Helpx, Herausforderungen und Highlights

Wie geht das, arbeiten für Unterkunft und Verpflegung? Manche kennen das Prinzip unter dem Namen Wwoofing oder workaway. Ich habe mich auf meiner Reise bei Helpx online angemeldet und kaum drei Tage später meine erste Helferstelle gefunden.

Meine Gastgeberin Sue holte mich aus Kerikeri ab, wo ich mit dem Bus aus Pahia landete. Doch zu ihrem Wohnort ging es noch ein Stück weiter in den Norden, durch eine Auenland Landschaft und mit Meerblick nach Coopers Beach in der Doubtless Bay. Der Name der Bucht soll von James Cook, dem englischen Entdecker Neuseelands, höchstpersönlich stammen. Als er den langgestreckten Sandstrand und den natürlichen Hafen sah, soll er ausgerufen haben “das ist zweifelsfrei eine Bucht” (that’s doubtless a bay) und so heißt sie also heute noch.

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DER Ort

Coopers Beach ist traumhaft. Nicht umsonst soll hier im Sommer die Bevölkerung um ein zehnfaches ansteigen. Die Bewohner von Auckland haben sich diese Gegend als Sommerferienort auserkoren. Die Bucht ist riesig, man kann kaum von einem Ende zum anderen sehen und entlang der Küste verlaufen lange Sandstrände, die gelegentlich von ein paar grünen Hügeln und niedrigen Klippen unterbrochen werden. In jeder freien Minute (und wenn das Wetter es zuließ) ging ich am Strand spazieren, baden oder fotografieren. Von meiner Unterkunft waren es vielleicht zehn Minuten Fußweg einen Hügel hinab (der Rückweg war dadurch natürlich länger). Und auch das Haus meiner Gastgeber war der reinste Luxus für mich: groß mit fünf Schlafzimmern, einem großen Wohnzimmer mit Heimkino und Kamin und einer offenen Küche, die die Bucht und das Meer überblickte. Von meinem Zimmer mit Doppelbett aus konnte ich auf die Terrasse hinausgehen und den gleichen Blick über die Landschaft und den Garten mit Seerosenteich geniessen. Und natürlich möchte ich das Highlight nicht verschweigen: an die Terrasse schloss sich ein Outdoor Whirlpool an, der zur freien Verfügung stand. Ich fühlte mich wie in einem Fünfsternehotel. Die Bewohner des Hauses konnten meinen Überschwang kaum verstehen, denn für sie war es natürlich Alltag.

DIE Menschen

Meine Gastgeber waren Sue und Brian, beide in ihren 50ern, und hießen mich herzlich in ihrem Haus willkommen. Brian, ursprünglich aus der Gegend um Christchurch, verdient sein Geld als Fliesenleger und Handwerker und Sue springt als Vertretungslehrerin in den lokalen Schulen ein, wenn es nötig ist. Alle ihre Kinder sind bereits ausgezogen und daher vermieten sie eines der leeren Zimmer an Isaac, einen 24jährigen, bereits verlobten Meeresbiologiestudenten. Im Sommer sollte seine Hochzeit in Sues und Brians Garten stattfinden. Alle drei sind sehr aktive Christen (ja, es gab jeden Abend ein Tischgebet) und veranstalten wöchentliche Sing- und Bibelstunden in ihrem Wohnzimmer, von denen ich mich jedoch höflich entschuldigte. Für die ebenfalls sehr regelmäßigen Filmabende konnte ich mich jedoch sehr schnell begeistern.

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Die Arbeit

Im Allgemeinen sieht der Deal bei Helpx ein tägliches Arbeitspensum von 4-5 Stunden vor und je nach Gastgeber und Familie passt man sich dem Tagesrhythmus an oder kann selbst entscheiden, wann man die Aufgaben erledigt. In Coopers Beach war Sue meine Ansprechpartnerin in allen Dingen und verteilte die Aufgaben. Da es sowohl für sie als auch für mich die erste Helpx Erfahrung war, verliefen die ersten Tage sehr ruhig und entspannt. Ich half im Haushalt und räumte mit Sue Abstellkammern auf, backte Sauerteigbrot und füllte Kombucha ab, ein erfrischendes Getränk aus fermentiertem Tee. Bei zwei Aufgaben war mein künstlerisches und musikalisches Geschick gefragt, denn ich sollte 12 Paar Marakas anmalen und 25 Ukulelen stimmen für Sues Musikunterricht. Das waren mit Abstand meine liebsten Helpx Aufgaben bisher!

Nach der ersten Woche kam eine zweite Helferin ins Haus, Emily aus Kalifornien, und zusammen räumten wir die komplette Küche und sämtliche Schränke des Hauses auf, gingen Spinnen und dreckigen Fenstern an den Kragen und arbeiteten schließlich im Garten, trimmten Büsche und jäteten eimerweise Unkraut.

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DIE Mitstreiterin 

Ich war sehr froh, dass es Emily in ihren letzten Wochen in Neuseeland ebenfalls nach Coopers Beach verschlagen hatte. Sie ist unglaublich musikalisch, tanzbegeistert und liebt Desserts. Wir hatten 1001 Gesprächsthemen und so machte das Arbeiten, Putzen und der Whirlpool noch mehr Spaß. Zudem zeigte mir Emily den Youtube Kanal Yoga with Adriene und ich fing an jeden Morgen mit ihr zusammen Yoga zu machen. Die Woche mit ihr war geprägt von langen Gesprächen, Lachen, Yoga, Meditation, Spaziergängen und Cookies Backen. Nach den ersten drei Tagen zusammen in Coopers Beach beschlossen wir gemeinsam nach Kaitaia weiterzufahren und dort zu versuchen irgendwie nach Cape Reinga, dem nördlichsten Punkt der Nordinsel, zu kommen. 

Einen Abend nahmen wir schließlich den Whirlpool auf der Terrasse in Anspruch und beobachteten die Sterne. Die Milchstraße sieht in diesem Teil der Erde so anders aus als in Europa. Ich glaube, sie ist irgendwie breiter und mit einem Haufen mehr Sterne. Ich bin jedoch immer noch orientierungslos und muss erst einmal die hiesigen Sternzeichen lernen, damit ich sie benennen kann. An diesem Abend sah ich meine erste Sternschnuppe in Neuseeland! Den Wunsch verrate ich natürlich nicht. 😉

 Die Herausforderungen

Mein Zimmer war traumhaft, das Essen mehr als genug und die Arbeit angemessen. Die Herausforderungen waren eher menschlicher Natur. Für Sue und für mich war es die erste Helpx Erfahrung überhaupt und so gab es am Anfang noch einige Unsicherheiten und Unklarheiten, wie das ganze Konzept funktioniert. Und Sue ist ein sehr sprunghafter Mensch, wodurch es schwierig war klare Angaben und Arbeitsanweisungen zu erhalten. Am Anfang hat mich das genervt. Doch schließlich habe ich gelernt, wenn es eben keine klaren Vorgaben gibt, das zu machen, was ich für richtig erachte, und nicht die Geduld mit der Person zu verlieren.

Mein zweites Lehrstück war die Toleranz der Intoleranz gegenüber. Obwohl sie in ihrem Gastgeber Profil bei Helpx  beteuern, dass sie allen Konfessionen gegenüber offen seien, hat Brian jedoch enorme Vorurteile gegenüber Muslimen, Hippies und Maoris. In den ersten Gesprächen war ich mir durch die Sprachbarriere noch unsicher, ob ich diese Ablehnung richtig verstanden habe, doch als Emily dazu stieß, bestätigte sie, was ich vermutete. Es bereitete mir dann schon Bauchschmerzen und nachdem ich eines Abends klarstellte, dass ich seine Meinung nicht teile, sprach er einige Tage nicht mehr mit mir. Zudem ist er der Ansicht, dass seine Weltanschauung die einzig richtige ist und wer nicht seinem Glauben angehört, landet in der Hölle. Es war definitiv eine Herausforderung nicht jedes Mal eine Diskussion vom Zaun zu brechen, wenn man einer Bemerkung nicht zustimmte, und ihre Weltanschauung so zu tolerieren, wie sie unsere tolerieren sollten. Zum Glück hatte ich in Emily eine Gleichgesinnte. Manchmal brauchten wir uns nur anzusehen und wussten, was der andere über eine Bemerkung von Sue oder Brian dachte. Doch hier hatte ich eben auch die Toleranz der Intoleranz gegenüber zu lernen und das war nicht immer leicht.

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 Die Highlights

Dennoch waren es zwei wunderbare Woche dort in der großen Bucht mit dem schönen Haus (Emily versicherte mir, dass andere Helferstellen nicht immer so gut ausgestattet seien und ich es genießen solle, solange ich kann). Wie bereits erwähnt, freute ich mich über die Zeit mit Emily und abgesehen von ihren Weltanschauungen waren Sue und Brian großartige Gastgeber, die gern ihre Gegend zeigen und viele Freunde in ihrem Haus willkommen heißen. So war immer etwas los und ich lernte die echten Kiwis und ihren Alltag kennen. Dazu gehört auch das Fischen auf See! Am Morgen nach Emilys Ankunft fuhren wir zu viert mit dem Boot zum Fischen raus in die Bucht. Emily und ich wollten als Nicht-absolute-Vegetarier diese Erfahrung machen, denn wenn man Fisch ißt, sollte man schließlich auch wissen, wo er herkommt. Und eine Erfahrung war es allemal. Es ist schon irgendwie spannend, darauf zu warten, dass etwas an der Leine zupft und sie dann einzuholen. Ich fing drei Fische, Schnapper um genau zu sein, danach wurde mir schlecht. Das Töten war zu viel für meinen Magen, ganz zu schweigen davon, dass ich im Allgemeinen den Anblick von Blut schlecht vertrage, das hatte ich nicht bedacht. Der Geruch nach Fisch, die kleinen Blutspitzer auf dem Weg zur Kühltruhe und der Schlafmangel (05:00 Uhr am Morgen mussten wir aufstehen) ließen mich einmal ordentlich seekrank werden. Es ärgerte mich, denn normalerweise genieße ich es sehr auf See zu sein… der Wind im Haar, der Salzgeschmack in der Luft und das Wasser unter mir. Aber mit jedem Fisch, der in der Kühlbox landete, wuchs meine Übelkeit und am Ende hoffte ich einfach nur, dass die Schnapper einen großen Bogen um unser Boot machen. Zurück an Land ging es mir schnell wieder besser und ich konnte mich durchringen meinen eigenen Fang zu filetieren. Außer dem Tötungsakt bin ich nun in der Lage mich in der Wildnis oder auf See zu ernähren. Einen Moment hab ich dennoch überlegt, vielleicht doch komplett Vegetarierin zu werden, wer weiß. 

Der letzte Abend in Coopers Beach war schließlich ein nettes Zusammensein mit Freunden von Sue und Brian, die wir in den letzten Wochen kennengelernt hatten. Der Abend war gesellig mit interessanten Gesprächen und viel Süßem wie selbstgemachtem Eis, unseren Cookies und Kuchen. Am nächsten Tag ging es für Emily und mich weiter nach Kaitaia. Der Bus fuhr am frühen Nachmittag und so nutzten wir den Vormittag für Yoga und ein letztes Bad im Whirlpool bei strahlendem Sonnenschein. Brian brachte uns schließlich in seiner Mittagspause zum Bus und unsere Reise in den Norden ging weiter.

6 Antworten zu „Helpx, Herausforderungen und Highlights”.

  1. […] es das Reisen, da meist eine Mindestdauer von einer Woche erwartet wird. Wie meine erste Helpx Erfahrung nun aussah, werde ich später ausführlicher […]

  2. […] Familie in Doubtless Bay kaufte zu meinem Erstaunen kein typisches fluffiges und weißes Toastbrot, sondern buk einmal in der […]

  3. […] hatte meine täglichen Übungen (der ein oder andere mag sich erinnern, dass ich bei meinen ersten Helpx Gastgebern mit dem regelmäßigen Yoga anfing) etwas eingestellt. Die neuseeländische Architektur sieht im […]

  4. […] waren wieder einmal eine sehr christliche Familie. Zusammen mit meiner ersten Helpx-Erfahrung in Cooper Beach haben sie mein Bild von neuseeländischen, streng gläubigen Christen geprägt. Und wie auch schon […]

  5. […] denn ich verließ Deutschland ohne Musik. Mein Plan war es, Musik unterwegs zu sammeln. Von Emily bekam ich ihre Lieblingsmusik und von anderen hatte ich auch schon die ein oder andere Empfehlung […]

  6. […] von Christchurch, die bei dem großen Erdbeben von 2011 zur Hälfte zerstört  wurde. Brian, mein Gastgeber aus dem Norden, hatte diese Naturkatastrophe selbst miterlebt und zeigte mir damals Bilder der Zerstörung. Der […]