Der Hauptgrund für meinen Aufenthalt in Thames war mein Wunsch zu den Pinnacles zu wandern. Und das schrieb ich meinen nächsten Helpx-Gasteltern auch, dennoch nahmen sie mich freundlich auf und ich blieb sogar einen Tag länger als geplant. Der Deal war: drei ganze Tage arbeiten und einen Tag wandern.
Nach einem letzten selbstgemachten Kaffee nahm mich das französische Paar aus Port Charles die langen gewundenen Straßen vom Tangiaro Kiwi Retreat zur nächsten größeren Stadt Thames mit ihrem Auto mit. Dort wurde ich von meiner nächsten Gastgeberin Angelika abgeholt und auf ihren Hof gefahren, der etwas außerhalb von Thames lag. Die Herren der Familie waren noch nicht daheim und so verbrachte ich den ersten Nachmittag fast ausschließlich im Gespräch mit Angelika und erfuhr so die halbe Familiengeschichte. Das deutsche Paar wanderte mit ihren vier Kindern in den 1980er-Jahren nach Neuseeland aus. Nach der anfänglichen Euphorie gab es natürlich auch Herausforderungen zu meistern und heute betreiben Peter und Angelika zusammen mit ihrem ältesten Sohn ihren Lifestyle Block (so nennt sich in Neuseeland das private Stück Land, das neben den regulären Berufen zum Unterhalt beiträgt) und organisieren den Thames Farmers Market. Es gibt noch zwei weitere Söhne und eine Tochter, die aber alle nicht mehr zu Hause wohnen.
Fast wie zu Hause
Angelika war während der fünf Tage dort wirklich eine sehr liebe Gesprächspartnerin und achtete darauf, dass wir Helfer uns wie zu Hause fühlten. Ich schlief im Zimmer der Tochter, die ich leider nicht kennenlernte. Doch das Zimmer sah aus, als hätten wir einige Interessen gemeinsam: Bücher, die mich ebenfalls interessierten, gesammelte Kleinigkeiten und Souvenirs überall verstreut und nachtleuchtende Sterne an der Decke. Die Männer des Hauses, Peter und Korbinian, waren zwar etwas weniger gesprächig, doch sie gaben gute und klare Arbeitsanweisungen für die nächsten Tage und erklärten alles sehr genau und ausführlich. Ich merkte, dass sie bereits längere Helpx Erfahrung haben, denn alles war sehr durchorganisiert, sei es die laminierte Hausordnung im Zimmer oder die bereitstehende Kiste mit Overalls unterschiedlicher Größen, Gummistiefel und Arbeitshandschuhe. Das Arbeiten war so sehr angenehm und ich fühlte mich wie auf einer richtigen Farm. Diese stereotypisch deutschen Eigenschaften wie Ordnung, Struktur und zum Teil auch Strenge und Genauigkeit haben Peter als Organisator und Kontrolleur der Auflagen beim Farmer’s Market bereits eine lokale Hate-Page eingetragen, wie ich bei meinem nächsten Host erfuhr. Ich habe mich jedoch sehr gut aufgehoben gefühlt, habe das Essen und die Gespräche mit Angelika und ihr Herzlichkeit genossen und war erstaunt ob ihrer Fürsorge wie dem Taschengeld für den Wochenmarkt und die Gebühr für den Yoga Kurs.
Bäume, Unkraut und Bauernmarkt
Die Arbeit bestand vor allem aus Bäume und Rosmarin pflanzen und Unkraut jäten. Während der Arbeit versuchte ich ein Gespräch mit Korbinian am Laufen zu halten und erfuhr so einiges über heimische Bäume, die Gartenarbeit und Bewirtschaftung, was wirklich sehr interessant war, doch wovon – um ehrlich zu sein – ich so gut wie nichts behalten habe. Am ersten Arbeitstag kam noch ein anderer junger Helfer zur Familie: Jordan, ein 21-jähriger Franzose aus dem Norden Frankreichs. Wir verstanden uns ganz gut, arbeiteten zusammen im Garten und schauten uns am Abend Game of Thrones mit französischen Untertiteln an. Seine Anfrage bei Helpx glich eher einem Hilferuf, denn seine vorherige Gastgeberin war wohl katastrophal. Nun saßen wir zusammen unter den Zitrusbäumen und rupften Unkraut, wobei uns vor allem das Huhn, dessen Namen ich leider ebenfalls vergessen habe, verfolgte und sich über die Regenwürmer in den freigelegten Stellen freute. Am nächsten Tag, einem Samstag, überließ uns die Familie die Betreuung ihres Marktstandes beim wöchentlichen Farmer’s Market. So hatten wir viel Zeit zum quatschen, Leute beobachten und unsere Ware anpreisen, die durch den Winter recht knapp ausfiel und aus Zitronen, soetwas wie Grünkohl und Kaffirlimeblättern bestand. Wir verkauften trotzdem einen großen Teil. Ich wechselte meist ein paar Worte mit den Käufern, beantwortete Fragen zu dem Angebot und überließ Jordan das Rechnen. Wie ich ihm erklärte sind ausgebildete Medienwissenschaftler nicht sehr gut im Kopfrechnen, aber das zu beweisen ist eine andere Geschichte.
Eine Begegnung der seltsamen Art
Eine ziemlich schräge Begegnung hatte ich jedoch auch. Ein lang- und grauhaariger Herr kaufte eine Zitrone und drei Keffirlimeblätter und hielt meine Hand plötzlich fest als er mir die Münzen in die Hand drückte. Während er mir in die Augen starrte, fragte er mich, ob mir bewusst sei, dass meine Vorfahren Wikinger waren und fing an über blond und blauäugige Abstammungen zu reden. Alle Menschen mit diesen Eigenschaften seien direkte Nachfahren der Wikinger. Er selbst sei bis in diese Zeit zurückgegangen und habe seine Ahnen gesehen. Um seinen Hals hing ein goldenes Amulett und unter seinem Arm klemmte ein Buch über Runen. Er sei nach Deutschland gereist, um dort Ahnenforschung zu betreiben. Auf mich machte er jedoch nicht den Eindruck eines rein historisch interessierten Familienforschers. Die an Fanatismus grenzende Intensität, mit der er sprach, waren mir unangenehm, doch ich hielt seinem Blick stand. Am Ende verwies ich dennoch darauf, dass eine andere Frau nun schon auf ihr Wechselgeld warte und wimmelte ihn ab. Bevor er ging, schaute er mich abermals an und prophezeite, dass ich nun Träume haben werde, meine Ahnen würden zu mir sprechen und mit mir in Verbindung treten. Am liebsten hätte ich ihm gesagt, dass mir sehr wohl bewusst ist, wer meine Vorfahren sind, nämlich Bauern aus der Uckermark und Bergarbeiter aus Sachsen und Thüringen, und dass er mir nichts von Wikingern und Deutschen zu erzählen braucht, denn ich habe im Geschichtsunterricht sehr gut aufgepasst. Doch dieser Kommentar hätte nur weitere lange Diskussionen heraufbeschworen und so verzichtete ich darauf. Das war mit Abstand die seltsamste Begegnung an diesem Tag.
Feldstudien
Kurze Zeit später bekamen Jordan und ich ein wenig Zeit, selbst uns den Markt anzuschauen. Doch da es schon fast Winter und zudem regnerisch war, gab es nicht viele Stände. Wir gingen einen Kaffee und einen Tee trinken im Solcafé und kauften Croissants. Ich versuchte noch mit einem Pärchen ins Gespräch zu kommen, das Steampunk-Schmuck verkaufte. Ich habe meine Bachelorarbeit über diese aus den USA stammende Subkultur geschrieben. Diese kombiniert zeitgenössische Technik mit der Ästhetik des 19. Jahrhunderts und erschafft so Laptops mit Holzverkleidung und Messingtastatur. Sie feiert das Design, die Manieren und Mode der Industrialisierung und interpretiert sie um. Es gibt auf der ganzen Welt Gemeinschaften, die sich dieser Ästhetik verschrieben haben und in Neuseeland habe ich einige Ausprägungen davon entdeckt, so ist Oamaru auf der Südinsel ein Geheimtipp unter Steampunk-Interessierten. Doch das werde ich nochmal in einem anderen Artikel genauer beleuchten. Nur so viel sei gesagt: Die Schmuckdesigner waren recht kurz angebunden und während meiner kurzen Zeit in Thames konnte ich kein Treffen mit den Verantwortlichen des dortigen Steampunk-Festivals organisieren. Meine spontanen journalistischen Fähigkeiten scheinen doch noch nicht so ausgereift. Dennoch wurde mir gesagt, dass das kleine Städtchen am Fuße der Coromandel-Halbinsel daran arbeitet, die Steampunk-Stadt der Nordinsel zu werden. Die nötige Kulisse bietet es in jedem Fall, denn die Stadt sieht aus als sei einem Wild-West-Film entstiegen. Die alte Goldgräberstadt, die sie ist, besitzt noch die typischen Fassaden mit geometrischen Ornamenten und den überdachten Fußwegen. Ich wette, es braucht nicht viel, um Thames in eine echte Steampunkstadt zu verwandeln.
Meine erste ernsthafte Tageswanderung
Am folgenden Tag hatte ich mir vorgenommen zu den Pinnacles zu wandern, die berühmte Bergkette in Coromandel und der Hauptgrund für meinen Aufenthalt in Thames. Jordan schloß sich mir an und so wurden wir von Korbinian am frühen Morgen zum Ausgangspunkt der Wanderung gebracht. Gute sechs Stunden sollte es hin und zurück dauern. Für mich war der Weg bis zur Spitze einteilbar in vier Phasen: der angenehme leichte Anstieg am Anfang mit Flussüberquerung über die in Neuseeland so typischen Hängebrücken aus Stahlseilen, der anstrengende steile Abschnitt (bei dem ich keuchte wie eine alte Frau), der flache Bergrücken mit toller Aussicht bis zur Berghütte und schließlich die Kletterpartie am Ende zum Gipfel. Es war eine schöne Wanderung, anstrengend und doch lohnte es sich allemal. Das Wetter wechselte von grau zu sonnig mit viel Wind am Gipfel, doch diese Mischung war toll (wenn auch matschig). Am Anfang wartete Jordan noch immer geduldig auf mich, am Ende war auch er aus der Puste und klagte auf dem Rückweg über schwere Beine. Da fühlte ich mich eher wie ein Marathonläufer, bei dem die Beine einfach von selbst die letzten Kilometer laufen. An der Hütte machten wir Pause, sowohl auf dem Hin-, als auch auf dem Rückweg und aßen unser Proviant. Der Abschnitt zum Gipfel bot die atemberaubenste Aussicht der Wanderung, doch er bestand aus mehr als 1001 Stufen. Ich wollte sie beim Abstieg zählen, doch ich vergaß es. Er war steil, windig, matschig und zum Teil fehlten die eisernen Stufen im Fels, sodass ich mir zu klein und ungelenk vorkam und mich über die halb so großen Kinder wunderte, die es ebenfalls bis nach oben schafften und keine Bedenken verspürten gegenüber all dem Rutschigen und Steilen. Von der Aussichtsplattform ging ein Pfad ab, der nochmals zu einer tollen Aussicht führte (vom Pfad allerdings werde ich meiner Mutter wohl eher weniger erzählen, denn nach deutschen Verhältnissen, war er lebensgefährlich). Entgegen dem allgemeinen Phänomen war der Rückweg genauso lang und fühlte sich so an wie der Hinweg. Als wir schließlich zum Treffpunkt kamen, erschien auch wenig später Korbinian und brachte uns zurück. An diesem Abend verschwanden alle recht schnell in ihren Zimmern.
Der letzte Tag
Am letzten Tag arbeiteten wir wieder im Garten, jäteten Unkraut um die restlichen Zitrusbäume herum und abends nahm uns Korbinian zu seiner wöchentlichen Yogastunde mit. Ich hatte meine täglichen Übungen (der ein oder andere mag sich erinnern, dass ich bei meinen ersten Helpx Gastgebern mit dem regelmäßigen Yoga anfing) etwas eingestellt. Die neuseeländische Architektur sieht im durchschnittlichen Wohnhaus einen Holzofen im Wohnzimmer oder der Küche vor und alle anderen Räume sind im Winter einfach kalt. Das hielt mich letztendlich davon ab, auch in den kälteren Monaten weiterhin jeden Morgen meine Übungen zu machen. Um so mehr freute es mich, dass ich eine Yogastunde mit Lehrerin geschenkt bekam.
Eines ist definitiv noch erwähnenswert: Ich habe mich kulinarisch gefühlt wie ein Hobbit, denn es gab fünf bis sechs Mahlzeiten am Tag – Frühstück, Morgentee, Mittag, Nachmittagstee, Abendessen und danach manchmal noch einen Snack. Vor allem die selbstgemachte Pizza im hauseigenen Steinofen war einfach lecker! Es ist also kein Wunder, dass ich in meiner Zeit als Helpx Reisende mit das ein oder andere Kilogramm anfutterte.
PS: Bitte entschuldigt die Qualität einiger Fotos, die mit meinem uralten Smartphone aufgenommen wurden!




3 Antworten zu „Thames – Unkraut, Bauernmarkt und Gipfelstürmer”.
[…] können zeigte mir dann Sorren im Tangiaro Kiwi Retreat in Coromandel und lustigerweise fand ich in Thames beim Durchblättern Angelikas Kochbüchern das Rezept […]
[…] war kurz davor Thames zu verlassen und an meinem nächsten Wunschziel, das kleine Städtchen Katikati, hatte mir noch […]
[…] Cathedral Cove, pittoresk und romantisch in den frühen Morgenstunden, und die Tagestour zu den Pinnacles mit Ausblick zum […]