einwohner, die Maori, nutzten diese natürlichen Eigenheiten und wurden schon früh in der europäischen Besiedlungsgeschichte zu Fremdenführer in dieser Gegend. Heute gibt es rund um Rotorua touristische Maoridörfer, in denen die Maori ihre Traditionen dem zahlenden Publikum vorführen. Und auch ein anderes Phänomen siedelte sich an diesem frühen Touristenort an: Ich habe nirgendwo anders auf den Inseln solch eine hohe Dichte an Spielcasinos gefunden. Da ich ein wenig zu früh in Rotorua war, ließ ich mein Auto in der Nähe des Sees stehen und suchte einen Weg zum Ufer hinunter. Dabei stolperte ich über ein Maoridorf, das keine Touristenattraktion war, sondern eine wirkliche Siedlung. Man merkte es daran, dass es nicht umzäunt war, die Maorikinder auf der Straße spielten und die Siedlung aus kleinen, aber bunt verzierten Häusern oder Wohnwägen bestand und in ihrer Mitte ein weißes Versammlungshaus mit rotem Giebel herausragte. An jeder Ecke dampfte die Erde und dank der winterlichen, frischen Luft war der Schwefelgeruch zu ertragen. Ich fragte mich, ob diese Fumerolen – die Dampflöcher – einfach so spontan entstanden, und ob die Menschen in Ufernähe Gefahr liefen, plötzlich im Wohnzimmer solch ein Loch zu finden. Doch ich traute mich nicht zu fragen, als ich mit einem Maori kurz ins Gespräch kam.

Ein halbes Jahr später, als ich mit dem Bus von Taupo nach Mount Maunganui fuhr, wunderte ich mich, warum im Bus ein automatischer Raumbedufter alle paar Minuten einen Duftschwall versprühte. Bis wir durch Rotorua fuhren. Im Sommer ist der Schwefelgeruch viel intensiver und der Duftsprüher erklärte sich von allein. Ich weiß wirklich nicht, wie es die Anwohner so lange an diesem Ort aushalten, denn für mich war es schon zur Winterzeit sehr unangenehm, wenn der Wind ungüstig stand. Doch vielleicht gewöhnt man sich auf Dauer wohl an fast alles.

Die Menschen

Bernhard, mein neuer Gastgeber, kam ursprünglich aus Süddeutschland nach Neuseeland und war Hemiplektiker (Duden: halbseitig Gelähmter). Tatjana, seine Frau, kam aus Kroatien und war eine Ernährungsberaterin, deren Webseite und Marketingstrategien ich unter die Lupe nehmen sollte. Hinzu kam Anja, ihr gemeinsames vierjähriges Kind, das viersprachig aufwuchs: Deutsch und Kroatisch als Sprachen der Eltern sowie Englisch und Maori als Sprachen im Kindergarten. Für mich war es das erste Mal, dass ich mit einem Hemiplektiker zu tun hatte. Ich musste mich sehr konzentrieren, um Bernhard zu verstehen und brauchte eine Weile um mich an seine Art zu gewöhnen. Das ist nicht böse gemeint, doch wenn jemand von Zeit zu Zeit Geräusche macht, als würde er sich verschlucken, es aber völlig normal ist, musste ich mich als geräuschempfindliche Person einfach daran gewöhnen, sodass ich nicht verschreckt jedes Mal zu ihm schaute und fragen wollte, ob alles ok sei. Ich mochte Anja, denn sie erinnerte mich ein bisschen an meinen ebenfalls vierjährigen Bruder zu Haus in Deutschland und wir bastelten zusammen oder schauten Disneyfilme und Dora, the Explorer.

Die Arbeit

Nach Monaten an Gartenarbeit und Hausputz freute ich mich sehr auf eine Aufgabe, die mit meinen professionellen Erfahrungen und meinem Studium zu tun hatte. Ich sollte Bernhard und Tatjana beim Marketing ihres Ernährungsberatungsbüros helfen, die Webseite nach Verbesserungen absuchen und die Möglichkeiten der Sozialen Medien erklären. Am Anfang war ich mit der Arbeitsaufgabe etwas überfordert. Die erste Anweisung lautete: Gib Verbesserungsvorschläge, aber eigentlich wollen wir keine Mehrarbeit haben. Und die zweite war: Ich möchte mehr Kunden haben, mach mal Social Media. Für mich war es die Herausforderung, nicht gleich zu sagen, so kann ich nicht arbeiten, sondern ihre Anweisungen so zu transformieren, dass es für mich und für sie in der kurzen Zeit meiner Anwesenheit zu einem Ergebnis kommt, mit dem sie weiterarbeiten konnten. Das bedurfte jedoch einiger Kommunikation und für mich war es definitiv eine lehrreiche Übung. Schließlich redeten wir alle in einer Sprache, die keiner als Muttersprache beherrschte… außer vielleicht Anja. So warf ich einen Blick auf die Webseite, die nur minimale Unstimmigkeiten hatte, und entwarf eine Übersicht über die gängigsten Sozialen Medien, ihre Funktionen und mögliche Inhalte. Tatjana konnte sich nicht vorstellen, was man da so alles veröffentlichen sollte und konnte, daher versuchte ich sie durch unterschiedlichste Beispiele zu inspirieren. In der zweiten Woche kam eine neue Aufgabe von den beiden: die Erstellung eines Storyboards für ein Werbevideo. Und die Übung wurde fortgeführt, denn auch hier gab es kommunikative Missverstände. Erst dachte ich, wir arbeiten konkret daran zusammen ein Video zu erstellen. Dann hieß es, nein, ich sollte doch nur einen Überblick liefern, was möglich ist. Am besten mit kurz analysierten Beispielvideos, alles schriftlich ausgearbeitet, natürlich. Am Ende hieß es dann doch, sie möchten gerne ein schriftliches Storyboard, mit dem sie dann ein konkretes Video drehen konnten. Ich war zu diesem Zeitpunkt dann schon sehr frustriert und habe das Angebot, doch eine Woche länger zu bleiben und auch noch das Video zu drehen, dankend abgelehnt. Ich sagte mir immer wieder, dass es einfach eine gute Übung sei, ein Lernprozess in Kundenkommunikation. Nur normalerweise wohnt man nicht beim Kunden und teilt die Mahlzeiten.

Die Freizeit

In meiner Freizeitgestaltung war ich, anders als bei den Boyds in Katikati, auf mich allein gestellt. So erkundete ich die Stadt allein, genoss den Weg zu Fuß ins Stadtzentrum entlang des Seeufers und traf auf die ersten schwarzen Schwäne meiner Reise. Ich lief durch den dampfenden Stadtpark und bewunderte den Government Garden, der im Sommer sicherlich noch beeindruckender war mit seinen zahlreichen Reihen an Rosen. Doch Rotorua ist eine Touristenstadt. So gab es zwar zahlreiche Aktivitäten wie Dampferfahrten, Museen und Ausstellungen, Zorbing, die Maoridörfer oder den Te Puia Geysir, die aber alle nicht wenig kosteten. Da ich gerade ein Auto gekauft hatte und dafür noch Geld ausgeben musste, um eine Schlagstelle in der Windschutzscheibe zu reparieren und das Getriebeöl zu wechseln, versuchte ich mein Geld zu gut wie möglich beisammenzuhalten und fing an nach bezahlten Backpackerjobs Ausschau zu halten. Dennoch entdeckte ich die Second-Hand-Shops für mich und konnte so eine dicke Wolldecke für mein Auto und mein Geburtstagskleid erstehen. Meine Zeit in Rotorua war zudem mal wieder grau und regnerisch. Die wenigen Tage mit Sonne wanderte ich durch die Reedwoods von Rotorua oder den Hausberg hinauf mit einer tollen Aussicht auf den See und der Insel Mokoia, um die sich Maori-Legenden ranken.

Die Redwoods von Rotorua sind Teil eines forstwirtschaftlichen Experiments von 1899. Die europäischen Siedler versuchten 170 verschiedene, mitgebrachte Baumarten dort anzusiedeln und schauten, wie gut diese in dem Klima wachsen würden. Während viele Baumarten nicht überlebten, konnte sich die Radiata-Kiefer als Sieger des Experiments durchsetzen und wird heute als Nutzholz angebaut. Die sechs Hektar Kalifornische Redwoods sind Reste dieses Experiments und ziehen heute zahlreiche Touristen, Mountainbiker und Wanderer in die Wälder um Rotorua.

Die Highlights

Wie bereits beschrieben, waren die zwei Wochen in Rotorua vor allem eine Zeit des Lernens in Sachen Kundenkommunikation, Marketingwiederholung auch für mich, Positionierung und persönliche Raumfindung. Nach dieser Zeit war ich froh, endlich wieder allein unterwegs zu sein und in meine eigene Routine und selbstständige Tagesplanung zurückzufinden, doch ich war dankbar für den Lernprozess. Ein Highlight war mit Sicherheit der Abend, an dem die kleine Anja einen Haka für uns aufführte. Das war schon beeindruckend und ich konnte mir vorstellen, wie vielmehr es jemanden einschüchtern musste, wenn eine Gruppe Erwachsener vor einem steht und solche eine Vorstellung bietet. Ebenso beeindruckend war einfach die vulkanische Aktivität, die überall zu spüren war und die wohl das Einprägsamste in dieser Gegend ist.

Tatjana und Bernhard gaben mir auch folgende Empfehlungen, was man in der Gegend gesehen haben musste:

  • Te Whakarewarewa – ein Maoridorf
  • Te Pui – ein anderes Maoridorf mit dem Pohutu Geysir
  • Wai-O-Tapu – eine vulkanische Landschaft
  • Redwoods – ein Wald ähnlich der Redwoods in Kalifornien, doch wesentlich jünger
  • Korosene Creek – eine kostenlose heiße Quelle im Busch
  • Hamurana Springs – die tiefste Süßwasserquelle der Nordinsel

Leider habe ich es nicht geschafft, alles zu besuchen, zum einen weil die Hälfte der Empfehlungen Eintritt verlangt und zum anderen hatte ich wenig Motivation bei kaltem und nassem Wetter durch den Busch zu laufen. Doch von Wai-O-Tapu und Matamata werde ich im nächsten Beitrag erzählen.

5 Antworten zu „Rotorua – Inmitten von Dampf und Schwefel”.

  1. […] eines der beeindruckensten Erlebnisse auf der Nordinsel Neuseelands, dennoch war ich froh während meines Besuchs in Rotorua Schnupfen zu haben, denn wenn der Wind ungünstig stand, konnte man den Schwefelgeruch riechen, der […]

  2. […] wo die Szenen aus dem Auenland von Herr der Ringe gedreht wurden. So nahm ich Abschied von meiner Gastfamilie in Rotorua und machte mich auf den Weg zu den Hobbits. Anschließend folgte ich der Spur der Jobsuche ins […]

  3. […] beschloss es einen schönen Tag werden zu lassen. Ich packte alles für ein Picknick ein, zog mein Geburtstagskleid aus Rotorua an und kaufte noch schnell einen Sekt, der sich als wirklicher Glücksgriff herausstellte, und ab […]

  4. […] – das Maoridorf am Seeufer, der Waikete Valley Campingplatz mit heißen Quellen und das brodelnde Wai-O-Tapu […]

  5. […] des Autos schlecht wurde und das will schon etwas heißen! Am Rotoroa-See (nicht zu verwechseln mit Rotorua !) erwartete mich ein Ausblick mit tiefhängenden Wolken, die die Berge verdeckten, und Schwärme […]