Waiheke Island – Wellen, Wind und Wein

Waiheke Island wurde mir von Reisebekanntschaften als die Insel der Hippies und Reichen angekündigt. Dass in dieser Beschreibung das sprichwörtliche Körnchen Wahrheit steckt, durfte ich bei meinem kurzen Aufenthalt dort selbst feststellen und lernte so das Kunstsammlerpaar Janet und Gordon kennen.

Ich verließ Kerikeri an einem sonnigen Mittwoch Morgen und nahm den Bus nach Auckland und schließlich die Fähre zur Insel. Als ich dort ankam, hattesich das Wetter ins Gegenteil verkehrt: es regnete in Strömen und wurde langsam dunkel. Da die Kommunikation mit Janet, meiner neuen Helpx Gastgeberin, etwas stockend war, befürchtete ich schon, dass sie mich nicht abholen würde und stellte mich halb auf eine Nacht am Hafen ein. Was macht man, wenn man irgendwo alleine strandet? Zum Glück brauchte ich die Antwort auf diese Frage nicht selbst finden, denn nach einer halben Stunde Wartezeit kam Janet doch und brachte mich auf ihr Anwesen. Ja, das ist das richtige Wort dafür. Janet und ihr Mann Gordon leben in einem Designerhaus, das eher einer Galerie gleicht als einem Wohnhaus: Die Zimmer sind weiträumig und offen, mit großen, bodenlangen Fenstern und hohen Decken, ohne Frage sehr stilvoll, doch gleichzeitig auch grau und unpersönlich. Die weißen Wände sind übersät mit Kunstwerken nationaler und lokaler Künstler, und doch ist nirgendwo ein Stück persönlicher Geschichte zu entdecken. Ein Haus wie aus einem Kunstkatalog. Ich selbst durfte im Ferienhäuschen Quartier beziehen und fühlte mich die Tage dort wie die angestellte Gärtnerin eines englischen Anwesens aus dem 19. Jahrhundert. So war auch die Atmosphäre an diesem Ort: distanziert, kühl, doch fürsorglich und oberflächlich interessiert. Das soll nicht heißen, dass die beiden nicht nett waren. Sie waren sehr zuvorkommend und vor allem Janet sehr darauf bedacht, dass es mir an nichts fehlte.

Ort und Menschen

Die beiden leben seit mehr als zehn Jahren auf Waiheke Island, sind in ihren 60ern und ihre Kinder haben längst das Haus verlassen und leben irgendwo in Neuseeland mit ihren eigenen Familien. Janet ist eine ehemalige Innenarchitektin und engagiert sich heute in der lokalen Galerie, Gordon ein ehemaliger Bauingenieur und heutiger Schirmherr des Literaturfestivals der Insel. Neben dem großen grauen Wohnhaus und dem Ferienhaus gibt es noch einen kleinen Bungalow am Ende des Gartens und zusätzlich irgendwo auf der Insel noch ein Strandhaus. Das war für mich schon sehr beeindruckend, denn in den Anzeigen der Regionalzeitung sah ich verwilderte Grundstücke mit kleinen Häusern für knapp zwei Millionen Dollar angeboten. Was muss dann dieses große Grundstück mit zwei Häusern erst Wert sein? Ich war offensichtlich auf der reichen Seite der Insel gelandet. Die Althippies und Künstler versteckten sich in etwas entfernteren Nachbarschaft, zu deren zahlreichen Ateliers ein Flyer in meinem Häuschen Auskunft gab.

Arbeit und Erholung

Die Arbeiten im Garten waren ziemlich einfach: Chrysanthemen beschneiden, Unkraut jäten und die ganzen Bäume düngen, was länger dauerte als gedacht, da es ziemlich viele Bäume auf dem Grundstück gab. An einem regnerischen Tag half ich im Haus, kochte Holzäpfel ein und konservierte Oliven. Gleich am ersten Tag sollte ich zudem den Hund Max im Auge behalten, was mich einige Nerven kostete. Denn trotz seiner eher gemütlichen Art, war er auf einmal verschwunden und ich bekam schon Schweißausbrüche und Angst, dass ich Ärger bekomme, sollte er nicht wieder auftauchen. Ich fragte jeden Nachbarn, dem ich begegnete, nach Max und schließlich kam der Hund aus freien Stücken zurück. Es stellte sich später heraus, dass es zu seinen Gewohnheiten zählte, ab und zu auf Wanderschaft zu gehen. Also war die ganze Aufregung völlig unnötig gewesen.
In meiner freien Zeit wanderte ich selbst an der Küste der Insel entlang, genoss das Ufer und die Sonne oder ich blieb bei Regen im Ferienhaus, schrieb oder fotografierte Kochbücher ab und organisierte meine Daten. Obwohl Waiheke eine Insel ist, ist sie doch ziemlich weitläufig und nicht sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erschließen. Daher konnte ich mir nur die Orte und Wanderwege in Laufnähe ansehen und verzichtete liebend gern auf die teuren geführten Weintouren der Insel. Denn neben Kunst und dicken Konten ist Waiheke berühmt für eine der höhsten Dichten an Weingütern in Neuseeland. Die ein oder andere Kostprobe erhielt ich dann doch bei den Abendessen meiner Gastgeber.

Gesellschaftliche Ereignisse

An einem Abend luden mich Janet und Gordon zu einem Galerieempfang ein. Janet ist Mitglied des lokalen Galerievereins und es fand eine stille Auktion zu Spendenzwecken statt. Im Vorfeld beschloss ich, doch einmal das zur Verfügung gestellte Bügeleisen zu nutzen und die Falten aus meinem kleinen schwarzen Kleid zu entfernen. Und das will schon etwas heißen, schließlich ist das letzte Mal Bügeln schon zehn Jahre her! Beim Empfang gab es Burger zu essen und anschließend eine Kinovorführung mit der Dokumentation über Peggy Guggenheim, einer Kunstsammlerin und Geliebte vieler Berühmtheiten. Der Abend war sehr spannend, zum einen sozial – ich finde es immer spannend die Leute auf solchen Veranstaltungen zu beobachten – und zum anderen filmisch – als Filmwissenschaftlerin gilt mein Interesse natürlich nicht nur dem Inhalt sondern auch der Umsetzung und die Dokumentation über Peggy ist sehr zu empfehlen.
Zwei Tage später veranstalteten Janet und Gordon ein Abendessen zusammen mit einem Nachbarpärchen und dessen Jungen Joe, von dem mir Janet sagte, er sei wohl in meinem Alter. Wie sich später herausstellte, war er noch nicht einmal zwanzig Jahre alt. Das Essen war dekadent und es gab Champagner und guten Käse, obwohl Janet stets betonte, es sei nichts besonderes. Trotz des Altersunterschiedes konnte ich mich mit Joe sehr gut unterhalten und wir verabredeten uns für den nächsten Abend. Er versprach mir die Insel zu zeigen und brachte mich zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man Aucklands nächtliche Skyline bewundern konnte und zeigte mir am Palmbeach flouriszierende Wellen. Das hört sich romantischer an, als es war, denn das Wetter wechselte von sternenklar zu regnerisch und wieder zu sternenklar. Die meiste Zeit war es also nass und kalt und die Gesprächsthemen handelten von Fernweh, Vorstellungen der Zukunft und wie es ist, abseits der Großstadt aufzuwachsen. Auf dem Weg zu meinem Cottage konnte ich dann doch den unglaublichen Sternenhimmel bewundern, fernab der Großstadtlichter und glaubte sogar eine Sternschnuppe zu sehen.

Abschied und Reflexion

Ursprünglich wollte ich die direkte Fähre von Waiheke Island nach Coromandel nehmen, aber da das Ferienhaus die Nacht vor der nächsten Fähre besetzt wurde und ich so eine Nacht ohne wirkliche Unterkunft gehabt hätte, willigte ich ein, dass mein nächster Gastgeber mich während seiner Fahrt von Whangarei nach Coromandel in Auckland abholt. Janet und Gordon waren nicht sehr erfreut darüber, denn es war eine Abweichung von ihrer Planung, doch sie nahmen es sehr gefasst auf. Damit endete meine Zeit auf der Insel früher als gedacht und es ging für mich wieder zurück nach Auckland.

Aus dieser Inselzeit nehme ich vor allem mit, dass Geld nicht grundsätzlich glücklich macht, denn trotz der Sammlerstücke und dem offensichtlichen Wohlstand der beiden, war kaum Wärme zu spüren. Vielleicht lag es daran, dass sich Janet gerade von einer schweren Schulteroperation erholte, vielleicht war es die alltägliche Stimmung, die beiden erschienen mir ungewöhnlich steif und träge in unseren abendlichen Gesprächen, obwohl ich hoffte, dass die gemeinsamen Themen Kunst, Literatur und Natur es irgendwie leichter machen. Ihr Interesse schien sich jedoch vor allem um Erfolg und Errungenschaften zu drehen. So schreibt eine ihrer Töchter Kochbücher und wird in aller Welt verkauft. Und ich wurde ihren Bekannten stets als preisgekrönte Dokumentarfilmerin vorgestellt, obwohl ich mehrmals versuchte richtig zu stellen, dass wir zwar Filmförderung, jedoch keinen Wettbewerbspreis für unsere Studienarbeit erhalten hatten. Doch das schien ihnen nicht wichtig zu sein. Es reichte nicht, dass ich einfach eine Neuseelandreisende bin, die Land und Leute kennen lernen möchte, nein, alles musste besser, mit Erfolg und Auszeichnung behaftet sein. Zudem befürchtete ich stets irgendetwas falsch oder kaputt zu machen, so sehr irritierte mich diese Atmosphäre und der Umgang der beiden. Ich genoss dort mein eigenes Häuschen und das Essen und den Luxus, doch letztendlich war ich froh, bald wieder zu verabschieden und zur nächsten Helpx Stelle abzureisen.
Trotzdem hat mich der Ort auch inspiriert und so nehme ich ebenfalls aus der Zeit dort – eher hypothetische – Ideen für mein Traumhaus mit. Dabei hat sich folgende Wunschliste angesammelt:

  • Ein großes Bücherregal mit beweglicher Leiter (à la Die Schöne und das Biest)
  • Ein Wintergarten mit Zitrusbäumen, Farnen, Persimonen und Oliven
  • Ein Whirlpool oder eine Außenbadewanne
  • Eine Ecke mit Hängematte
  • Große Fenster bis zum Boden und viel Licht im ganzen Haus

2 Antworten zu „Waiheke Island – Wellen, Wind und Wein”.

  1. […] Tag meiner Reise von Waiheke Island nach Port Charles war ein Tag voller Regenbögen. Gordon, mein Gastgeber auf der Insel, brachte […]

  2. […] ist zwar schon eine Weile her, dass ich von meinem Besuch auf Waiheke Island berichtete, und noch länger, dass ich dort war. Doch dieses Rezept von Janet passt einfach sehr […]