Während der ersten Wochen in Neuseeland wuchs die Idee, zuerst den hohen Norden zu bereisen und mich dann langsam Richtung Süden durchzuschlagen. Also buchte ich ein Hostel im nächsten potentiell interessanten Ort: Whangarei.
Im Bus in Auckland kam ich mit zwei deutschen Mädchen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass sie das gleiche Hostel wie ich gebucht hatten. Auf ihrer letzten Tour wollten Wanda und Louisa ebenfalls in den Norden, bevor es für sie wieder nach Deutschland ging. Seltsamerweise begegnete mir dies recht häufig. Der Norden der Nordinsel ist anscheinend nicht das erste Ziel der Neuseeland Reisenden, sondern das letzte.
Whangarei
Im Dunkeln und bei strömenden Regen kamen wir in unserer Unterkunft an. Das Hostel an den Whangarei Falls war eher ein Campingplatz, aber einer von der luxuriösen Sorte mit Bücherlounge und Whirlpool, selbst das Zehnbett-Zimmer war erträglich. So sehr es am Tag meiner Ankunft auch geregnet hatte, so sonnig und warm war es schließlich die folgenden Tage und ich erkundete die Gegend zu Fuß. Zu den Whangarei Falls, dem tobenden und nebelversprühenden Wasserfall, war es nur ein kurzer Weg, doch durch den Regen war er ein gewaltiger Anblick. Entlang dem Flüsschen ging es weiter durch ein Waldstück zu alten Kauribäumen, die als “big trees” handschriftlich auf den Wegweisern vermerkt waren. Die Frische und der Geruch nach Grün war einfach das, was ich an diesem Tag brauchte. Auf dem Weg zum War Memorial, einem Aussichtspunkt, begegneten mir zwei Maori Mädchen. Sie kamen mir kichernd und Musik hörend entgegen. Als sie meine Kamera sahen, fragten sie nach einem “random photo for the camera”. Nach einem kurzen irritierten Zögern willigte ich ein und so posierten die beiden auf dem Waldweg für ein spontanes Foto. Kurz bevor sie ganz verschwunden waren, fragte ich noch nach ihren Namen, Ivy und Ja, – eine surreale Begegnung.
Am Denkmal angekommen konnte ich schließlich die ganze Bucht und Whangarei bis hin zu seltsam geformten Vulkanbergen überblicken. Breite Tafeln erklärten die Bedeutung der einzelnen Hügel und Orte für die Maori und eine Steinskulptur erinnerte an eine Schlacht zwischen Maoristämmen, die dort stattgefunden hat. Hier beschloss ich den Mt. Manaia zu besteigen. Gerade als ich den Ort verlassen wollte, begegnete mir eine der Französinnen aus dem Hostel und da wir das gleiche Ziel hatten, wanderten wir gemeinsam zu den Abbey Caves. Marine aus Lyon und ich hofften in den Abbey Caves Glühwürmchen zu sehen. Der Weg zu den Höhlen war matschig und den Eingang zur ersten Höhle übersahen wir glatt. Es gibt dort drei Höhlen, zwei kleinere, die an diesem Tag so überflutet waren, dass wir uns nicht hineintrauten, und eine größere Höhle. Als wir vor der größten Höhle standen und überlegten, ob wir den Abstieg wagen sollten oder nicht (es gab keinen Weg, nur Geröll und matschige Steine und einen schwarzen Schlund), und wir zweifelten, ob wir dort ohne Hilfe wieder herauskommen würden, überholten uns zwei große deutsche Jungs und stiegen ohne zu zögern in die Höhle hinab. Also beschlossen wir ihnen zu folgen, denn zur Not könnten sie uns ja helfen.
Es war rutschig und steil und irgendwann zogen wir unsere Schuhe aus und wateten durch das eiskalte Wasser. Ich war froh mein Kopflicht mitgenommen zu haben. Von Zeit zu Zeit verdeckte ich mein Licht und schaute zur Höhlendecke empor. Dort zog sich wie die Milchstraße eine Bahn von kleinen leuchtenden Punkten den Gang entlang, die Glühwürmchen. Sie leuchteten wie flouriszierende Sterne, die man mit Sonnenlicht auftanken kann. Die Jungs liefen weit vorneweg und immer tiefer in die Höhle hinein, bis sie zu einer steilen Wand kamen, wo selbst sie nicht mehr weiter wussten. Ich musste schon früher anhalten, denn eine Stelle war so tief, dass mir das Wasser bis zur Hüfte gereicht hätte. Ich wollte jedoch weder mich mit nassen Hosen auf den Rückweg machen, noch die Hose ausziehen, also war für mich dort Schluss. So hing ich am letzten Felsvorsprung und genoss den lebendigen Sternenhimmel über mir. Ich war jedes Mal froh, wenn ich einen Stein fand, auf dem ich mich vor dem kalten Wasser flüchten konnte. Ich fühlte mich fast wie Gollum in seiner Höhle, so von Stein zu Stein kriechend, kletternd und durch das Wasser watend. Der Rückweg war doch nicht so schwierig wie befürchtet und wir kamen selbst ohne die Hilfe der Jungs wieder ans Tageslicht.
Ein weiteres Highlight war die Landschaft hinter den Höhlen. Sie war atemberaubend, wie entsprungen aus einem Herr-der-Ringe-Film. Seltsam geformte, graue Steine waren auf satten, grünen Wiesen verteilt wie zu Stein erstarrte Trolle, während sich junge Bäume um sie wanden. Das ultimative Herr-der-Ringe-Erlebnis an diesem Tag! Ich hätte dort Stunden verbringen können, mit Staunen, Fotografieren und immer wieder neue Details Entdecken. Doch wir wollten nicht die Mitfahrgelegenheit mit den Jungs zurück nach Whangarei verpassen.
Whangarei Heads
Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, den Mt. Manaia zu sehen und zu besteigen. Dafür musste ich irgendwie in das 25 km entfernte Whangarei Heads kommen. Leider fuhr jedoch weder ein Bus noch jemand aus dem Hostel in diese Richtung und so blieb mir nur eine Möglichkeit: per Anhalter fahren. Von vielen Leuten aus den Hostels hatte ich mir sagen lassen, dass Hitchhiking in Neuseeland sehr gut funktioniert, und so wollte ich es ausprobieren. Es stellte sich heraus, dass es wirklich nicht so schwer ist, und die Mädchen-allein-auf-der-Strasse-Situation half, um schnell mitgenommen zu werden. Doch jeder, der mich ein Stück meinem Ziel näher brachte, ließ mich gleichzeitig versprechen, dass ich sehr vorsichtig bin und am Besten größere Strecken zu zweit fahren werde. Es waren meist Frauen, die mich mitnahmen. Eine Begegnung übertraf jedoch alle anderen: Stewart. Ein Althippie mit kurzen blonden Deadlocks, zerschlissenen Kleidern und einem rostigen Auto mit zwei Hunden auf dem Rücksitz, die lieber vorn auf meinem Platz sitzen wollten, nahm mich das letzte Stück zum Berg mit. Stewart war in dieser Gegend aufgewachsen, hatte ein paar Jahre in Australien gelebt und kam schließlich zurück. Er konnte mir von jeder Ecke, an der wir vorbeifuhren, eine Geschichte erzählen und seine Verwandten aufzählen, die dort wohnten. Zum Schluss gab er mir noch seine Nummer, falls ich eine Mitfahrgelegenheit zurück bräuchte.
Der Aufstieg zum Mt. Manaia schien nur aus Treppen zu bestehen (ich hatte ja keine Ahnung was mich beim Pinnacles Walk in Coromandel erwarten würde) und ich kam viel zu schnell aus der Puste. In solchen Situationen schwöre ich jedes Mal, mehr Sport zu machen, wenn ich zurück in Deutschland bin. Ob ich das dann auch einlöse? Bisher hat es noch nicht geklappt. Die Aussicht von der Bergspitze war umwerfend. Man konnte das Meer sehen, die Bucht und andere Berge (das klingt auf dem Papier irgendwie weniger spannend 😉 ) und ich machte ziemlich viele Fotos, die jedoch nur einen Bruchteil dessen wiedergeben, wie es wirklich vor Ort war. Man kann so schlecht das Gefühl festhalten, nach einem anstrengenden Aufstieg endlich anzukommen, die Weite zu sehen, die Tiefe der Landschaft und die Höhe des Berges. Man kann den Wind und die Sonne schlecht vermitteln. Daher finde ich Landschaftsfotografie beim Reisen oftmals sehr frustrierend. Wenn man sich die Bilder später anschaut, merkt man, dass man das Erlebte, die Atmosphäre nicht festhalten kann. Man muss selbst dort gewesen sein. Für andere sind es einfach schöne Bilder von Bergen oder der tausendste Wasserfall, den man fotografiert hat. Doch für den Reisenden sind es Geschichten, Gefühle, Herausforderungen, Erfolgserlebnisse, so klein sie seien mögen.
Kein Erfolgserlebnis war mein Irrweg zum Strand. Vom Mt. Manaia aus ist es noch ein gutes Wegstück zum Ocean Beach und ich wollte eine Abkürzung finden, doch verlief mich völlig. Nach dem frustrierten Eingeständnis, machte ich mich also wieder zurück zum Hostel auf. Mein Handyakku war leer, Stewart konnte ich nicht anrufen und fand so wieder mit der herkömmlichen Daumen-rausstreck-Methode die nächste Mitfahrgelegenheit. Dabei stückelte sich der Weg so zusammen, denn kaum einer fuhr direkt zurück nach Whangarei. Dann der Zufall: Stewart hielt neben mir am Straßenrand an, seine Hunde wurden auf den Rücksitz verbannt und er brachte mich bis vor die Haustür des Hostels. Zum Abschied bekam ich noch eine handvoll grüner Miesmuscheln geschenkt, frisch vom Strand gesammelt. Was für eine Begegnung! Nun stand ich da mit Muscheln, die ich noch nie in meinem Leben gegessen, geschweige denn gekocht hatte. Zum Glück war einer der Hotelgäste Koch und konnte mir eine kurze Anweisung geben, wie man sie dämpft. Da ich weder Butter noch Wein zur Hand hatte, gab es sie ohne alles und nur mit Toast, doch es war dennoch eine leckere Premiere.
Paihia, Waitangi und Russell
Mein nächster Stop entlang der Busroute nordwärts hieß Paihia und wurde als bezauberndes Küstenstädtchen in der Bay of Islands angepriesen. Für mich versprühte der Ort eher die Atmosphäre eines kleinen Mallorca. Alles war auf Touristen eingestellt. Es gab zahlreiche Unterkünfte für jeden Geldbeutel, Restaurants, Cafés, Souvenirshops und jede Menge Läden, in denen man die verschiedensten Outdooraktivitäten und Touristenattraktionen buchen konnte, von einer halbstündigen Kayaktour bis zum Helikopterrundflug. Selbst für das nahe Maoridorf in Waitangi war der Eintritt außerhalb meines täglichen Budgets. Waitangi ist ein wichtiger historischer Ort in der Siedlungsgeschichte Neuseelands. Hier wurde am 6. Februar 1840 der sogenannte Vertrag von Waitangi gemeinsam mit britischen Vertretern und Maoriführern unterschrieben durch den Neuseeland offiziell eine Kolonie Großbritanniens wurde.
Ich war zwiegespalten: Zum einen ist es natürlich ihr gutes Recht ihren Erwerb in Form der Vorstellung der Maorikultur zu erhalten, zum anderen möchte ich nicht die für Touristen aufbereitete Version von Kultur kennenlernen. Als Reisende träume ich von echter Kultur und der Begegnung mit echten Menschen und von keiner Zurschaustellung. Ich weiß nicht, ob ich das zu engstirnig sehe, doch an diesem Tag in Waitangi hat mich das Touristische des Ortes abgeschreckt. Daher ließ ich das Maoridorf hinter mir und wanderte zu den Haruru Falls. Der Weg führte mich durch einen sumpfigen Mangrovenwald. Dieser Abschnitt war besonders faszinierend, denn für mich war es das erste Mal, dass ich Mangrovenbäume sah und ihre Wurzeln und Sprossen, die aus dem Morast ragten. Der Wasserfall am Ende, war weniger beeindruckend.
Von Paihia aus kann man mit der Fähre stündlich nach Russell übersetzen. Zwar ist es hier ebenfalls touristisch, doch herrscht eher eine Wochenendausflügler Stimmung. Es gibt weniger Autos, man setzt sich in ein Café oder sucht den Weg zum nächsten Strand. Ich folgte der Straße zum letzten Landzipfel am westlichen Ende der Insel und wurde abermals mit einer wunderschönen Aussicht über die Bucht und das Meer belohnt. Am nahen Strand, der vor allem von Einheimischen besucht war, verbrachte ich den Rest des Tages, genoß die Sonne und ging endlich das erste Mal in Neuseeland im Meer schwimmen.
Helpx
Zufälligerweise traf ich in Paihia die beiden Mädchen Wanda und Louisa wieder. Wanda erzählte von ihrer Zeit in Neuseeland, die sie mit Woofing verbracht hatte und das bestärkte mich in meinem Vorhaben, mich endlich bei Helpx anzumelden. So verbrachte ich den letzten Tag in der Bay of Islands mit meiner weiteren Reiseplanung und bekam die Zusage von einer ersten Helpx Stelle in Doubtless Bay.
Zur Erklärung: Woofing, Helpx oder auch workaway sind Internetplattformen, wo man sich als Reisende anmelden kann und bei lokalen Familien, Farmen oder Hostels für einige Stunden am Tag arbeitet. Der Deal ist meist 4-5 Stunden für freie Unterkunft und Essen, oft auch mit Internetnutzung und Waschmaschine (was eben wichtig wird, wenn man länger unterwegs ist). Manchmal arbeitet man weniger und muss sich dafür selbst verpflegen. Der Vorteil dieser Art der Unterkunft: man schont die Reisekasse und lernt die Lebensweise der echten Kiwis (Neuseeländer) kennen. Gleichzeitig verlangsamt es das Reisen, da meist eine Mindestdauer von einer Woche erwartet wird. Wie meine erste Helpx Erfahrung nun aussah, werde ich später ausführlicher berichten! 😉





4 Antworten zu „Wasserfälle, (Glüh-) Würmchen und Wanderschuhe”.
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