Festivals im August 2017

Um aus der Chronologie ein wenig auszubrechen (ja, im Reisebericht Neuseeland und Asien hänge ich mehr als ein komplettes Jahr hinterher), gibt es von mir einen kleinen Beitrag über zwei Festivals, die ich im August 2017 besucht habe!

Der Sommer ist nun vorbei (auch wenn ich es gerne leugnen möchte) und ich hatte mir vorgenommen, nach meiner Reise um die Welt, den Festivalsommer in Deutschland zu genießen. So war ich im August auf zwei Festivals unterwegs, von denen ich nun ein paar Eindrücke loswerden möchte.

Das eine Festival – Przystanek Woodstock (zu Deutsch: Haltestelle Woodstock) – habe ich bereits 2015 auf Marys‘ Culture Advisor berichtet. Es fand dieses Jahr zum 23. Mal statt und ist somit ein alter Hase unter den Festivals. Das andere Festival – Artlake Festival – fand das dritte Mal in Folge statt und steckt daher noch in den Kinderschuhen. Natürlich haben beide ganz unterschiedliche Eindrücke hinterlassen und sind an sich sehr verschieden. Doch lest selbst:

Przystanek Woodstock (03.-06. August)

Was als Benefizkonzert für Menschen, die sich bei Polens wichtigster Spendensammlung für Kinderkrankenhäuser engagieren, vor 23 Jahren begann, ist heute eines der größten, kostenlosen Open Air Veranstaltungen Europas. Es findet jährlich auf einem alten Militärgelände im polnischen Krostzyn statt und ist von Berlin aus mit der Bahn zu erreichen. Da es keine Tickets gibt, kann die Besucherzahl nur geschätzt werden und wird mit rund 700.000 Menschen angegeben. In den Medien oftmals als die schönste Schlammschlacht des Jahres bezeichnet, hat es doch mehr zu bieten als dreckverschmierte Hippies vor der Konzertbühne. Ich selbst war 2005 das erste Mal dabei, damals noch unter der Obhut meiner Eltern, und anschließend zwar nicht jedes Jahr, doch so oft ich eben konnte. Das Festival schafft es nicht nur, zahlreiche Besucher anzulocken, sondern auch namenhafte Bands (obwohl der Benefizcharakter sich nicht geändert hat, denn die Musiker bekommen keine Gage). In den letzten Jahren wurde die Musik auf der Hauptbühne sehr Metal lastig und von Folk ist leider weniger zu hören. Obwohl das Festival schon am Donnerstag startete, bin ich erst am Freitag angereist und schloß mich der Gruppe um meine Schwester an. Der Vorteil: als ich ankam, standen schon alle Zelte und der Grill wurde auch gerade befeuert. So konnte ich mich ins gemachte Nest setzen und ein Wochenende voller Musik und netter Menschen genießen.

Änderungen

Es gab auch dieses Jahr einige Veränderungen, manche positiv und manche eher negativ. Musste man bisher immer nur für einen Autostellplatz ein paar Zloty lassen, so gibt es seit diesem Jahr ebenfalls Gebühren für jedes aufgestellte Zelt. Ein mit Zäunen abgetrennter, alkoholfreier Bühnenbereich war ebenfalls eine Neuerung, die jedoch nicht sehr lange durchgesetzt wurde. Denn als am Freitag Abend dann doch sehr viele Menschen hinter dem Zaun blieben, um sowohl Musik als auch ihr Bier zu genießen, kam es zu solch einer Verstopfung der Wege, dass es sicherer war in den folgenden Tagen die Zäune zu öffnen, als auf die Abgrenzung zu bestehen. Neben möglichen ökonomischen Überlegungen waren vermutlich die Querelen zwischen der Festivalleitung und der polnischen Politik Ursache derartiger Änderungen. Bereits seit zwei Jahren legten die polnischen Behörden mit Unterstützung der aktuellen Regierung dem Festival Steine vor die Füße. Zum einen hieß es, das Festival sei ein Sicherheitsrisiko und geeignetes Ziel von Terroristen, zum anderen wurden paradoxerweise Hilfe und Unterstützung von deutscher Seite abgelehnt. Bis wenige Tage vor dem Festivalstart war es nicht sicher, ob es überhaupt stattfinden würde. Die jahrelange Zusammenarbeit der deutschen und polnischen Feuerwehr wurde unterbunden, allein die deutsche Polizei und Notärzte durften weiterhin beim Festival aushelfen. Die Berliner Zeitung berichtete ausführlich zu diesem Thema. Zu den positiven Neuerungen zählen vor allem die diesjährigen Designs. Mir gefielen sehr die T-Shirt Designs mit Federn und Traumfängern und geometrischen Mustern, ein wenig hipsterlastig und dennoch zeitgemäß. Zudem haben nun nicht nur die Lech-Bierdosen ein individuelles Festivaldesign, sondern auch die Coladosen. Für jeden Sammler des Altmetalls eine Freude.

Musik

Vom ersten Abend des Festivals habe ich nur Berichten lauschen können. Materia, Trivium, The Dead Daisies und Mando Diao. So habe Mando Diao wohl keine Zugabe gespielt und kam eher unwirsch rüber. Am Freitag jedoch hörte ich mir New Model Army an, einen wütend wirkenden amerikanischen Altrocker mit weißem, langem Haar, einem verkniffenen Gesicht und einer hübscher Geigerin im Hintergrund. Er verbreitete gute alte Rockstimmung und bereitete das Publikum indirekt sehr gut auf die nachfolgende Band vor: Amon Amarth.

Amon Amarth ist eine sehr bekannte Band in der Metalszene. Auch wenn ich von ihr vorher nur am Rande gehört hatte und selbst keinen Metal höre, so konnte ich dennoch erkennen, dass es sich um High Quality Metal aus Schweden handelt, mit der beeindruckenden Stimme des Sängers und einem aufwendigen Bühnenbild mit Helm und Flammenwerfern. Ihre ganze Ausstrahlung schrie nach Wikinger, auch wenn ich als Hobbyhistorikerin weiß, dass die echten Wikinger keine Helme mit Hörnern trugen, sondern einfache Metallkappen. Das tat der Stimmung jedoch keinen Abbruch.

Am Samstag fing unser Festivalbesuch mit den Nine Tresures an, einer mongolischen Metalband. Es war eine ungewohnte Mischung aus asiatischen Klängen und dem gewohnten Metallärm. Anschließend rockten The Qemists die Bühne und verbreiteten eine tosende Stimmung unter den Zuhörern. Bei Nothing but Thieves blamierten wir uns in der Gruppe ein wenig, denn wir konnten nicht einschätzen, welchen Geschlechts der Frontsänger war. Stellten jedoch per Google fest, dass wir nicht die einzigen mit dieser brisanten Frage waren. Schließlich schlichen wir uns zu den Klängen polnischer Popmusik zum Zelt zurück und wunderten uns über die Polen, die kurze Zeit vorher noch zu der Rockmusik gesprungen waren und nun zu den seichten Polkarhythmen schunkelten.

Alles in allem war das diesjährige Festival sehr nostalgisch angehaucht, mit einem hohen Wiedererkennungswert und dennoch immer wieder überraschend. Letztendlich hängt die Stimmung auf Festivals auch von der Begleitung ab und die hat dieses Jahr unglaublich viel Spaß gemacht. Danke Leute!

Artlake Festival (17.-20. August)

Erst das dritte Jahr fand das Artlake Festival am Bergheider See statt, einem alten Kohleabbaugebiet im Süden von Brandenburg. Heute renaturiert und als Festivalgelände ausgebaut, beherbergt es u.a. auch das Feel Festival. Vom Bergbau zeugte neben dem rechteckigen See auch noch die sogennante F60, die größte bewegliche Abräumförderbrücke der Welt, die man zu bestimmten Zeiten besichtigen konnte. Das Festivalprogramm versprach hier zwischen Wasser, Strand und Bäumen vier Tage voller Musik, Kunst und Workshops.

Vom Parkplatz aus war es zwar ein ganzes Stück zu laufen, doch am Ende wurde der Fußmarsch mit einer tollen Location am See belohnt. Bei strahlender Sonne baute ich zusammen mit einer Freundin das Zelt am See (oder besser: geschützt hinter ein paar Dünen) auf und genoss ersteinmal die Aussicht auf das Wasser und eine der Festivalbühnen, bevor wir auch noch den Rest des Geländes erkundeten. Es gab zahlreiche hippe, alternativ wirkende Festivalbauten und Bühnen, zusammengezimmert aus grob behauenen Brettern und bunt geschmückt mit Fähnchen, Beschriftungen und ganz vielen Bändern. In kleinen Wäldchen versteckten sich Kunstinstallationen, die nachts noch eindrucksvoller wirkten, mit Schwarzlicht angestrahlt wurden oder künstlerische Videoprojekte zeigten. Ich hatte das Gefühl, jeden Tag etwas Neues entdecken zu können und war am Ende nicht sicher, ob ich nicht doch noch etwas übersehen hatte.

Erster Eindruck

Das Festival beeindruckte mit seiner Vielseitigkeit. Es gab mehrere Bühnen und Dancefloors, Theaterbühne, Kino, Gallerie, Skatepark und eine Philosophenecke, natürlich eine kleine Marktstraße, die kulinarische Ecke mit einer sehr breiten Auswahl und ziemlich gute sanitäre Anlagen. Das Programm versprach eine ebenso vielfältige Auswahl mit Kunst, Workshops, Diskussionsrunden, Vorführungen und ganz viel Musik. Zur Musik komm ich später noch, doch eines muss ich hier bereits zugeben: der Bereich Workshops und Kunst war etwas enttäuschend. Vielleicht lag es am etwas undurchsichtigen Programm, bei dem zwar die Konzerte aufgelistet waren, jedoch Uhrzeiten und Orte einiger Veranstaltungen wie Batik- oder DIY Schmuck Workshops fehlte. Wir suchten vor allem Siebdruck und Vintage-Fotografie und wurden erst am letzten Festivaltag fündig. Leider handelte es sich dann hierbei, wider Erwarten, um reine Vorführungen und nicht wirkliche Mitmach-Werkstätten. So gab es für uns an künstlerischer Betätigung wenig Ausbeute an dem Wochenende. Selbst die Galerie wartete gerade mal mit einer handvoll Bildern auf, die zudem nicht dem Programm entsprachen: nichts von afghanischen Flüchtlingen, Illustrationen oder audiovisuellen Installationen, sondern lediglich ein paar sehr verwaschene Bilder unbekannten Inhalts. Die Chakra-Meditation, auf die ich mich auch gefreut hatte, ließ wenig Raum und noch weniger Ruhe für eine wirkliche Meditation (von drei Seiten wetteiferten verschiedene DJs um Aufmerksamkeit) und schließlich zeigte das Kino nicht wie angekündigt eine wilde Mischung aus Indie-, Arthouse und Kultfilmen, sondern lediglich den König der Löwen sowie einen sich stets wiederholdenden Kurzfilmblock. Doch trotz dieser zugegebenermaßen milden Enttäuschungen, ließen wir uns die Stimmung davon nicht drücken und konzentrierten uns mehr auf die musikalische Seite des Festivals.

Musik

Und die Musik enttäuschte nicht, auch wenn ich bisher noch nie ein Festival erlebt habe, auf dem vier Tage durchgängig nonstop Musik gespielt wurde und ich es bereute, kein Oropax mitgenommen zu haben. Ich bekam aktuelle deutsche Bands wie Von Wegen Lisbeth zu hören und freute mich über altbekannte Folkmusik wie Nature in the City und Wild Tales. Viele der Elektro DJs, die am Strand oder im Endlos Floor auflegten, sagten mir leider aus meiner Unkenntnis der Musikszene heraus nichts, doch ich genoss es trotzdem auf den wunderschönen Tanzflächen am Strand, im Wald oder auf dem Tanzschiff Dörthe Becker bis in die Morgenstunden zu tanzen. Eine Nacht wurde uns jedoch genommen, denn am Freitag zog ein solches Gewitter über das Festivalgelände, dass viele Besucher in ihre Zelte flüchteten und  kurzzeitig die Musik stoppte. Als ein Blitz auch noch in die Förderbrücke einschlug, erklärte ich den Abend für mich als beendet.

Es war seltsam, dass jede dritte Band oder Musiker das Artlake mit dem Feel Festival verglich, das einige Wochen vorher stattgefunden hatte. Oft hieß es, das Feel Festival wäre größer und besser besucht, das Artlake dafür familiärer und übersichtlicher. Zusammen mit dem nicht ganz erfüllten Programm hinterließen diese Bemerkungen bei mir das Gefühl, das Artlake Festival würde versuchen, das Feel Festival zu kopieren und reiche nicht an dessen Dimensionen heran. Dennoch waren meine Highlights zum einen natürlich die musikalischen Erlebnisse, die Entdeckung des leckeren herben Outcider sowie der See und damit auch das Stand Up Paddling, zu dem ich glücklicherweise überredet wurde. Alles in allem ein schönes Sommerfestival-Wochenende mit der typischen Mischung aus Sonne und Regen, Musik, Tanz und schlaflosen Nächten.