An der Nordspitze Coromandels verbrachte ich zwei Wochen im Juli letzten Jahres und war von der Abgeschiedenheit und der wilden Natur beeindruckt. So wie Connemara als die schönste Region Irlands gilt, so wird die Coromandel-Halbinsel als schönste Gegend der Nordinsel Neuseelands bezeichnet. Auch für mich war es eine besondere Zeit dort oben im Norden, die bereits im Hafen von Auckland begann.
Der Tag meiner Reise von Waiheke Island nach Port Charles war ein Tag voller Regenbögen. Gordon, mein Gastgeber auf der Insel, brachte mich am frühen Vormittag zur Fähre nach Auckland und die ganze Zeit wechselten sich Sonne und Regen ab und malten bunte Farben an den Himmel. Es war fast mystisch, denn je mehr ich mich von der Insel entfernte, desto mehr verschwand sie im Nebel.
In Auckland holte mich mein neuer Helpx-Gastgeber am Hafen ab und fuhr mit mir den ganzen Weg zu Coromandels Nordspitze. Nach dem typischen anfänglichen Frage-Antwort-Spiel à la „Wo kommst du her? Wo gehst du hin? Was hast du so vor der Reise gemacht?“ ließ mich die monotone Autofahrt fast einschlafen. Doch beim letzten Abschnitt der Fahrt war ich wieder hellwach, denn vor meinem Fenster erstreckte sich die atemberaubende Landschaft der Coromandel-Halbinsel. Eine wilde Mischung aus Bergen, steiler Küste und gewundenen engen Straßen, Bäumen, die sich über das Wasser beugten, und in der Ferne die liniendünne Küste der Bucht von Auckland bis wir schließlich in der Wildnis des Tangiaro Kiwi Retreats ankamen.
Der Ort
Das Tangiaro Kiwi Retreat ist ein Bungalowkomplex mitten im Busch, der sich auf Hochzeiten spezialisiert und im äußersten Norden der Coromandel-Halbinsel liegt. Der nächste Ort nennt sich Port Charles, besteht aus einer lockeren Häuseransammlung und ist sehr abgelegen. So befindet sich der nächste Supermarkt im Örtchen Coromandel (ja, es heisst genauso wie die Halbinsel), ist eine ganze Stunde Autofahrt entfernt und nur erreichbar über Serpentinenstraßen, die mir nicht nur einmal Übelkeit bescherten. Der Bungalowkomplex ist recht modern, die Hüttchen sind sehr gut ausgestattet mit allem, was man braucht, und das Highlight waren die Außenpools, die wir Mitarbeiter ebenfalls benutzen durften, was ich jedoch erst nach der ersten Woche ausnutzte.
Die Menschen
Die Kernmannschaft, wie ich sie kennenlernte, bestand aus dem Manager des Retreats, seinem Bruder und Koch mit dessen Söhnen und einer Deutschen, die alle erst seit ein wenig mehr als einem halben Jahr dort arbeiteten und wohnten. Zudem gab es noch einen Haus-und-Hof-Handwerker, eine Gärtnerin und ein paar Helfer, deren Namen ich wieder vergessen habe. Die Stimmung dort hatte etwas von den Teenagercliquen meiner Schulzeit. Fast alle zwei Tage wurde am Abend Bier getrunken und geraucht, Darts gespielt und gewetteifert. Am Anfang war es für mich etwas schwierig mich an dieses alte Gefühl und die damals für mich problematische Atmosphäre zu gewöhnen, denn ich verband es mit dem leichten Gruppenzwang, mehr als ein Bier am Abend zu trinken und Hierarchien aufzubauen. Ein emotionaler Ausflug ins lang zurückliegende Teenageralter. Doch als zwei Tage nach mir ein französisches Paar dazukam, entspannte sich für mich die Situation etwas, da ich nicht mehr allein der Neuankömmling in dieser eingeschworenen Gemeinschaft war. Dennoch bin ich dankbar für diese Erfahrung, denn ich konnte die Situation dort reflektiert beobachten und habe einiges über mich und Gruppendynamiken gelernt, und bin sehr froh, dass eines nicht wie zu Teenagerzeiten war: der Klatsch und Tratsch blieb aus und die Arbeit, die wir dort leisteten wurde dankbar angenommen und anerkannt. Das französische Paar blieb so lang wie ich in Coromandel und wir teilten uns ein Bungalow. Trotz dem gemeinsamen Wohnen war es zwischen uns dreien nicht so gemeinschaftlich, wie ich es mir wünschte. Wir bekamen Frühstück und Mittag gestellt, für das Abendbrot und Getränke am Abend waren wir selbst verantwortlich. Doch entgegen meiner Erwartungen kochten wir drei nicht zusammen und auch sonst verlief die Abendunterhaltung an den Tagen, an denen wir nicht Darts spielten, getrennt. Außer dem einem Mal als wir zu dritt den Film Prestige auf Französisch schauten, wobei ich kaum was verstand und dennoch der Handlung folgen konnte, da ich ihn bereits in und auswendig kannte. Vielleicht war ich zu verwöhnt von der familiären Atmosphäre der letzten Gastgeberfamilien (obwohl es in Waiheke Island auch nicht so familiär war), dass ich mich an dieses distanzierte Verhalten erst wieder gewöhnen musste?! Wie auch immer, letztendlich konnte ich der Französin ein Crêpe-Rezept entlocken und bin dankbar, dass die beiden mich am Ende unserer Zeit im Retreat nach Thames mitnahmen.
Die Arbeit
Es war eine sonderbare Mischung aus Pflichten und Fürsorglichkeit. So bekam ich am ersten Arbeitstag zum Mittag Miesmuscheln serviert, da ich vorher von meiner Begegnung mit Stewart erzählte und dass ich dort das erste Mal Muscheln gegessen hatte. Der Manager wollte meine erste, zugegebenermaßen recht nüchterne Muschelerfahrung nicht so stehen lassen und tischte mir Muscheln nach Art des Hauses auf, was wirklich unglaublich lecker war. Die Muscheln waren in Kokusmilch, Zitronengras und Keffirlime-Blätter gedünstet und diese Mischung an exotischen Aromen war einfach umwerfend, nicht zuletzt auch in beeindruckender Größe. Denn meine ersten Muscheln in Whangarei waren von der Größe eines Daumens, die Muscheln in Coromandel waren so groß wie meine ganze Hand! Der Manager gab zudem von Zeit zu Zeit Essen und Getränke am Abend aus. Doch das alles war nicht wirklich klar und bestimmt, denn am Anfang hieß es, jeder sei für seine Getränke und Abendessen selbst verantwortlich und müsse zudem das Internet bezahlen. Diese Ausnahmen und Zugeständniss waren somit eher unter der Hand, nebenbei und nicht klar kommuniziert. Anders war es mit den Arbeitsaufgaben. Dort gab es klare Ansagen wie Holzstapeln, einen Steinwall im Teich bauen, Unkraut jäten, in der Holzwerkstatt aushelfen, mal über die Webseite schauen und anderes. Die Arbeitstage waren mit Arbeit gefüllt und ließen wenig Freizeit. Da wir relativ spät anfingen – ca. 10:30 Uhr am Morgen – und eine ausgedehnte Mittagspause hatten, waren wir auch erst am späten Nachmittag mit unseren vereinbarten Stunden fertig und die Freizeitgestaltung dort bot danach nicht so viele Möglichkeiten.
Die Naturwunder
Wie schon erwähnt wurde oft Darts gespielt, manchmal nutzten wir den Whirlpool oder an ein paar wenigen Nachmittagen lief ich zum Strand, was eine zwanzig minütige Wanderung über staubige Straßen war, badete in einem Wasserfall und genoß die Aussicht auf schroffe Steilküste und tiefgrüne Berge. Am ersten Wochenende unternahmen wir jedoch einen kleinen „Familienausflug“ zum Hot Water Beach. Der Koch und seine zwei Kinder nahmen das französische Pärchen und mich mit. Ich war froh, dorthin zu kommen ohne die Reise selbst organisieren zu müssen, doch wie gesagt, glich es einem Familienausflug und somit war ich abhängig von dem Interesse und der Schnelligkeit der anderen. Der Strand war beeindruckend. Der graubraune Sand war an einer ganz bestimmten Stelle unglaublich heiß, sobald man mit ein paar Spatenstichen eine flache Mulde ausgehoben hatte. Das Wasser dampfte regelrecht in der kühlen Luft und brodelte, nicht durch die Temperatur – zum Glück – sondern durch aufsteigende Gase. Wir hatten Glück mit dem Wetter. Es war grau, doch es regnete nicht und wenn man sich flach in die ausgehobene Mulde legte, störte selbst der Wind nicht mehr. Schließlich konnte ich die anderen noch überzeugen zur Cathedral Cove zu fahren. Die Kinder hatten kaum mehr Lust und der Vater nicht das Talent zu motivieren. Dennoch liefen wir dorthin. Und auch dies war ein toller Ort! Ich hätte dort Stunden verbringen, mir die Felsformationen ansehen, Leute und Wellen beobachten können. Doch es war schon später Nachmittag und so mussten wir nach einer kurzen Pause in der Bucht uns recht bald wieder auf den Heimweg machen.
Die freie Zeit
Einen anderen freien Tag wanderte ich zur Big Sandy Bay, machte Fotos und entdeckte Muschelstücke, die hier Cat’s Eye genannt werden, doch bei uns eher unter dem Namen Shivas Auge bekannt sind. Ich dachte immer, es gäbe sie nur in der Farbe Weiß mit rosa Kringeln, doch dort am Strand entdeckte ich einer Farbvarianz, die mich so viele davon sammeln ließ. Sie sind unglaublich schön, in weiß, blau, grün, gelb oder braun. Es artete zu einer regelrechten Schatzsuche aus, bestimmt zwei Stunden lief ich gebückt am Strand entlang und freute mich über jedes kringelige Stück Muschel, das ich von den grauen Steinen unterscheiden konnte und in meine Taschen sammelte. Ich hoffte, dass es nicht zum Problem werden würde sie nach Hause mitzunehmen, denn ich hatte bereits gehört, dass es verboten sei Muscheln und ähnliches vom Strand mitzunehmen und nach Europa zu bringen. Doch das Internet erklärte, dass diese strengen Vorschriften bereits gelockert wurden und so schickte ich diese Muschelstücke per Paket nach Hause. Nun sind sie Rohmaterial für Schmuck oder ähnliche kreative Projekte und warten darauf verarbeitet zu werden.
Am zweiten Wochenende gab es ein Dartstournier, bei dem wirklich alle mitmachten. Es war DAS gesellschaftliche Ereignis dort im Norden. Vor meiner Zeit in Coromandel hatte ich so gut wie keine Ahnung und noch weniger Erfahrungen in Darts. Innerhalb der zwei Wochen wurde ich besser im Spiel, was keine große Überraschung ist, wenn man bei Null anfängt. Beim Tournier spielte ich jedoch gegen einen der früheren Champions und verlor nur deshalb nicht haushoch, da er älteren Semesters war und vor kurzem eine Schulter-OP hatte. An meinem geplanten letzten Tag wurde ich überredet, noch einen Tag länger zu bleiben, indem uns drei Helfern ein kleiner Baristaworkshop versprochen wurde. Ich hatte bereits während meines Aufenthaltes dort immer wieder nachgefragt, wie man den absoluten Liebling der Neuseeländer, den Flat White, macht oder Moccacino. Mein Ehrgeiz war geweckt, zumindest für die Dauer des Workshops war es einfach ein gutes Gefühl solch professionelle Kaffemaschine zu bedienen. Ob ich das jetzt, ein Jahr später, immer noch hinbekommen würde? Ich weiß es nicht.
Die Highlights
Was ich wirklich dort in der Abgeschiedenheit Coromandels genossen habe, sind die Ruhe, die Natur, die Kiwilaute in der Nacht und der Ausblick von der Terrasse unseres Bungalows. Es gab weder Handyempfang noch Internet dort und auch wenn meine Mutter, wie ich später erfuhr, während dieser Zeit sehr unruhig war, da ich kein Lebenszeichen von mir geben konnte, so war es auch eine gute Zeit ohne Kontakt zur Außenwelt oder zumindest zum anderen Ende der Erde. Abends hörte man die Kiwivögel im Busch und an zwei Morgenden wurde ich vom Klopfen zweier Elstern an der Hintertür unseres Bungalows geweckt und habe mich dabei gefühlt wie in Disneys Cinderella. Ich habe mich in die überdachten Whirlpools im Wald verliebt, da man selbst bei Regen im warmen Wasser entspannen konnte. Der eine Tag in der Holzwerkstatt zeigte mir, dass ich solche handwerklich produktive Beschäftigung vermisse und sie mir sehr viel Spaß macht. Und ich bin dankbar für die ganzen Reisetips und Empfehlungen von dem Team des Retreats, die ich auf einer Landkarte festhielt und später oft darauf zugriff, und für die Rezepte, die ich sammeln durfte. Letztendlich war es wiedermal eine wichtige Zeit für mich dort im Nirgendwo!



7 Antworten zu „Coromandel – Mitten im Nirgendwo”.
[…] lässt sich der Tag besser starten als mit einem tollen Frühstück? Für mich wardas Müsli im Tangiaro Kiwi Retreat ein Highlight, denn es bestand aus ganz vielen Nüssen und Kernen und meiner Lieblingszutat – […]
[…] meiner Reise verbrachte ich zwei Wochen in Port Charles, dem nördlichsten und abgelegensten Ort der Halbinsel. Ich hatte das große Glück, dass einer der […]
[…] Kaffee nahm mich das französische Paar aus Port Charles die langen gewundenen Straßen vom Tangiaro Kiwi Retreat zur nächsten größeren Stadt Thames mit ihrem Auto mit. Dort wurde ich von meiner nächsten […]
[…] den wahren Genuss nur erahnen. Wie lecker sie schmecken können zeigte mir dann Sorren im Tangiaro Kiwi Retreat in Coromandel und lustigerweise fand ich in Thames beim Durchblättern Angelikas Kochbüchern das Rezept […]
[…] ich in Port Charles auf der Coromandel Halbinsel war – mitten im Nirgendwo, wie sich einige vielleicht erinnern […]
[…] Zudem machten sich meine Schulterprobleme wieder bemerkbar. Ich hatte am vorletzten Abend meines Coromandel-Aufenthalts einen kleinen Unfall. Beim Holzstapeln stieß ein Kollege mit einem Holzscheit genau auf meinen […]
[…] – die vielgerühmte Cathedral Cove, pittoresk und romantisch in den frühen Morgenstunden, und die Tagestour zu den Pinnacles mit […]