Katikati – Zwei Wochen in der Bay of Plenty

Nach Paeroa ging es für mich nach Katikati zu einer großen christlichen Familie. Der Ort lockte mich vor allem, da es der doppelte Name meiner Mutter ist. Es wurde eine der spannendsten und einprägsamsten Zeiten in Neuseeland, ja sogar ein Meilenstein.

Ich stand in Katikati an der Bushaltestelle und wartete auf meinen nächsten Gastgeber, Dawson. Ich weiß nicht mehr genau, wen ich erwartete. Aber ich kann mich an meine Irritation erinnern, als Dawson aus seinem riesigen Pickup stieg: ein Mann in den 60ern, klein, kräftig und ruppig. Der sollte offen für Helpx-Reisende aus aller Welt sein? Dass hinter seiner ruppigen Art, genauso viel Herzlichkeit lag und er zu Späßen aufgelegt war, habe ich erst später festgestellt. So brachte er mich zu seiner Familie, wo ich die kältesten zwei Winterwochen des Jahres verbringen sollte.

Die Familie

Die Boyds waren wieder einmal eine sehr christliche Familie. Zusammen mit meiner ersten Helpx-Erfahrung in Cooper Beach haben sie mein Bild von neuseeländischen, streng gläubigen Christen geprägt. Und wie auch schon vorher war es eine sehr ambivalente Erfahrung. Dawson und Gilly hatten neun Kinder, von denen der Älteste bei einem Motorradunfall gestorben war. Alle anderen Kinder wurden mir per Familiengalerie in der Küche vorgestellt. Das war irgendwie seltsam, denn so hatte ich von allen zuerst das Bild im Kopf, wie sie mit ungefähr zehn Jahren aussahen, doch die meisten waren bereits verheiratet oder hatten Kinder oder beides. Mehr als die Hälfte lebten in der Nähe der Eltern und ich lernte sie alle in den zwei Wochen kennen. Ich kann mich kaum noch an die Namen erinnern, außer Rose, da sie ungefähr mein Alter war und ich selbst mit zweitem Namen Rosi heiße. Um sich einen kleinen Eindruck davon zu machen, wie die Altersstrukturen in solch einer Großfamilie sind: Das älteste Enkelkind war nur ein Jahr jünger als die jüngste Tochter. Dass ich mit meinen beinahe 30 Jahren ledig und kinderlos war und mich ganz allein traute durch die Welt zu reisen, wurde bei jeder Vorstellung meiner Person betont, als sei es etwas seltsam Besonderes. Und natürlich wurden halbherzige Verkupplingsversuche mit den noch unverheirateten Söhnen unternommen, die ich jedoch leicht abwehren konnte. Denn eine reisewütige, soloreisende Frau war dann doch nicht nach ihrem Geschmack. Abgesehen davon waren die beiden sehr freundlich und nahmen mich für die zwei Wochen als Teil ihrer Familie auf. Ich schloss mich sogar an meinem ersten Sonntag dort ihrem Hausgottesdienst an, um mir die selbsterstellte Predigt im Freundes- und Familienkreis, sowie die Christenlehre für die Kinder anzusehen. Die folgenden Wochenenden beschäftigte ich mich dann doch während dieser Zeit anderweitig oder spielte mit den Kindern, die ebenfalls keine Lust darauf hatten.

Dennoch habe ich irgendwie wenig Zugang zu ihnen bekommen. Es war schwierig für mich ein Gespräch mit Gilly in Gang zu bekommen, auch wenn ich oft ihr Lieblingsthema Rezepte ansprach und in der Küche half. Es wollte sich keine Verbindung herstellen. Da war es mit Dawson schon anders. Er war zu Späßen aufgelegt, wie ein kleiner Junge unbelehrbar (Erderwärmung sei eine Verschwörung) und hatte Freude daran, mir die Gegend zu zeigen und mir bei der Autosuche zu helfen.

Die Arbeit

Dawson hatte mich vor allem eingeladen, um eine alte Scheune auszuräumen, die er verkaufte. Das nahm vielleicht zwei Tage in Anspruch. Die restliche Zeit unterstützte ich ihn bei all seinen täglichen Aufgaben: Avokados und Mandarinen ernten, Erdbeeren setzen, die kleinen Avokadobäumchen in der Nacht vor dem Frost schützen und morgens die Decken wieder entfernen, Unkraut jäten (darin war ich nach meiner Helpx-Zeit Profi!) und Wein stutzen. An zwei Tagen bauten wir zudem ein Flaschenzug-System, um seine Kayaks in der Garage unter die Decke hängen zu können. Ich hatte das Gefühl, Dawson war froh jemanden zum Reden zu haben während der ganzen Arbeiten. Auch versuchte er immer wieder zu schäkern und Späße zu treiben, die ich aufgrund seines starken Akzents nicht immer verstand.

Der Winter hielt Einzug in Neuseeland. Das heißt in diesen Breitengraden, dass der Morgen sehr frostig ist mit 9°C im Haus (außer der Küche mit Kamin) und draußen 4°C. Mir war das schon zu kalt und ich vermisste die typisch deutsche Zentralheizung unter meinen sechs Decken im Bett. Tagsüber waren es jedoch wieder kuschelige 15°C und man konnte in der Sonne den dicken Pullover ausziehen. Soviel zum Winter in Neuseelands Norden.

Die Freizeit

Am ersten Abend sahen wir uns ein Spiel der All Blacks, Neuseelands berühmter Rugbymannschaft, im Fernsehen an. Auch wenn es zum Neuseelandbesuch gehört, solch ein Spiel live im Stadion zu sehen, war ich als Mannschaftssport-Desinteressierte froh, „nur“ die Fernsehvariante vor mir zu haben.

Ansonsten hatte ich wenig selbstständige Freizeit oder wenn, dann an grauen Tagen, an denen ich nicht in den Regen hinaus wollte und es mir vor dem Kamin gemütlich machte. Dennoch fand ich zusammen mit Dawson genügend Gelegenheiten nebenbei mir die Gegend anzusehen. So zeigte er mir einen Aussichtspunkt nördlich von Katikati, von dem aus man die gesamte Bucht überblicken konnte mit den langen Sandstränden. Wir fuhren zum gerüchtemäßig besten Fish’n’Chips Imbiss in Tauranga, nach Mt. Maunganui (der nun zu meinen Lieblingsorten der Nordinsel gehört), und machten eine Kayakfahrt, bei der uns Robben umschwammen. Ein richtiger Familienausflug wurde das Foodfestival in Tauranga, bei dem ich Gilly und Dawson mit ihren Freunden begleitete. Es war wie die Grüne Woche in Berlin: eine Messehalle voll Probierhappen und Kostproben. Dort hatte ich eine längere Diskussion mit dem Limoncello-Verkäufer, da er mir nicht glauben wollte, dass ich volljährig und durchaus berechtigt war, Alkohol zu trinken. Meine Favoriten waren Kokusnuss-Eiscreme, Kokusnuss-Schinken (ja, das gibt es) und Kokusnuss-Joghurt. Das war wohl gerade sehr im Trend.

Der Ort

Die Boyds wohnten, wie auch so häufig bei den anderen Helpx-Gastgebern, außerhalb des Ortes. Erst nach einer Woche ergab sich mir endlich die Möglichkeit, den eigentlichen Ort Katikati zu besuchen. Es war ein halbstündiger Spaziergang und ich ließ mir lange Zeit, den eigentlich recht kleinen Ort zu durchwandern. Denn das Besondere in Katikati sind die vielen Wandgemälde, die sich überall in dem Städtchen verteilen. Es war wie eine kleine Entdeckungstour, denn hinter jeder Ecke konnte sich ein neues Bild verstecken. Es gab Landkarten, Meeresimpressionen, Kindergartendekorationen und viele alltägliche Szenen aus dem vorherigen Jahrhundert. Selbst der Supermarkt Four Square zeigte seinen Vorgänger, den Tante-Emma-Laden mit davor parkenden Kutschen. Dabei vergaß ich so die Zeit, dass ich erst im Dunkeln wieder Zuhaus war und Gilly sich Sorgen machte. Wer jedoch die Zeit erübrigen kann, der sollte auf seiner Reise in Katikati definitiv anhalten und all die Szenen aus vergangenen Zeiten bewundern.

Autokauf und Abreise

Seit dem Beginn meiner Reise schwankte ich zwischen den zwei Optionen, autolos per Bus und Anhalter die Inseln zu erkunden, oder spätestens auf der Südinsel (da hier das Bussystem sehr schlecht ausgebaut ist) ein eigenes Auto zu beschaffen. Ich war hin und her gerissen zwischen Abenteuerlust aber Abhängigkeit und Backpackerklischee-Erfüllung aber Unabhängigkeit. Ich hatte erstere Variante bereits einige Male im Norden erprobt. Letztendlich siegte jedoch das Bedürfnis mit einem Auto selbstständig und unabhängig dorthin fahren zu können, wohin ich möchte. Doch ich wusste nicht so recht, wie ich an ein Auto kommen sollte. Ich hatte noch nie eines besessen und kannte keine Kniffe und Tricks, wie man herausfand, dass das gebrauchte Auto noch ein paar tausend Kilometer fahren würde, bevor es zusammenbrach. Dawson war die Rettung. Schon während der ersten paar Tage erzählte er stolz, wie er schon anderen Backpackern zuverlässige Autos besorgt hatte und ihnen so zu mehr Mobilität verhalf. Nach einem Familienessen in Tauranga überredete er mich spontan sein Auto nach Katikati zurückzufahren, schließlich sei es nur geradeaus (was durchaus stimmte) und mitten in der Nacht und kein anderes Auto unterwegs (was auch halbwegs stimmte). So bekam ich meine erste Fahrstunde im Linksverkehr und war ziemlich durchgeschwitzt, als ich endlich das Auto vor dem Haus parkte. Die nächsten Tage fuhr ich hin und wieder auch bei Tageslicht und gewöhnte mich an das neue Fahrgefühl und die neuseeländischen Straßenregeln. Als schließlich Dawson und Gilly das Haus einer Verwandten in Auckland räumen mussten, da diese in ein Altenheim umzog, war meine Chance gekommen. Ich verabredete mich mit einer Handvoll Autobesitzern aus Auckland, die ihr Fahrzeug loswerden wollten (vor allem Backpacker auf Heimreise) und fand schon bei der ersten Probefahrt meinen zukünftigen Reisegefährten: einen Toyota Estima Enima in dunkelblau, Baujahr 1998 und 310.000km auf dem Zähler. Er hatte bereits ein paar Schlagstellen, doch er fuhr sich gut und den Preis konnte ich auf ein realistisches Niveau herunterhandeln (dazu später mehr). Für alle, die sich unter dem Automodell nichts vorstellen können: es handelte sich um ein eigentlich achtsitziges Auto, wobei die hinteren Sitzreihen entfernt wurden und nun einen Holzrahmen mit Matratze und alles nötige Campingequipement beherbergte. Das war wirklich ein Meilenstein auf der Reise, mein erstes eigenes Auto! Natürlich ließ mich Dawson auch gleich die ganze Strecke von Auckland nach Katikati selbst fahren inklusive Stau. Gleich am nächsten Tag besorgte ich mit ihm ein paar Kleinteile wie Scheibenwischerblätter, neue Scheinwerferlampen und alles, um das Motoröl und die Bremsen zu wechseln. Hier lernte ich nun als neue, stolze Autobesitzerin selbstständig sowohl Ölfilter als auch Motoröl und die Bremsen an allen Rädern zu wechseln und fühlte mich großartig. Es geht doch nichts über das Ego-streichelnde Gefühl, dass man selbst an seinem Auto herumschrauben kann und es danach auch noch weiterfährt.  Am folgenden Tag war es dann schon etwas ernüchternder, das ganze Auto einmal gründlich zu putzen, den Dreck des Vorgängers zu beseitigen, die bereits vorhandene Ausrüstung zu untersuchen und neu zu sortieren. Das war an einem Sonntag. Nach dem Gottesdienst nahm ich schließlich Abschied und fühlte mich dank der paar Fahrstunden einigermaßen sicher, als ich schließlich mit dem Auto losfuhr. Meine nächste Helpx-Familie wartete in Rotorua. Sie hatten mich zu sich eingeladen, da sie jemanden mit Medienwissen und -erfahrungen suchten. Ich freute mich darauf, endlich mal wieder mein professionelles Wissen anwenden zu können anstatt im Garten Unkraut zu jäten. Dennoch nahm ich zwei Tage dazwischen Zeit, um in Mount Maunganui in langen Strandspaziergängen den Kopf auszulüften, Postkarten zu schreiben und einfach das Meer zu genießen.

Fazit

Für mich war es wieder sehr ambivalent. Auch wenn ich die Kanutour mit den Robben und das Arbeiten mit Dawson spannend fand und ich dankbar bin für die Hilfe beim Autokauf, für das Integrieren wollen ins Familiengeschehen und für das Dach über dem Kopf während der kältesten Zeit des Winters, so war es doch durch zwei Themen eine beklemmende Zeit: der Glaube und der Umweltschutz. Ich war immer etwas angespannt, wusste nicht wieviel ich helfen sollte und wieviel ich für mich allein machen kann und war verunsichert, wie sie mich als Nichtchristen sahen. Ich denke, auch sie waren unsicher bei dem letzten Thema und das brach sich in der Situation mit ihrem Enkelsohn Bahn als der siebenjährige Junge mich am Essenstisch mit weit aufgerissenen Augen fragte, ob ich Gott gehorche („Do you obey God?“). Ich wuste nicht so richtig, wie ich darauf antworten sollte. Meine Glaubensansichten hatte ich als Thema bis dahin vermieden, doch er sprach das aus, was unterschwellig in der Luft lag. Im Zimmer herrschte Schweigen und dann peinlich berührte halbe Erklärungen. Der Glaube war so allgegenwärtig und gehörte so zum Leben dieser Menschen, dass ich als Ungetaufte ihren Glauben nicht in Frage stellen wollte, obwohl ich in den Regalen Heimunterrichtsbücher fand wie Wissenschaft und Geschichte aus christlicher Sicht oder Satan und der Kommunismus. Zudem gipfelte diese Weltanschauung in eine Ignoranz des Umweltschutzes. Da sie nicht an die Globale Erderwärmung glaubten, verbrannten sie ihren Plastikmüll im Hinterhof ohne sich der Folgen bewusst zu sein. Zudem musste ich Dawson davon abhalten, eine bleihaltige Substanz in ein Erdloch hinter seinem Haus zu kippen und konnte ihn nur mit Mühe überzeugen, das Zeug doch artgerecht auf einem Sondermüllplatz zu entsorgen. Mir bereitete es Bauschschmerzen zu wissen, dass nach meiner Abfahrt diese Praktiken weitergeführt werden würden, ohne auch nur weiter darüber nachzudenken. Und paradoxerweise hatte ich dennoch eine gute Zeit dort und verließ den Ort ein Stück unabhängiger, da ich nun ein Auto besaß.

6 Antworten zu „Katikati – Zwei Wochen in der Bay of Plenty”.

  1. […] hatte mir Gilly aus Katikati ein tolles Rezept für Ahornsirup Hühnerkeulen gegeben. Ich hatte es abfotografiert und nun in den […]

  2. […] gebrauchte Auto noch ein paar tausend Kilometer fahren würde, bevor es zusammenbrach. Bei meiner Helpx-Familie in Katikati fand ich jedoch unerwartet Hilfe dabei, mir ein eigenes Auto zu suchen. Dawson, mein Gastgeber, war […]

  3. […] Fahrt von Tauranga nach Rotorua war anstrengend. Dawson aus Katikati hatte mir die Route abseits der mautpflichtigen Schnellstraßen empfohlen, was er jedoch nicht […]

  4. […] war irritiert, dass auch hier – wie bereits bei Gilly in Katikati – alles gekocht und anschließend vakuumverpackt und eingefroren wurde. Anscheinend ist das […]

  5. […] auch mal sesshaft werden?“. Schon im Vorfeld wurde mein Alter vielfach diskutiert und sowohl in Katikati als auch in Napiers Hostelrunde als Besonderheit […]

  6. […] of Plenty – der einsame Hügel am Meer, Mount Maunganui, und endlose Strände zum […]